Ein Debüt. Die belgische Regisseurin und Drehbuchautorin Sophie Schoukens zeigt ihren ersten abendfüllenden Spielfilm. Ein Psychodrama wird geboten. Auslöser der Story ist der Suizid eines Schriftstellers. Seine 20-jährige Tochter Marieke (Hande Kodja) will den Grund dafür herausfinden. Die Arbeiterin in einer Brüsseler Schokoladenfabrik sucht Trost im Sex. Sie schläft sich durch -x Betten, immer mit älteren Männern. Als sie Jacobi (Jan Decleir), einem Freund des Vaters und Ex-Lovers der Mutter begegnet, droht eine Katastrophe.

Der ruhige Erzählfluss und die Präsenz der Hauptdarstellerin sprechen für den Film, die zu simple Gestaltung der Konflikte aber dämpft die Freude. Zwar wirkt das Geschehen nicht so platt, wie die Skizze der Handlung vermuten lässt, das Gespür der Autorin und Regisseurin für Zwischentöne mildert vieles ab. Doch bleibt die Verknüpfung verschiedener psychologischer Motive zu einfach, um wirklich zu überzeugen. Aufregend hingegen ist das Abtauchen in den Alltag der Titelfigur. Die Welt des Proletariats wird ja kaum im Kino gespiegelt. Das gelingt hier mit großer Sensibilität. Dadurch bekommt die Geschichte einer jungen Frau, die dem Leben vielfach sprachlos und fassungslos gegenüber steht, weil sie nicht genug Bildung bekommen hat, um in größeren Zusammenhängen zu denken, eine schöne Erdverbundenheit. Interessant auch der Einfluss der bildenden Kunst: Marieke fotografiert ihre Sexpartner, aber nicht in Schnappschuss-Manier, sie fotografiert Hände, Füße und andere Körperteile. Aus den Details bastelt sie sich dann sozusagen Liebhaber nach Wunsch. Das sorgt denn auch für Momente irrlichternder Irritation. Die haken sich im Kopf des Zuschauers fest und sorgen dafür, dass man nach dem Kinobesuch plötzlich auch ein wenig über sich selbst nachdenkt.

Peter Claus

Marieke und die Männer, von Sophie Schoukens (Belgien/ Deutschland 2010)

Bilder: Neue Visionen

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