Leid und Herrlichkeit (Regie: Pedro Almodóvar)

Pedro Almodóvar wird im September grad mal 70 – und legt schon jetzt ein stark von Altersweisheit geprägtes Werk vor. Staunen ist angesagt. Soviel Kino-Wonne ist selten!

Der spanische Autor und Regisseur ist in den letzten drei Jahrzehnten mit Auszeichnungen geradezu überhäuft worden: „Das Gesetz der Begierde“ erhielt 1987 den Teddy Award der Berlinale, nahezuunzählige Preise in seiner Heimat Spanien folgten, 2000 gab’s den Oscar für den besten fremdsprachigen Film und den Europäischen Filmpreis für „Alles über meine Mutter“, 2003 den Oscar für das beste Originaldrehbuch zu „Sprich mit ihr“, 2006 die Goldene Palme des Festivals von Cannes für „Volver – Zurückkehren“.

Und die nächste große Ehrung ist schon in Sicht: Im September will das Filmfestival in Venedig Almodóvar einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk überreichen. Die wohl wichtigste Auszeichnung aber hat im das Publikum überall auf der Welt gegeben: Treue. Kaum ein zweiter europäischer Filmkünstler hat eine so beständige Anhängerschaft wie Almodóvar.

Sein jüngster Spielfilm packt ungewöhnlich intensiv, weil Pedro Almodóvar eines beherzigt: Wirkliche Kunst muss sich ums große Ganze drehen, spiegelt den unaufhaltsamen Kreislauf von Geburt und Tod mit dem komplizierten Geflecht von Religion und Sex, Individualität und Gesellschaft. Almodóvar ist dies in den letzten drei Jahrzehnten so intensiv und einfallsreich wie nur wenigen anderen Filmkünstler immer wieder gelungen. Dabei ahnte man stets, dass er viel von sich selbst preisgibt. Dieses Mal allerdings verblüfft er damit, dass er sich scheinbar regelrecht entblößt. Wobei klar ist, dass man das nicht eins zu eins nehmen sollte. All die Stücke des Puzzles changieren geschickt zwischen Erlebtem und Erdachtem.

Star des Films ist Antonio Banderas. Im Mai in Cannes bekam er die Auszeichnung als bester Hauptdarsteller. Banderas, der wohl international erfolgreichste spanische Schauspieler in der Geschichte des Kinos mit beachtlichen Hollywood-Erfolgen („Philadelphia“, „Die Maske des Zorro“, „69 Tage Hoffnung“), wurde als Anfänger entscheidend durch die Zusammenarbeit mit Pedro Almodóvar gefördert. In den 1980er Jahren etablierte er sich mit dessen Filmen „Labyrinth der Leidenschaften“, „Matador“ und „Das Gesetz der Begierde“ als Star. Stets waren die Figuren, die Banderas auch in der Folge bei Almodóvar verkörperte, von der Persönlichkeit des Autors und Regisseurs geprägt worden. Dieses Mal wirkt das nahezu unverschlüsselt: Banderas ist der Film-Regisseur Salvador. Er wächst in der spanischen Provinz auf, in den 1960er Jahren. Schon früh weiß der Junge um seine Leidenschaft für das Kino. Mutter Jacinta (in jungen Jahren: Penélope Cruz), die den Sohn abgöttisch liebt, will nur eins für ihn: ein besseres Leben als sie ihm bieten kann. Als sie sich aufmacht zum Sterben (jetzt gespielt von Julieta Serrano) blickt Salvador auf sein Leben zurück. Die Bilanz fällt durchwachsen aus – geprägt von „Leid und Herrlichkeit“.

Penélope Cruz und Asier Flores ( Fozo © Studiocanal / El Deseo / Manolo Pavón)

Eine Schlüsselszene der Erzählung ist jene, da die greise Jacinta ihren Sohn auf dem Sterbebett ermahnt, es doch mit dem Verweben von Wirklichkeit und Fiktion nicht zu sehr zu übertreiben. Das könnte in tränenfeuchtem Kitsch ertrinken. Nicht bei Almodóvar. Selbst hier gelingt es ihm, Schrecken und Schönheit geradezu leichtfüßig miteinander zu verweben. Das gilt für den ganzen Film. Durchweg liegen Lachen und Weinen dicht beieinander, werden düstere Augenblicke durch das Aufblitzen von Humor erhellt. Dazu gehört auch eine gehörige Portion Ironie: Almodóvars Alter ego Salvador ist alles andere als ein Strahlemann. Er wirkt oft selbstverliebt, rücksichtslos, erfolgssüchtig. Doch er hat ein weites Herz und die Gabe, Freundschaften daraus zu speisen. Er ist also bei aller überragenden künstlerischen Begabung nichts anderes als ein ganz durchschnittlicher Mensch, der um seine dunklen Seiten weiß, und der gelegentlich an der die Welt überschwemmenden Dummheit verzweifelt. Genau darum ist er eine ideale Identifikationsfigur, die jeden im Publikum sofort in den Bann schlägt und zum Nachdenken über sich selbst anregt. Neben der erzählerischen Raffinesse ist das in hohem Maß tatsächlich dem Können von Antonio Banderas zu danken. Selten zuvor mutete er derart leichtfüßig an. Immer wieder wirkt’s, als stelle er sich kurz neben die Figur, signalisiere den Zuschauern in stummer Zwiesprache, dass man das alles doch bitte nicht all zu ernst nehmen solle. Wobei es durchaus bitterernste Momente gibt. Wenn da beispielsweise plötzlich Salvadors ewig vermisster Ex-Liebhaber Federico (Leonardo Sbaraglia) wie aus dem Nichts auftaucht, bekommt man unwillkürlich eine Gänsehaut. Geradezu nervenaufreibend wird es, wenn da  einer der wohl ungewöhnlichsten Küsse der Filmgeschichte ausgetauscht wird: zugleich herzzerreißend traurig und voller überbordendem Begehren. Man darf staunen, wie es Almodóvar hier gelingt, das Gewicht der Story zu stärken und zugleich darauf zu verweisen, dass Geschichten im Kino immer ausgedacht sind, immer Illusion, immer auch Lug und Trug.

Wie schon mehrfach, ist dieser Spielfilm auch eine Liebeserklärung Almodóvars an seine Mutter. Insbesondere in den Rückblicken auf Kindheit und Jugend des Protagonisten darf sie glänzen. Penélope Cruz verkörpert die Figur herzerwärmend direkt, porträtiert in gar nicht so vielen Auftritten erstaunlich facettenreich eine Frau aus dem Volk, die um die Bedeutung von Bildung für die Zukunft ihres Sohnes weiß. Es ist das Lachen Jacintas, ihre darin zu hörende Liebe zu ihrem Sohn, die sich tief und nachhaltig einprägt. Pedro Almódovars bevorzugter Kameramann José Luis Alcaine zeigt all das berauschend in satter Schönheit. Er schenkt den Erinnerungen und Phantasien Pedro Almodóvars den schönsten Kino-Zauber.

Peter Claus

Bild ganz oben: Pedro Almodóvar und Antonio Banderas. © Studiocanal/ El Deseo/ Nico Bustos

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