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Vor knapp einem Vierteljahrhundert gab’s in Karlovy Vary beim Internationalen Filmfestival angesichts des Spielfilms „What’s Eating Gilbert Grape“ großes Rätselraten, ob der Jungschauspieler Leonardo DiCaprio „nur“ spielt oder er selbst wäre. Die Frage kam auf ob seiner überaus intensiven Darstellung eines geistig behinderten Teenagers in dem Drama von Regisseur Lasse Hallström. Allgemeine Ansicht damals: aus dem wird was Großes. Und so kam’s. Leonardo DiCaprio gehört seit Jahren zu den zugkräftigsten Schauspiel-Stars in Hollywood. Die Auszeichnungen, die er bereits einheimsen konnte, sind zahlreich, einige „Oscar“-Nominierungen inklusive. Bisher allerdings konnte er die begehrte goldene Statue nicht erringen. Jetzt sind seine Chancen sehr gut. Zuletzt war er vor zwei Jahren als bester Hauptdarsteller für „The Wolf of Wall Street“ nominiert worden, unterlag aber Matthew McConaughey („Dallas Buyers Club“). Dieses Mal sieht es ganz so aus als sei er konkurrenzlos.

Leonardo DiCaprio fesselt mit körperlicher Kraft und mimischer Brillanz. Er spielt Hugh Glass, der, die Angaben sind nicht ganz genau, um 1783 geboren wurde und um 1833 gestorben ist. In der US-amerikanischen Geschichte gehört der Trapper zu den Heroen des Wilden Westens. Jedenfalls in den Stories, die über ihn im Umlauf sind. Doch Regisseur Alejandro González Iñárritu erzählt kein Märchen von der Schönheit der Prärie. Er bietet ein vielschichtiges Drama um die Gewalt von Natur und Mensch. Die Story beginnt mit dem Vorhaben des Fallenstellers und Pelztierjägers Glass, 1820 den Missouri River zu erforschen. Dabei wird er von einem Grizzlybär angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Schlimmer als das Tier sind Glass’ Gefährten: sie erweisen sich als falsche Freunde, lassen den Hilflosen ohne Schutz und ohne Waffen zurück. Doch der gibt nicht auf. Getrieben von dem Wunsch nach Rache steht er gleichsam von den Toten wieder auf.

Anfangs sieht es so aus als werde das eine handfeste Ballermann-Ballade, in der Hollywood-Typen wie John Wayne eine Rolle spielen könnten. Aber der Eindruck verfliegt rasch. Denn Regisseur Alejandro González Iñárritu fackelt nicht lange und macht schnell deutlich, dass es ihm vor allem darum geht, hinter die Legende vom vermeintlichen Pioniergeist der Siedler zu blicken. Und da wird nichts Gutes offenbar: Das damals begründete Ideal von Gottes eigenem Land hat höllische Seiten, geprägt von der Gier nach Macht und Geld und von einer schier grenzenlosen Selbstüberschätzung.

Der Hauptdarsteller entspricht dem mit einer schnörkellosen Darstellung. Hugh Glass ist bei ihm ein skrupelloser Mann, der herrschen will, und der dafür auch über Leichen geht. Der Trapper wird so zum Symbol menschlicher Hybris an sich. Dabei denunziert DiCaprio die Figur nicht. Es ist kein Monster zu erleben. Doch immer, selbst wenn der Kampf ums nackte Überleben schier übermenschliche Anstrengungen verlangt, wird die im Grunde grausame Natur des Mannes deutlich. Man staunt, wie der Schauspieler das oft nur mit Blicken zeigt. Hochachtung! Unterstützt werden er und der Regisseur insbesondere von Kameramann Emmanuel Lubezki. Seine Bilder bedienen die Lust an visueller Schönheit, zeigen zugleich aber auch, wovon die Natur bedroht wird. Oft meint man, die Kamera würde abheben, schweben, im Gleitflug durch die Szenerien eilen. Da hat man schließlich sogar den Eindruck, vermittels dieser Kamera in die vorgeführten Charaktere eindringen zu können. Man wird als Zuschauer zu einem Mit-Akteur, bewegt sich fast schon souverän mitten im bösen Tanz aus Blut und Schweiß. Die Wirkung ist derart intensiv, dass man es manchmal kaum aushält. Etwas weniger Gewaltdarstellung hätte die Wirkung wohl kaum beeinträchtigt. Jedoch wird durch die Intensität ohne aufdringliche Reden deutlich erzählt, was für eine brutale Bestie der Mensch sein kann.

Peter Claus

Bilder: Fox

The Revenant – Der Rückkehrer, von Alejandro González Iñárritu (USA 2015)

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