Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (Regie: Luc Besson)

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Am Ende guckt man mindestens verdutzt aus der Wäsche und fragt sich, um was es bitte ging in den mehr als zwei Stunden Kino, mit denen man grad vollgestopft worden ist. Man darf also streiten, ob diese Comic-Adaption eher zur Kategorie cineastischer Schrott gehört – oder doch als Geniestreich des Science-Fiction-Genres zu feiern ist. Um es gleich zu sagen: die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte.

Die Rezensenten sind uneinig. Von heftiger Ablehnung bis zu jubelnder Zustimmung ist alles zu finden. Klar ist: Der Film ist laut, im direkten wie im übertragenen Sinn. Es wird nahezu unentwegt geballert, geprügelt und gehetzt. Grelle Effekte purzeln nur so übereinander. Augenblicke der Besinnung sind rar. Die wirre Story baut auf einem Uralt-Kintopp-Muster auf: Boy meets Girl. Wo Claudette Colbert und Clark Gable 1934 in „It Happened one Night“ eine Busfahrt durch die USA reichte, muss es diesmal ein abenteuerlicher Ausflug quer durchs All sein. Weltenrettung ist angesagt, bunt bebildert in vielen Episoden und Episödchen. Abgetaucht wird dabei in die Welten des 28. Jahrhunderts. Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne), die Protagonisten, sind Spezialagenten der Regierenden eines Reichs unzähliger Planeten, mit Völkern, unterschiedlichen Spezies, verschiedenen Kreaturen. Wer da wen beherrscht, ist nicht ganz genau auszumachen. Klar ist nur: die Erdenbürger sind natürlich die Besten und stehen ganz oben in allen Hierarchien. Uniformierte befehlen, Valerian und Laureline müssen gehorchen. Dabei leben sie ständig im Irrealen. Stets ist unklar, was wirklich materiell vorhanden und was lediglich virtuell ist. Gibt es diesen Strand da tatsächlich, jenes Büro hier, den Berg, das Planetensystem? Es ist nie mit Sicherheit zu sagen. Was die Zwei nicht weiter stört. Sie interessieren sich sowieso nur für sich selbst. Die Beiden tänzeln umeinander, allein beschäftigt mit der Frage, ob sie füreinander geschaffen sind und miteinander den Bund fürs Leben eingehen sollten. Erst mal aber müssen sie schuften. Sie sollen eine Art Meerschweinchen im Reptilien-Look, wovon es nur ein einziges gibt, aufspüren. Das Besondere an dem putzigen Viecherl: Steckt man ihm was ins Maul, kann der kleine Mops das in Sekundenschnelle reproduzieren.

Zu Beginn des Films, als eine Art Vorspiel, sehen wir das begehrte Tier im Einsatz: Auf einem Planeten namens Mül, der wie eine Kreuzung von Tropen-Kitsch und Vergnügungspark-Kulisse anmutet, reproduziert es auf Geheiß der Bewohner Perlen am laufenden Band. Diese Perlen sind die entscheidende Lebensgrundlage der durchweg wie magersüchtige Menschen wirkenden Kreaturen auf Karnevalstour namens Pearls. Denen wird gerade der Garaus gemacht wird: Vom Himmel stürzen vernichtende Feuer und zerstören das vermeintliche Paradies. Kommen dann Valerian und Laureline zum Einsatz, läuft alles darauf hinaus, zu erklären, was da passiert ist. Wobei man als Zuschauer höllisch aufpassen muss, um das auch zu kapieren.

Luc Besson („Nikita“, „Léon – Der Profi“, „Das fünfte Element“) kennt die Comics seit seiner Kindheit. Schon immer, sagt er, habe er die 1967 gestartete Reihe „Valérian Et Laureline“ (in Deutschland: „Valérian und Veronique“) verfilmen wollen. Bei seinem Welterfolg „Das fünfte Element“ wären bereits stilistische Inspirationen eingeflossen. Aber erst die Möglichkeiten modernster Computertechnik haben das ermöglicht. Diese Technik hat denn auch einen einzigen visuellen Rausch erschaffen. Man staunt. 180 Millionen US-Dollar soll das gekostet haben. Tatsächlich gibt es viele atemberaubende Bilder von verschiedensten Lebensräumen und unterschiedlichsten Lebewesen, die fesselnd sind. Nur wirkt das in der enormen Fülle doch recht schnell auch ermüdend. Ziemlich rasch wünscht man sich, es würde mal für ein paar Minuten behäbig auf der Leinwand. Man möchte Luft holen, der Überreizung entkommen. Das bleibt aus und so wird der Genuss auch zur Anstrengung.

Natürlich: Held und Heldin wird auch keine Ruhe gegönnt. Militärboss Arun Filitt (Clive Owen) will, dass sie schnell mal die Mega-Raumstation Alpha mit 17 Millionen Bewohnern retten. Alpha, Heimstatt Tausender unterschiedlichster Spezies aus allen Ecken und Winkeln des Universums, wird laut Filitt von einem Virus bedroht. Dann tauchen Pearls auf und entführen den Kommandant. Womit unter viel Geballer und Gedröhn schnell auch noch ein paar philosophische Fragen aufgeworfen werden. Und endlich kommt auch der Moment, in dem Valerian und Laureline zu einer Entscheidung finden müssen, ob sie sich nun auch in Liebe miteinander verbinden – oder das doch lieber lassen.

Laut Eigenwerbung des Films sind mehr als 2.700 Spezialeffekte eingesetzt worden. Daran zweifelt man nicht. Das visuelle Feuerwerk ist schier gigantisch. Science-Fiction-Fans entdecken unzählige Anspielungen auf Hits, sei es „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „Planet der Affen“, „Soylent Green“ „Total Recall“, „Star Wars“ oder „Avatar“. Ganz am Anfang wird – noch vor der Bebilderung der Zerstörung des Planeten Mül – zu David Bowies Song „Space Oddity“, schnell, schnell, die Eroberung des Weltalls durch die Menschheit gezeigt. Das ist amüsant und steigert sich zu satirischem Format. Freilich wird hier schon deutlich, dass Luc Besson, egal, wie viele Formen von intelligentem Leben es geben mag, den Mensch als Maß aller Dinge betrachtet. Bei einem Film, der am Ende pathetisch Friede, Freude und Gleichberechtigungs-Phrasen feiert, ist das mindestens fragwürdig. Fragwürdig auch: In den Comics, die als Vorlage dienten, werden auf ernst zu nehmende Art wichtige Themen verhandelt, etwa die Macht von Großkonzernen und die Umweltzerstörung. Karl Marx’ Schriften beispielsweise haben einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Comics gehabt. Luc Besson hat das in seinem Film über Bord geworfen.

Technisch interessant ist, dass Besson nicht in 3D gedreht, den Film aber im Nachhinein in das dreidimensionale Format umgewandelt hat. Wohl nur in Sachen 3D hochqualifizierte Kinobesucher werden sagen können, ob das Auswirkungen auf den Look hatte. Der Durchschnittsbesucher wird, die für den Genuss notwendige Brille auf der Nase, einfach nur überwältigt.

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Dane DeHaan als Valerian und Cara Delevingne als Laureline wirken durchweg sympathisch und halten das Publikum bei Laune. Sie dürfen turteln und Sex Appeal ausstrahlen, dass es nur so knistert. Man ist lange Zeit wirklich gespannt, ob es ein Happy End gibt oder nicht. Zudem werden altbackene Klischees vom starkem Mann und der schwacher Frau pointiert auf die Schippe genommen. Ein großer Spaß. Den schauspielerischen Clou des Films liefern allerdings zwei Nebendarsteller: die von Barbados stammende R&B- und Pop-Sängerin Rihanna als Wesen namens Bubble, das sich in unendlich viele Formen verwandeln und natürlich auch exzellent singen kann und der Texaner Ethan Hawke. Auf den ersten Blick kaum zu erkennen, agiert er herrlich überdreht als flippiger Zuhälter, der in dem modernsten aller Kino-Universen kräftig Profit aus dem angeblich ältesten Gewerbe der Welt herausholt. Da kringelt man sich vor Vergnügen im Kinosessel. Und dann gibt es da noch kindsgroße watschelnde Vogel-Wesen mit langen Rüsseln, riesigen Augen und wenig Haaren auf dem Kopf. Sie treten stets als Trio auf, quatschen ununterbrochen und sind clevere Geschäftsleute. Sie handeln mit Informationen. Was ihnen schließlich eine Schlüsselrolle in dem Abenteuer zukommen lässt. Immer naive Unschuld vortäuschend, doch zugleich klar machend, dass sie es faustdick hinter den Ohren haben, sind die Auftritte der Drei von so ansteckender Fröhlichkeit, dass man einfach nicht anders kann als sie zu mögen. Sie sollten unbedingt mehr Auftritte bekommen, wenn’s denn tatsächlich zu einer von Luc Besson bereits angedachten Fortsetzung des Spektakels kommt.

Peter Claus

Bilder: © Europacup / Universum

Valerian – Die Stadt der tausend Planeten, von Luc Besson (Frankreich 2017)

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