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Regisseur Tom Hooper hat vor fünf Jahren mit „The King’s Speech“ einen der schönsten Publikumshits des Unterhaltungskinos der letzten Zeit herausgebracht. Dabei hat er das Leichte mit einigen durchaus in die Tiefe gehenden Gedanken angereichert. Wie schon da, so wendet er sich auch in seinem neuen Film einer wahren Geschichte zu. Erzählt wird vom dänischen Maler Einar Wegener. Der hat sich Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre, soweit bekannt als erster Mensch überhaupt, einer operativen Geschlechtsumwandlung unterzogen. Aus Einar Wegener wurde Lili Elbe. Um der Spannung willen verzichtet der Film auf manches historisch verbürgte Detail. Doch der Kern ist wahr. Und der Film mutet über weite Strecken wahrhaftig an.

Einar, der Maler, wird zunächst als Mann gezeigt, der gern den Bohemien gibt. Seine Frau spielt mit. Geht er zu einem Kostümfest als elegante Dame, hat auch sie ihren Spaß. Der von ihr ohne Wenn und Aber geliebte Mann jedoch hat da schon eine erste Ahnung von seinem wahren Ich. Im Folgenden wird der mühsame Prozess seiner Selbstfindung bis schließlich zur Neuerschaffung beleuchtet. Abgesehen von medizinischen Schwierigkeiten sind es vor allem die psychischen Probleme, die alles erschweren. Eines Tages aber erblüht Lili und erlebt ein enormes Glück. Als Zuschauer ahnt man, dass dies nicht von Dauer ist.

Eddie Redmayne schenkt Einar / Lili eine enorme Präsenz. Der Engländer nimmt einem fast den Atem. Subtil zeigt er den inneren Kampf von Einar / Lili. Dabei dominieren feine Striche. Neben ihm besticht die Schwedin Alicia Vikander als Einars Frau Gerda. Auch sie baut auf ein eher verhaltenes Spiel. Damit gelingt ihr das facettenreiche Porträt einer Frau, die sich beinahe selbst verliert, nur um dem geliebten Menschen zu helfen. Im Zusammenspiel Beider wird deutlich, wie fragil Liebe sein kann. Matthias Schoenaerts, Ben Wishaw und Sebastian Koch ergänzen die Hauptdarsteller in kleinen Rollen perfekt. Ein Fest für Freunde der Schauspielkunst.

Tom Hoopers Inszenierung vertraut lange auf behutsame Töne. Mit Fortschreiten der Geschichte setzt er punktuell auf etwas zu viel Tamtam. Am deutlichsten wird das beim Musikeinsatz. Da werden gelegentlich die Gefühle der Protagonisten zu laut, zu überdeutlich, illustriert. Und wenn dann das Finale ansteht, wird die Tragik mit einem etwas vordergründigen Bild übertüncht. Das Schlussbild will wohl ein Plädoyer für die Individualität sein. Das ist, grad heutzutage, da die Intoleranz weltweit wächst, gut. Nur so platt, wie hier, ist es nicht wirklich wirksam. In Erinnerung aber bleibt Dank der Schauspieler anderes. Da muss der Kameramann Danny Cohen gewürdigt werden. Er schwelgt in spröden skandinavischen Landschaften und schillernden Interieurs, erschafft gleich einem Maler mit Licht und Farben Seelenbilder, in denen er das Innere von Menschen in Extremsituationen spiegelt. Auch und gerade durch die visuelle Gestaltung kommt man den Figuren sehr nah. Da hat man dann Begegnungen, die das eigene Leben wirklich bereichern.

Peter Claus

Bilder: Universal Pictures

The Danish Girl, von Tom Hooper (USA / Großbritannien 2015)

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