Wolfgang Herrndorf: Tschick

Abenteuer aus dem rätselhaften Osten

Tschick steht zu Ferienbeginn in einem gestohlenen Lada bei Maik vor der Tür, um ihn aus seiner Einsamkeit zu erlösen. Was folgt, ist eine Road-Novel, die so grotesk, traurig, dramatisch und komisch ist, dass man vor Lachen oft gar nicht weiterlesen kann.

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Zu Deutschlandradio Kultur wechseln und diesen Beitrag hören; gesendet 30.09.2010

Bei einer bestimmten Sorte Bücher schreiben Rezensenten so verlässlich wie einfallslos: Salinger, Fänger im Roggen, Holden Caulfield. Das wiederholt sich bei allen Romanen der Marke jugendlicher Außenseiter und immer dann, wenn coole Jungen vorkommen, die emotional ein wenig vernachlässigt sind, so dass wir Leser sie umso mehr lieben müssen aus Gründen der Wiedergutmachung.

Lassen wir das also mit dem „Fänger im Roggen“, auch wenn’s nicht falsch wäre, und schreiben stattdessen: Herrndorf, Tschick, Maik Klingenberg. Das sollte reichen für die Zukunft, zumal schon bei Herrndorfs Debüt „In Plüschgewittern“ (2002) mächtig „herum-gesalingert“ worden ist.

Maik ist vierzehn und stammt, wie der Name schon sagt, aus Berlin Marzahn. In seiner Klasse hieß er vorübergehend „Psycho“, weil er in einem Aufsatz über seine Mutter deren wiederholte Ausflüge in die „Beautyfarm“ schilderte, die in Wirklichkeit Entziehungskuren sind. Da er aber in der Schule als eher langweilig gilt oder sich zumindest so fühlt, blieb auch der Spitzname nicht an ihm haften. Erst als der Russe „Tschick“ in der Klasse auftaucht – mit Alkoholfahne und demonstrativem Desinteresse – verändert sich die Ausgangslage.

Tschick steht zu Ferienbeginn in einem gestohlenen Lada bei Maik vor der Tür, um ihn aus seiner Einsamkeit zu erlösen. Denn die Mutter ist mal wieder auf Beauty, der Vater mit einer „Assistentin“ auf „Geschäftsreise“. Da ist es doch nur recht und billig, wenn die beiden sich nun auch aufmachen: erst zu der schönen Tatjana, in die Maik sinnlos verliebt ist und die ausgerechnet ihn nicht zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen hat, und dann ab in die Walachei, denn die gibt es, wie Tschick versichert, im Unterschied zu Pampa und Jottwede wirklich, irgendwo im Südosten.

Was folgt, ist eine Road-Novel, die so grotesk, traurig, dramatisch und dermaßen komisch ist, dass man vor Lachen oft gar nicht weiterlesen kann, aber doch unbedingt muss – weil spannend ist es auch. Den Film, der ganz bestimmt bald daraus werden wird, sieht man schon vor sich, leider, denn einen Film braucht es bei einem so grandiosen, bildhaften, temporeichen Roman nun wirklich nicht.

Ein Film könnte den eigentlichen Clou auch gar nicht transportieren: Das ist die Erzählperspektive Maiks, der die Dinge mit den Augen eines Vierzehnjährigen wahrnimmt und eben nicht alles wirklich versteht. Die Mondlandschaft des Tagebaus beispielsweise sieht noch einmal ganz anders aus, wenn man gar nicht weiß, was das ist. Dann ist die Welt hier einfach zu Ende. Diese Welt ist von seltsamen Menschen bevölkert: dem Schützen Fricke, der sich in einem verlassenen Dorf am Tagebaurand verbarrikadiert, dem Mädchen Isa, die auf einer Müllkippe herumklettert oder einer freundlichen und überraschend gebildeten Deppen-Familie, bei der es Risi-Pisi zum Mittagessen gibt.

Überhaupt ist das die eigentlich Lehre, die Maik absolviert: Überall, in Schule, Fernsehen und Elternhaus, hat man ihm eingetrichtert, die Menschen seien böse und er dürfe niemandem trauen. Jetzt lernt er zusammen mit Tschick nur freundliche Gestalten kennen. Die Zeit, in der man ihn für einen Langweiler halten konnte, ist jedenfalls ein für alle mal vorbei.

Herrndorf macht nicht den Fehler, sich einem überflotten Jugend-Slang anzubiedern. Ihm genügen Andeutungen und ein paar wiederkehrende Ausdrücke wie „Alter Finne!“ oder „endbescheuert“. Maik ist nicht nur als Aufsatzschreiber äußerst eloquent. Und doch ist er durch und durch ein Vierzehnjähriger, so lebendig, ahnungslos und lebensklug, dass man ihn nicht wieder vergessen möchte.

„Tschick“ ist ein schöner, trauriger Abenteuerroman aus dem rätselhaften deutschen Osten, der nur einen Nachteil hat: Dass er viel zu schnell zu Ende geht. Aber so ist das eben mit verbotenen Reisen im gestohlenen Wagen.

Text: Jörg Magenau

aus: Radiofeuilleton, Kritik, © 2010 Deutschlandradio



Wolfgang Herrndorf: „Tschick“
Rowohlt Berlin, Berlin 2010
256 Seiten

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1 Gedanke zu „Wolfgang Herrndorf: Tschick

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