Die Tagebücher waren seine „kleine Heimat“, ein „tägliches Kassabuch“ und eine „zweite Spur“, die Erwin Strittmatter neben dem Werk auslegte. Die Tagebücher sollten zunächst ihm selbst aber dann auch der Nachwelt Auskunft geben auf die Frage, welche Stellung in der Welt er jeweils bezog, Tag für Tag. Sag mir, wo du stehst, Genosse: Darauf war in der DDR nicht ohne Risiko zu antworten. Die eigenen, durchaus wandelbaren Wahrheiten und Sichtweisen mussten immer wieder aufs Neue mit der schwankenden Parteilinie in Übereinstimmung gebracht werden. Und wenn das nicht gelang – und es gelang ja nur den allervernageltsten Köpfen – mussten die Abweichungen in den Alltag integriert und lebbar gemacht werden, damit es weitergehen konnte. Wegzugehen oder aus dem Menschheitsprojekt Kommunismus auszutreten wäre für Erwin Strittmatter nicht in Frage gekommen.

Was für eine zermürbende Arbeit dieser andauernde Anpassungs- und Überprüfungsdruck war, bezeugt die Lebensspur, die er in den Tagebüchern hinterließ. Sie zeigen einen Menschen auf seinem inneren Kampfplatz und in all seinen verzweifelten, zerreißenden Widersprüchen. Der Wunsch, sich zu entziehen und mit all den Dogmatikern und Holzköpfen nichts zu tun zu haben, ist ebenso ausgeprägt wie das Bedürfnis nach Anerkennung, gesellschaftlicher Bedeutung und Repräsentation. Strittmatter war immer beides: Teilhaber und Einzelgänger, Opportunist und Opponent, Arbeiter und Beobachter.

Vor allem aber war er der Bestsellerautor der DDR, dessen Bücher – so ein wiederholtes Muster seit dem berühmten Bauern-Roman „Ole Bienkopp“ – zunächst mit Vorbehalten und Zensur zu kämpfen hatten, um später dann mit dem Nationalpreis ausgezeichnet zu werden. Strittmatter war ein unbequemer Parteigänger, bedingungslos solidarisch, aber ausgestattet mit beharrlichem Eigensinn. Er war hoher Funktionär des Schriftstellerverbandes, aber er war es, wie den Tagebüchern zu entnehmen ist, höchst widerwillig und litt darunter bis ins Körperliche hinein. Er wurde häufig krank, um sich zu entziehen, und einmal brach er sich auf der Fahrt nach Berlin zur Parteiversammlung den Knöchel, was ihm die Weiterfahrt ersparte. Er nahm es dankbar hin, ohne das folgende Gehumpel symbolisch zu deuten.

Doch ebenso heftig litt er unter sich selbst, wenn er sich, wie allzu oft, nicht im Griff hatte. Er neigte zum Jähzorn, schlug die Söhne oder die geliebten Ponys und schämte sich anschließend dafür – bis hin zur Depression und zu Selbstmordphantasien. Er war nicht leicht zu ertragen. Auch nicht für seine Frau Eva, die ihm über alle Krisen hinweg geduldig zur Seite stand. Nicht nur einmal ist von einem „Dämon“ die Rede, der in ihm wüte und von dem sich nicht sagen konnte, woher er kam.

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Strittmatter war ein unbequemer Parteigänger,

bedingungslos solidarisch,

aber ausgestattet mit beharrlichem Eigensinn.

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488 „Groschenhefte“, Schulhefte im DIN-A 6 Format, hat Strittmatter im Lauf der Jahre vollgeschrieben. Was nun unter der Herausgeberschaft von Almut Giesecke rechtzeitig zu seinem hundertsten Geburtstag am 14. August erscheint, ist eine Auswahl aus den Jahren 1954 bis 1973. Ein zweiter Teil wird folgen. Weggelassen sind alle literarischen Vorarbeiten, die in Buchpublikationen eingingen, alles personenrechtlich Problematische, Wiederholungen und Ausschweifungen – sehr viel also. Das, was stehen blieb, ist aber genug, um diesem störrischen Menschen nahe zu kommen. Die Strittmatter-Biographie der Historikerin Annette Leo, die für Juli angekündigt ist, wird daneben eher den äußeren, aus Akten und Archiven belegbaren Lebenslauf rekonstruieren und sich auf die Zeiten konzentrieren, über die Strittmatter in den Tagebüchern schweigt – so über seine Rolle im Krieg als Schreiber eines Regiments, das zur Partisanenbekämpfung in Griechenland eingesetzt wurde. Keine Kugel habe den Lauf seines Gewehrs verlassen: Dieser Satz, den er gegenüber Parteioffiziellen äußerte, als er zum Sekretär des Schriftstellerverbandes aufsteigen sollte, ist auch in den Tagebüchern zu finden.

Der Beginn der Aufzeichnungen fällt mit dem Erwerb eines Hofes im Brandenburgischen Dollgow-Schulzenhof bei Gransee zusammen, wo Strittmatter zusammen mit seiner dritten Ehefrau Eva im Juli 1954 den bleibenden Wohnsitz bezog. Was er zuvor an Tagebuchartigem schrieb, sind wohl eher verstreute Versuche, sich an diese Kontinuität verlangende Form der Aufzeichnung heranzutasten. Erst als er seinen festen Lebensort auf dem Land gefunden hatte, wurde ihm das Tagebuch zur Notwendigkeit. Es beginnt mit einer Inventurliste, die sich fast so liest wie das berühmte Gedicht von Günter Eich: „Nach Schulzenhof mitzunehmen: Lampenkabel, Sämereien, Geld, Fahrradscheine, Wasch- und Rasierzeug, Altbrot, Kater, Decke“.

Der Schulzenhof und Berlin, wo die Strittmatters eine Wohnung in der Stalin- und späteren Karl-Marx-Allee behielten, sind die beiden Pole, zwischen denen dieses Leben sich abspielt, sieht man einmal von den zahlreichen Reisen in die Sowjetunion und befreundete sozialistische Länder ab. Das Verhältnis von Natur und Geschichte ist das Grundthema seiner Tagebücher und seiner Existenz. Der Rückzug aufs Land, wo er Ponys züchtete und den Acker mit dem Pferdepflug bearbeitete, war die Bedingung seiner Teilhabe am städtischen Leben, das von Parteiarbeit und Schriftstellerversammlungen geprägt wurde. Beobachtungen über die Flugformation der Wildgänse stehen direkt neben Bemerkungen zur Betriebsgruppensitzung.

Voller Misstrauen begegnet er denen, die er abschätzig als „Intellektuelle“ bezeichnet, weil er sich als schreibender Autodidakt unterlegen fühlt. Unter den „Parteikatholiken“ ist er der Unorthodoxe. In dieses Milieu kommt er als Fremder, als Bauer. Doch mit seinem Bedürfnis, die Welt der planenden und delegierenden Funktionäre gründlich umzupflügen, dringt er nicht durch. Es ist eine dramatische Entwicklung, die er nimmt, weil er selbst zu dem wird, was er hasst: zum Funktionär. Er muss durch diese Existenzweise hindurch, um endlich Distanz gewinnen zu können. Die Ironie, mit der er Parteiversammlungen und Auftritte des karikaturenhaft scharf gesehenen Kleinbürgerdiktators Walter Ulbricht kommentiert, hilft ihm dabei.

Die Rechtfertigungsleistungen, die er vollbringen muss, sind aber gerade in den schlimmsten Jahren im Tagebuch deutlich sichtbar. So war Strittmatter im Herbst 1956 zunächst entsetzt über die Verhaftungen von Wolfgang Harich und Walter Janka, den er für einen „guten Kommunisten“ hielt, und über den verlogenen Ton der zugehörigen Verlautbarungen. Ein paar Wochen später aber notierte er mitleidlos: „Dummheit musste bestraft werden“. Da glaubt er dann tatsächlich an eine Verschwörung und verhinderte Umstürzpläne. Auch den Mauerbau verteidigte er als notwendige ökonomische und politische Abwehrmaßnahme. In diesen Jahren schlug er sich auch literaturpolitisch auf die Seite der dogmatischen Hardliner, die den sozialistischen Realismus gegen die komplexere Wirklichkeit in Stellung brachten. Aber er hielt das nicht lange aus, wurde krank und versuchte sich möglichst raus zu halten.

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Das Zusammennageln einer Hühnerstalltür schaffte

größere Befriedigung als eine Rede vor dem Schriftstellerverband.

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Die Natur erlöste von solchen Konflikten. Sie ist der Ort, wo einer wie Strittmatter zu Hause sein konnte. Das Zusammennageln einer Hühnerstalltür schaffte größere Befriedigung als eine Rede vor dem Schriftstellerverband. Natur erzeugte so etwas wie Ergriffenheit. „In letzter Zeit rühren mich Pflanzen, Zustände und Stimmungen, wie sie sich in der freien Landschaft her- und darstellen“, notierte er als Sechzigjähriger im Jahr 1972. „Wenn ich diese Rührung früher bei Thoreau oder Hamsun gewahrte, hielt ich sie für ‚Literatur’.“ Dieses Umschwenken vom Gemachten zum Gewachsenen ist symptomatisch. Goethe, Rilke, Shakespeare, Schopenhauer und Buddha nennt er, wenig parteikonform, im selben Jahr als seine wichtigsten Lebensautoren – vor allem aber Tolstoi. Bertolt Brecht, sein Lehrmeister aus den fünfziger Jahren, gehörte nicht dazu.

An Brecht kritisierte er inzwischen, was er auch an sich selbst hätte kritisieren können: Dass er aus seinen Möglichkeiten zu wenig machte, zu feige war, Kritik nur intern übte. Über Brecht gibt Strittmatter eine hübsche Anekdote: Brecht, gefolgt von der Karawane seiner Schüler und Bewunderer, spazierte durch den Garten seiner Villa in Berlin Weißensee. Jemand fragte ihn nach seinem Verhältnis zur Natur und gab ihm damit die Gelegenheit, seine Originalität zu demonstrieren. „Natur ist noch nicht fertig“, sagte Brecht in der überlegenen Gewissheit des Meisters, der davon ausgehen konnte, dass einer seiner Adepten das Apercu schon aufschreiben würde für die Nachwelt. Erklärungen oder Gegenfragen habe es nicht gegeben, so Strittmatter weiter, „auch von mir nicht. Ich dachte nur insgeheim: Red was du willst, Brecht, mein Verhältnis zur Natur wirst du mir nicht zerstören!“

Für Brecht sprach der Charakter des Unfertigen wohl gegen die Natur. Schließlich gab es ja den Sozialismus, der programmgemäß in die Vollkommenheit des Kommunismus münden würde. Strittmatter erlebte die Natur anders – und er durfte sich im Gegensatz zu den meisten der Berliner Funktionäre hier tatsächlich als Fachmann fühlen. Er erlebte sie als ewigen Kreislauf der Jahre und der Jahreszeiten mit all den zugehörigen, jeweils anfallenden Arbeiten von der Saat bis zur Ernte. Und wenn sich nach Regengüssen das Wasser „in gleichmäßigen Intervallen gleich Atemzügen in die Erde zurückzog“, dann ahnte er: „Ich stehe der Ewigkeit gegenüber“. Dieser Lebensrhythmus war mit dem linearen, auf Zukunft ausgerichteten Fortschrittsmodell kurzfristiger Geschichtspragmatiker nicht kompatibel. Doch Strittmatter steckte allzu lange in diesem Widerspruch, in dieser doppelten Anforderung fest. Dabei wurde immer deutlicher, dass die Verwalter der Zukunft nichts als dumpfe Stagnation zustande brachten. Umso verdächtiger musste sein, wer sich auf die Natur berief. Ein Gespräch über Bäume – undenkbar. Das war im Westen mit seiner Technik- und Fortschrittsgläubigkeit nicht anders.

In den 70er Jahren werden die Einträge im Tagebuch lückenhafter und gehorchen mehr der Pflicht. Da hat es vielleicht seine Notwendigkeit als Ort der Selbstrechtfertigung und Richtungssuche verloren. Denn die Entscheidung ist nun zugunsten der Natur und gegen die Machbarkeit der Weltgeschichte getroffen. Strittmatter hat seinen Platz gefunden. Die Menschen machen die Welt nicht, sie bewohnen sie nur. Und wenn der Schriftsteller die Natur betrachtet, dann schaut die Natur auf ihn zurück und macht ihm klar, wie klein er ist. Strittmatter hat das schon früh, von Anfang an, gewusst, als er im Herbst 1954 notierte: „Beim Holzeinfahren sah ich von einer Höhe auf den großen Thörnsee. Mit seinem gilbenden Schilf und den widerspiegelnden gilbenden Laubbäumen sah er aus wie ein alterndes Auge. Das alternde Auge der Erde.“

Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung 22.06.2012.

Erwin Strittmatter: Nachrichten aus meinem Leben. Aus den Tagebüchern 1954 – 1973.

Herausgegeben von Almut Giesecke.

Aufbau Verlag, Berlin 2012, 602 Seiten, 24,99 Euro

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