Total vermasselt

Wie ein hippes Buch Dennis Hopper im Nebel von Drogen und Legenden verschwinden lässt

Machen wir uns nichts vor, verzichten wir darauf, ein Blatt vor den Mund zu nehmen: Dennis Hopper war ein Arschloch. Ein neurotisches, selbstsüchtiges, größenwahnsinniges, sexistisches und gewalttätiges Arschloch. Im richtigen Leben tut man gut daran, um einen wie ihn einen Bogen zu machen. Aber Dennis Hopper war auch ein symptomatisches Arschloch. Es ist, als hätten sich in seinem Cowboy-Outlaw-Schmuddellook, seinem unsteten Blick und seiner fahrigen Energie alle Impulse gefangen, die sich von den Hippieträumen als bekiffte Americana und paranoide Verschwörungsfantasien bei den Rebellen seiner Generation niederschlugen. Er war einer, der immer mal wieder vom Genie gestreift wurde. (Oft genug auch meilenweit verfehlt.) Wie also schreibt man eine Biografie über ein Arschloch und einen Künstler, dessen größte Kunst das Scheitern war?

Man kann es psychoanalytisch angehen, soziologisch, streng kunstaffin, akribisch detailverliebt, hermeneutisch oder einfach aus der Fanperspektive. Dekonstruktivistisch oder meinethalben auch moralisch. Für Tom Folsom war das alles nichts. Er wollte wohl ein Buch schreiben, das sich so liest, als wäre es von einem, der auf dem Rücksitz einer legendären Harley die Reisen des Mister Hopper mitgemacht hat, immer nah am Abgrund, immer kurz vor dem Abheben, wie von einem, der dauernd ruft: Hey, Dennis, das wird kein gutes Ende nehmen. Von einem, der dabei war, als Dennis’ Mutter den Vater für tot erklärte (der später aus dem Krieg zurückkehrte), der dabei war, als der junge James Dean dem noch jüngeren Hopper die Grundzüge des Seins beibrachte und als der Regisseur Henry Hathaway ihn wegen seiner Allüren auf dem Set zusammenfaltete und dem jungen Genie drohte, ihn aus der Stadt (Hollywood!) jagen zu lassen. In diesem Buch entsteht Dennis Hopper wie der Protagonist eines amerikanischen Songs, zum Beispiel von Hoppers Freund Kris Kristoffersen: „He’s a living contradiction, partly truth and partly fiction.“ Ein lebender Widerspruch, genau so: halb wahr, halb Fiktion!

Ein Buch, das mehr literarischen als journalistischen Ehrgeiz hat, ein Buch als Versuch, Dennis sprachlich noch zu überhoppern, ein Buch, in dem Polizisten natürlich „Bullen“ und verblödete Filmproduzenten „Schlipsträger“ sind, in dem fett gedruckte Onomatopoesie – Zack! Bing! snifffffffffFFFFFFFF – die Textbausteine trennt, ein Buch, das lieber aus Musik, Film und Comic als aus gewöhnlichen Informationen bestanden hätte, ein Buch aus Sätzen wie: „Stark. So war Hopper, und so roch er auch, verdammt stark“ – so ein Buch ist zu was verurteilt? Genau, zum Scheitern.

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Statt Neurose und Paranoia zu erklären, statt hinter die Großsprecherei und die Lügengeschichten zu blicken, präsentiert der Autor neue Legenden. Sein Leben und Werk erscheinen als Männerfantasie von einem, dem in seiner Kindheit in Kansas eine fundamentale Kränkung widerfuhr durch eine toughe, desinteressierte Mutter und einen Vater, der sich eine Schürze umband, um den Abwasch zu machen. Lebenslange Suche nach einem Vater oder wenigstens einem großen Bruder, den Dennis Hopper in James Dean gefunden zu haben schien, der ihm offensichtlich bei jedem dritten Drogentrip als Gespenst begegnete. Für Muttersöhnchen wie Elvis Presley konnte Dennis Hopper und kann sein Biograf nur Verachtung empfinden, Elvis Presley, der angeblich mit 21 Jahren noch glaubte, die Menschen in Kinofilmen würden sich gegenseitig totschießen, und sich deswegen vor Waffen fürchtete (im Gegensatz zu Hopper, der seine Schießeisen am liebsten mit ins Bett genommen hätte) und dessen Musik ihnen erschien als „durchgekaut und ausgespuckt von diesem aalglatten Hillbilly, der seine Mama liebte…“.

Nicht dass es in dieser Biografie darum gegangen wäre, Dennis Hopper zu „demontieren“, du lieber Himmel, dafür hat er schon reichlich selber gesorgt. Aber ein Porträt dieses zerrissenen, widersprüchlichen und an sich selbst leidenden Arschloch-Mannes, der in seinen besten Momenten genau das wie kein Zweiter ausdrücken konnte, die Zerrissenheit von Menschen, die mit einem Bein in der Mythologie des Westens (Outlaw-Variante) und mit dem anderen in der anarchistischen Gegenkultur standen, hätte vielleicht zu mehr führen können als einer ranschmeißerischen Anekdotensammlung, hätte dazu beitragen können, das Scheitern der Hippie-Revolution im Allgemeinen und das der Rebellen von New Hollywood im Besonderen zu verstehen.

Hollywood war reif für eine neue Generation, aber sie haben es vermasselt. Hopper hörte nicht auf, stolz darauf zu sein, dass mit Easy Rider das Kokain seinen Sieg über das Marihuana davontrug, das Talent wurde abgeschmettert, das Kokain blieb in Hollywood. Der überraschende Erfolg von Easy Rider hat Hopper die Gelegenheit zu einem großen Wurf gegeben; er drehte The Last Movie, und es waren nicht nur die Moguln von Hollywood, oder was von ihnen übrig geblieben war, die dafür sorgten, dass es für Hopper für lange Zeit der letzte Film blieb, sondern auch Großkritiker wie Pauline Kael, die den Film, in dem es um ein rituelles Opfer für den Film und durch den Film geht, opferten. Wie Michael Ciminos großen Heaven’s Gate schlachteten sie auch The Last Movie. Zufall war das nicht, dass es in beiden Fällen um die Revision des Western ging. Dennis Hopper machte es den Leuten zu leicht, ihn zu kreuzigen, er war taub für jeden guten Rat, und er lebte nicht so schlecht mit der Rolle des bad boy. (In Australien, wo er den Mad Dog Morgan spielte, den legendären Outlaw, sah sich der Regisseur Philippe Mora genötigt, eine Silikonmaske von Hoppers Gesicht anfertigen zu lassen, damit man, für den Fall, dass sich Hopper während der Dreharbeiten zu Tode saufen oder koksen würde, ein Double seine Rolle übernehmen lassen könnte.)

Dennis Hopper hat noch ein paar schöne Filme gedreht, Out of the Blue und Colors gehören zum Besten vom anderen Hollywood, und natürlich war er als Schauspieler einzigartig, etwa in Apocalypse Now oder Blue Velvet. Aber zur Revolte reichte es nicht mehr. So spukte er durch Trash- und Megatrashfilme, als einer, der es verstand, seine Szenen ein bisschen interessanter zu machen, als sie gedacht waren. Und der nicht aufhörte, ehemalige Freunde und Mitstreiter zu verladen, sich bedenkenlos dem Kommerz anzudienen, dem doch die große Revolte gegolten haben sollte, BMW, Nike oder Hugo Boss und anderen. Dennis Hopper ist nach dem Entzug cleverer geworden; sympathischer aber nicht. Sein Biograf muss sich immer wieder in wolkige Traumgeschichten flüchten, um eine Balance zwischen Faszination und Abscheu zu finden.

Teja Schwaner hat das übersetzt, einer, der sich auskennt in Tonlage und Rhythmus der amerikanischen Popmythologie. Freilich setzt er oft zu viel voraus. Welcher deutsche Leser kennt schon die tall tales um den riesigen Holzfäller Paul Banyon aus der US-amerikanischen Folklore, wer kann sich etwas unter „Kunst im Countrystil“ vorstellen, oder dass neben der transzendentalen Bindung an Jimmy Dean und dem Cowboy- und Indianer-Spielen auch The Wizard of Oz einen Subtext der Lebenserzählung von Dennis Hopper bildet. Den Jive von Tom Folsom, der so voller Anspielungen und Zitate aus der Popkultur ist, wie sie einem amerikanischen Leser natürlich näher sind als einem deutschen, kann man wohl nur schwer übersetzen, sodass das Buch im Deutschen womöglich noch aufgekratzter wirkt als im Amerikanischen. Wer Sätze liebt wie diesen, kommt auf seine Kosten: „Die traditionelle Lagerfeuerszene verwandelt sich in ein Moshpit, in dem sich Lederluder mit Bierbäuchen an den Benzindämpfen aufgeilen, die von hochgejagten Harleys ausgespuckt werden.“ 400 Seiten an der Seite von bedröhnten Egomanen, die auf ewig Huckleberry Finn und Tom Sawyer spielen, das kann peinigend sein.

Vielleicht wäre anders keine Nähe zu Dennis Hopper herzustellen gewesen. Bei seinem Begräbnis sieht man ihn auf „seiner orangegelben Harley-Davidson mit dem Panhead-Motor und dem flammenverzierten Tank aus dem Grab hervorschießen. Er flog höher und höher, einem himmlischen Monument Valley entgegen“. Noch einmal, in seinem allerletzten Satz, schafft es Tom Folsom, seinen Gegenstand den kritischeren Blicken zu entziehen. Im Original heißt das Buch übrigens Hopper – A Journey Into the American Dream. Dass davon so wenig deutlich wird, kann einen, um in den Worten des Buches zu sprechen, „aufgebracht wie einen abgewetzten Radiergummi“ machen. Man kann sich aber hindurchtreiben lassen durch den Amerikanischen Traum, wie die Helden von Easy Rider, die in einem hellen Moment erkennen: „Wir haben’s vermasselt!“

Georg Seeßlen, DIE ZEIT, 11.7.2013 Nr. 29

 

 

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Tom Folsom: Dennis Hopper – Die Biographie

Aus dem Amerikanischen von Teja Schwaner

Karl Blessing Verlag, München 2013

416 S., 22,99 EUR

 

 

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