Fliegenköpfe (10)

BÜCHERBRIEF AN ALF

lieber alf,

ja, die löcher, in die man fällt: diese werbung für ichweißnichtwas, in der leute rumstehn in kaum knöcheltiefem wasser: und jemand tritt zwischen sie und geht auf der stelle im seichten unter. funktioniert genauso gut andersrum: das loch, in das man zu fallen droht, ist keins, sondern ein aufgemalter dunkler kreis. die schwarzen dinger, in denen alles verschwindet (und die sich neuerdings fotografieren lassen, als hätten sie jede scheu verloren und jedes geheimnis: vielleicht holt man eines tages auch das, was darin verschwunden ist, wieder ans licht), stehen auf einem anderen planetensystem. die sterne, die du in josephine rowes roman gesehen hast, natürlich gesehen hast: auffallend oft, wie sie erwähnung finden, nicht selten in schönen konstellationen und bildern (das kann sie, die junge australierin: sprache zu sinnlichen plastiken fügen: manches davon möchte man in vitrinen ausstellen. was sie nicht kann, ist: eine geschichte erzählen. ihr fehler ist, daß sie es dennoch versucht: sie könnte sich einfach auf ihren rhythmus verlassen und daß er, wie die wellen, strandgut und seesterne ans ufer trägt). also, die sterne bei ihr: und du nennst, wie rowe schreibt, stellar: siehst du, manchmal greifen die vorgaben (leider kursiert dieses wort, stellar, in den feuilletons gerade wie ein böses gerücht, mag sein, die schreiber greifen auch deshalb ins all, weil sich mit dem, was sich auf der erde noch tut, kein blumentopf mehr zu gewinnen ist). (ich weiß nicht, warum: aber mir geraten diesmal jede menge klammern dazwischen). was ich noch sagen wollte: aufzählungen. listen. so zahlreich in rowes buch wie die sterne. aber nicht nur bei ihr. gibt es überhaupt einen literaten, der sich nicht mittels listen fortbewegt? irgendwann fällt es einem auf. und dann ist es wie mit der elf: einmal ins blickfeld geraten, siehst du sie überall. listen scheinen sich zu lohnen. man sollte keine bücher schreiben ohne listen drin: hat wolfgang herrndorf in ‘arbeit und struktur’ erklärt. susan sontag spricht von ihrem drang, listen aufzusetzen in ‘ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke’. paul auster betreibt das mit den listen geradezu obsessiv, seine frau siri hustvedt auch. und manchmal wird es einem zuviel, man könnte ihnen ihre listen ordentlich um die ohren hauen: hier hast du eine liste der listen, die hustvedt in ihrem roman ‘damals’ angefertigt hat: – was ihre mutter vergißt – detektivische fähigkeiten, die ihr romanheld ian feathers trainiert – ländliche wahrheiten, an denen ihr vater festhält – fragmente ihrer kindheit, die sie noch im gedächtnis hat – dichter, deren werke sie in ihrer wohnung rezitiert – einzelheiten ihres jugendlichen liebhabers, an die sie sich erinnert – maßnahmen, die sie trifft, um geld zu sparen – bilder ihrer mutter in ganz unterschiedlichen situationen, die sie im kopf hat – dinge, die die ordnung stören und bekämpft werden müssen – fragen zu ihrer existenz in bezug auf die zeit – dinge, die sie in ihrer vorstellung als ärztin mal tun will – all das heldenhafte, das sie sich in bezug auf sich selbst ausmalt – fragende überlegungen zur handhabung von zeit und wahrnehmung – dinge bezüglich ihrer schwester, an die sie sich schon lange nicht mehr erinnert hat – die vielen arten des bedauerns, die sich im raum der frau doktor angesammelt haben – zeichen und hinweise, die eine geschichte ergeben können – dinge, die aus einem abgeschlossenen zimmer verschwinden können – erinnerungen an ihren vater auf dem sterbebett. und eine liste mit beispielen ihrer synästhesie, die quer übers buch verstreut ist. (in ihrem roman ‘die gleißende welt’ standen auch weit mehr als elf listen).

am anfang war die liste, sagt georgi gospodinov in ‘physik der schwermut’. erinnerst du dich an das grandiose kopfkissenbuch der hofdame sei shonagon? ist mittlerweile fast 1020 jahre alt: und die listen darin sind von anmutiger waghalsigkeit (was anders tönt als gewöhnlich. was gewinnt, wenn man es malt. was sich nicht wiedergutmachen läßt. was gut ist, wenn es kurz ist. was kein vertrauen erweckt. was zerstreut, wenn man langeweile hat). und warst nicht du es, der mir joe brainards ‘ich erinnere mich’ empfohlen hat? ein listenbuch par excellence. zu dem im übrigen paul auster das vorwort (der ausgabe von 2011) geschrieben hat.

nochmal zu siri hustvedt. die denken kann und schreiben, aber keine geschichten erzählen (trotzdem lassen sich in jedem ihrer romane genug goldene stellen finden). seit ‘being a man’ hab ich was für sie übrig. immer noch. trotz ihrer neigung, sich zunehmend in den mittelpunkt ihrer essays zu rücken: sie hat halt auch so interessante symptome und verschaltungen im schädel. und wer sich dazu so genau unter die lupe nimmt, um dinge herauszufinden, kann wahrscheinlich nur schwer von sich absehen. allerdings: so weit wie knausgård, der sich (samt seiner scheiße in der kloschüssel) zu seinem allerliebsten studienobjekt gemacht hat, geht hustvedt nicht: sie hat besseres vor. daß sie seine bücher bewundert (nicht jedoch seine überzeugung, frauen seien keine konkurrenz), sagt sie in ‘eine frau schaut auf männer, die auf frauen schauen’. und ich glaube auch in ‘wenn gefühle auf worte treffen’, einem gesprächsband mit elisabeth bronfen (dieser salon-reihe von kampa kann ich viel abgewinnen): in das gespräch hätte ich mich dann doch gern eingemischt, an mehreren stellen: wenn hustvedt über exquisites leiden redet, wenn sie ständig auf sich verweist, auf das, was sie bei diesem symposium und jenem vortrag gesagt und hier und dort und überall geschrieben hat, wenn sie, bei ihrem Mißtrauen gegenüber jedweden gewißheit, ihre eigenen urteile davon ausnimmt, wenn sie an psychiatern nur gute haare läßt (wobei mir ein freund einfällt: seine schwester, sagt er, ungewohnt scharf, sei mit jeder psychotherapie egoistischer geworden, während sie die fähigkeit zur empathie verloren habe: auf die wiederum legt hustvedt großen wert). und daß bronfen das anrüchige, überzogene, ungenaue und widersprüchliche unkommentiert passieren läßt, ist ein großes manko. man will in einem intelligenten gespräch, das diesen namen verdient, keinen stichwortgeber und abnicker. auch nicht, wenn er weiblich ist. sehr einverstanden, seit je, bin ich allerdings mit hustvedts anti-cartesianischer haltung, die auch hier wieder aus allen poren bricht. dualismus, am arsch (am arsch die räuber: hatte ich lang nicht mehr gehört, hat vorhin eine an der kasse des bioladens gesagt, als es um die grünen und die schweinereien ging, zu denen sie fähig wären, kämen sie nur an die macht): glaubt einer noch ernsthaft, der mensch wäre ohne beteiligung seines körpers zu einem einzigen gedanken fähig?

weiß der henker, warum dieser brief wieder so lang geworden ist, ohne daß ich auch nur annähernd das gesagt hab, was ich wollte (und es sind nicht nur die klammern).

grüße kriegste trotzdem noch

ingrid

©  2019  ingrid mylo

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Josephine Rowe: Ein liebendes, treues Tier

Aus dem Englischen von Barbara Schaden

liebeskind 2019 | 207 Seiten | € 20,-

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Siri Hustvedt: Damals

Aus dem Amerikanischen von U. Aumüller & G. Oswald

Rowohlt 2019 | 444 Seiten | € 24,-

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Siri Hustvedt: Wenn Gefühle auf Worte treffen

Ein Gespräch mit Elisabeth Bronfen

Aus dem Amerikanischen von G. Oswald

Kampa 2019 | 295 Seiten € 22,-

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Ein Gedanke zu „;Fliegenköpfe (10)

  1. Liebe Ingrid. Was für ein wunderbarer Text. Danke dafür und bitte mehr davon.
    Mit besten Grüßen
    Edgar

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