Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? (Regie: Kerstin Polte)

Leicht, charmant, im besten Sinne verrückt, schön schräg und skurril, zugleich erdverbunden und federleicht, romantisch und voller Lebensweisheit, bar jeglicher Schulmeisterei – das kann kein deutscher Spielfilm sein! Wie schön, dass das Vorurteil hier widerlegt wird.

Um es gleich zu sagen: Dieser Spielfilm ist nicht „Oscar“-verdächtig und wird wohl auch hierzulande keinen wichtigen Preis bekommen (obwohl er einige durchaus verdient hätte, allen voran Hauptdarstellerin Corinna Harfouch). Egal! Das Spielfilm-Debüt von Autorin und Regisseurin Kerstin Polte macht einfach höllisch viel Spaß, lässt schmunzeln, zaubert manche Träne in die Augenwinkel und lässt übers Sein und Werden nachdenken.

Es sind kleine Momente sprudelnder Fantasie, die einem in Erinnerung bleiben. Etwa dieser: Der liebe Gott – nun ja, ein Herr, der sich zumindest für den Lieben Gott hält – bekommt einen Kinnhaken. Er spürt den Schmerz eine ganze Weile. Doch er zürnt nicht. Er bedankt sich sogar.

Es sind kleine, feine skurrile Szenenfolgen, wie diese, die sich einprägen. Sie sind typisch für diesen Spielfilm, der vielleicht am besten mit dem Etikett „melancholische Märchenkomödie“ versehen werden darf. Wobei die Melancholie mit viel Humor der angenehm leisen Art gewürzt ist. Das macht einen staunen. Denn es gelingt, über so Schwergewichtiges wie Lebensangst, Krankheit und Sterben mit heiterer Erzähllust nachzudenken. Aufgeblättert wird eine kurze Familienchronik. Sie beginnt, als alles zu spät zu sein scheint: Charlotte (Corinna Harfouch) und Paul (Karl Kranzkowski) sind bald vier Jahrzehnte miteinander verheiratet. Gepflegte Routine hat ihrer Gemeinsamkeit allen Reiz genommen. Von Lebenslust findet sich keine Spur. Auch ihre chaotische Tochter Alex (Meret Becker), die sich mühsam als Fahrlehrerin durchschlägt und versucht der 11-jährigen Jo (Annalee Ranft) eine gute Mutter zu sein, wandelt alles andere als fröhlich durchs Dasein. Eine Kurzschlusshandlung Charlottes wirft die Truppe aus den fest geschriebenen Bahnen: sie lässt Paul auf einem Rastplatz zurück und düst mit dem Auto davon. Daraus entwickelt sich ein verspieltes Road Movie. Alex und Paul suchen nach Charlotte, an deren Seite sich auch Enkelin Jo ins Ungewisse aufgemacht hat. Die Verfolger bekommen Unterstützung von der flippigen Fernfahrerin Marion (Sabine Timoteo). Alle Charaktere landen auf einer einsamen Insel bei einem kauzigen Pensionswirt namens Horster (Bruno Cathomas). Er hält sich tatsächlich für Gott. Wie die Beteiligten auf der Leinwand, glaubt man ihm das auch als Zuschauer – wenn man sich auf die Figuren, ihre Geschichten und den Erzählstil einlässt.

Das ist der Knackpunkt. Wer sich nicht auf den immer etwas überdrehten Ton sowie das Beschwören fabelhafter Fantasiegespinste (wie etwa bemooste Möbel in einer Pension oder eine Trucker-Matadorin, die offenbar frei jeglicher Verpflichtungen nur so durch die Gegend düst, und die vielleicht gar nicht von dieser Welt ist, sondern ein Engel) einlassen mag, wird mit dem Film nichts anfangen können. Aber es ist schon sehr schwer, sich nicht auf diese Reise ins Innere des Seins mitnehmen zu lassen. Denn diese Fabulierlaune ist hemmungslos ansteckend.

Und: Da ist die Präsenz des von Corinna Harfouch schlichtweg grandios angeführten Schauspiel-Ensembles, eingebettet in eine wagemutige Inszenierung, die das Geschehen über dem Erdboden schweben lässt. Wer Kino-Zauber mag, wird ganz schnell mitten in die Ereignisse hineingezogen. Kerstin Polte erzählt weitestgehend geradlinig. Aber sie erlaubt sich einige Extravaganzen. So beginnt der Film mit einem Satz Horsters. „Hallo, ich glaub’, ich bin depressiv.“ Da weiß der Zuschauer noch nicht, wer er ist und welche Rolle er überhaupt spielt. Das wird alles erst sehr viel später klar. Kurz stellt Charlotte eine Frage. „Wer würde schon merken, wenn ich auf einmal nicht mehr da wäre?“ Und auch der Grund dafür erschließt sich dem Publikum erst im Nachhinein. Da erst weiß man denn auch, welche Pein diese Frau, die viel jünger aussieht, als sie wohl ist, umtreibt. Und man ahnt, längst mit den Protagonisten auf der Insel angekommen, dass einen keineswegs ein hübsch verpacktes rosarotes Happy End erwartet.

Als Autorin hat Kerstin Polte ihren Akteuren viele gehaltvolle Monolog- und Dialogzeilen geschenkt, die den Figuren erfreulicherweise einige Geheimnisse lassen. Da wird nicht jeder Gedanke, nicht jedes Gefühl aufgedröselt und erklärt. Was den Zuschauern die wunderbare Möglichkeit gibt, sich selbst einzubringen. Freilich: Manchmal klingt das ein wenig nach Poesiealbum. Doch das machen die Darsteller mit ihrer Präsenz wett. Corinna Harfouch beispielsweise gelingt eine messerscharfe Gratwanderung zwischen Komik und Tragik, indem sie hundertprozentig auf leise Töne und verhaltene Gesten setzt. Wenn ihre Charlotte verzweifelt nach dem eigenen Ich sucht, ist man nur zu gern an ihrer Seite. Und wird schließlich klar, welcher psychischen Belastung diese Frau ausgesetzt ist (um der Spannung willen sei das hier nicht verraten), ist man als Kinobesucher tief berührt – wie lange nicht mehr von einer Frauenfigur im deutschen Kino. Um Harfouch herum und neben ihr ist ebenfalls mitreißendes Schauspiel zu genießen. Kerstin Polte hat alle ihre Akteure zu einem feinen Ensemblespiel gebracht. Fein ist ohnehin das Stichwort für ihre Inszenierung. Ob Bildgestaltung, Montage oder Musikeinsatz: Sensibilität dominiert. Da gibt es etwa eine erotisch aufgeladene Liebesszene zwischen Alex und Marion. Exquisit fotografiert und mit Esprit gespielt, entfaltet diese Szene die ganze Kraft, die schöne Ungeheuerlichkeit, die wahre Liebe ausmacht. Das ist nur ein Moment, aber was für einer! Spätestens da fällt einem auf, dass Kerstin Polte etwas bietet, was es beispielsweise in guten US-amerikanischen Filmen oft gibt. Kleine Verweise, ja Mini-Nummern, reichen aus, um neben der Geschichte der Hauptfiguren auch nachvollziehbar in die Welten der wichtigen Nebenfiguren einzutauchen. Allein, weil sie das so gut kann, freut man sich auf den nächsten Spielfilm dieser Autorin und Regisseurin.

Ach, ja: Zum Ende hin gibt’s eine Antwort auf die Titelfrage des Films. Da darf man schmunzeln. Und man beginnt darüber nachzudenken, wie wir es wohl schaffen können, unsere mehr und mehr von Empathie-Mangel gekennzeichnete Gesellschaft, in der die Achtung des Anderen zur Ausnahme zu werden droht, aufzupolieren. Das ist viel für einen Kino-Film, sehr viel.

Peter Claus

Bilder: © Alamo

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