Casting (Regie: Nicolaus Wackerbarth)

SÜDWESTRUNDFUNK
Dreharbeiten zum SWR Fernsehfilm „Casting“ - Der improvisierte Fernsehfilm von Nicolas Wackerbarth spielt hinter den Kulissen einer Filmproduktion
Dreharbeiten zum SWR Fernsehfilm „Casting“ - Der improvisierte Fernsehfilm von Nicolas Wackerbarth spielt hinter den Kulissen einer Filmproduktion 
Mit vierzig schon ausrangiert? Ein Schauspieler will seinen Traum von der Selbstverwirklichung nicht aufgeben und versucht verzweifelt, sich in einem Spiel zu behaupten, das er längst verloren hat. Um Selbstentblößung und Allüren, Ängste und Machtspielchen, um Taktik bis hin zum Verlust der Integrität bei der Jagd nach einer Rolle geht es in dem bissig-komischen Fernsehfilm „Casting“ (AT), den Nicolas Wackerbarth zurzeit in den Studios des SWR in Baden-Baden inszeniert. Die Schauspieler Andreas Lust, Judith Engel, Milena Dreißig, Nicole Marischka und Stephan Grossmann sowie Ursina Lardi, Marie-Lou Sellem, Corinna Kirchhoff, Victoria Trauttmansdorff und Andrea Sawatzki haben sich dabei auf das Abenteuer eingelassen, Szenen und Figuren nur auf der Basis weniger Andeutungen beim Drehen zu improvisieren. Das Konzept dazu schrieb Nicolas Wackerbarth gemeinsam mit Hannes Held. Bis Anfang Juni wird gedreht, der Ausstrahlungstermin im Ersten ist noch nicht bekannt.
 
© SWR/Johannes Krieg, honorarfrei – Verwendung auch bei Social Media gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter SWR-Sendung bei Nennung "Bild: SWR/Johannes Krieg" (S2+). SWR-Pressestelle/Fotoredaktion, Baden-Baden, Tel: 07221/929-22202, foto@swr.de

Nicolaus Wackerbarths dritter Spielfilm hat es in sich: vordergründig geht es um eine Entlarvung der bis zur Unmenschlichkeit bizarren Strukturen im Film- und Fernseh-Geschäft. Tatsächlich zeichnet der Film jedoch ein Porträt unserer Gesellschaft, das düsterer kaum ausfallen könnte.

Das Geschehen: eine junge Regisseurin will / darf fürs Fernsehen ein Remake von Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972) realisieren. Drehstart soll in fünf Tagen sein. Noch hat sie keine Hauptdarstellerin. Sie lässt mehrere Schasupielerinnen vorsprechen. Und kann sich für keine von ihnen entscheiden. Schließlich wird über ihren Kopf hinweg entschieden …

Wie in Fassbinders Film, der auf einem Theatertstück von ihm selbst basiert, werden Machtstrukturen vorgeführt, das Wechselspiel von sich-klein-machen und auf-anderen-herumhacken. Viele Szenen wurden improvisiert. Man hat den Eindruck, wirklichen Ereignissen beizuwohnen. Klug: so aufgeregt die Protagonistinnen oft auch sind, so unaufgeregt mutet die Erzählhaltung an. Das verstärkt die ohnehin große Intensität noch einmal. Sentimentalität kommt dabei nicht auf, allenfalls Zorn.

Keine Nabelschau, kein Kunst-contra-Kommerz-Disput, wenn der Aspekt auch reinspielt. Vor allem geht es darum (und das gelingt), den Zuschauer zum Überdenken eigenen Verhaltens zu bringen, sich zu fragen, ob sie oder er sich – oder andere! – nicht schon viel zu oft klein gemacht hat, um nur ja keinen Vorteil zu verlieren. Moralisieren in bestem Sinn!

Peter Claus

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