Volkmar Sigusch: Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit

Über Sexualforschung und Politik

Die letzten siebzig Seiten dieses Buches sind nicht schön zu lesen. Sie verursachen Qual und Ärger, denn auf ihnen dokumentiert Volkmar Sigusch die Abwicklung des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft, das 1973, auf Initiative protestierender Studenten und mit Unterstützung des Kultusministers Ludwig von Friedeburg gegründet worden war. Vor fünf Jahren, unter der Leitung eines finster entschlossenen Dekanats, wurden über dreißig Jahre ertragreicher Forschung beendet – soweit bekannt weigern sich die Drahtzieher bis heute, wegen dieser schäbigen Aktion gut sichtbar in Sack und Asche zu gehen.

Nun ist Volkmar Sigusch ein hinreichend bekannter und produktiver Wissenschaftler, so dass er als (emeritierter) Einzelkämpfer diese Lücke zu füllen versucht. In seinem neuen Buch „Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit“ sind seine Essays und Interventionen zu sexuellen, sexualpolitischen und – wissenschaftlichen Fragen der letzten Jahre vereint, insgesamt 25 Beiträge, die über Homosexualität, Lustlosigkeit, die mögliche Existenz einer Weltsexualität, Wilhelm Reich und Alfred C. Kinsey, Perversionen, Bi- und Asexuelle berichten – eine teilweise illustre Runde von Zeitgenossen versammelt sich hier, zum Beispiel der Papst, Sextouristen und schwule Schafe.

Aber Leser können nicht nur einen Überblick darüber gewinnen, was derzeit an sexuellen Themen und Problemen in der Gesellschaft umgewälzt wird. Sigusch hat seine sexualwissenschaftliche Theorie in unmittelbarer Nachbarschaft der Kritischen Theorie angesiedelt, wohlgemerkt der der Gründergeneration. Die Unterscheidung von kritischer und affirmativer Theorie, wie sie Max Horkheimer 1937 vorschlug, wirkt bei ihm weiter. Auf der Seite der Affirmation finde sich verschiedene Varianten der „Normapathie“, angewandt von all jenen, die „nosomorpher Blick und klinischer Jargon“ auszeichnet, die gerne pathologisieren, was von der je aktuellen Norm abweicht, und letztlich lieber auf Medizin und Pharmaindustrie setzen statt soziale, kulturelle und zuweilen halt auch ökonomische Verhältnisse ins Spiel zu bringen.

Was kritisch ist, klärt sich dagegen nicht ohne Weiteres, ist im sexualwissenschaftlichen Fall auch nicht per definitionem zu entscheiden. In den Essays von Volkmar Sigusch drückt sich eine bemerkenswerte Haltung aus. Sie impliziert nämlich nicht nur die Konkretion, die Hinwendung zum einzelnen Fall. Viel entscheidender ist, dass bei ihm nicht der kalte Blick des Katalogisierers oder Archivars vorherrscht, sondern eine Nähe zu den Menschen und was sie alles umtreibt – Lüste, Neigungen, Perversionen, die in ihrer Ambiguität untersucht werden. Viagra zum Beispiel kommt aus der Profitschmiede Pharmaindustrie, kann aber, richtig eingesetzt, nützlich sein. Natürlich ist Prostitution keine wahre, schöne und gute Sache, zumal wenn sie Teil der Weltwirtschaft ist und zu Sextourismus und Menschenhandel mutiert. Aber: „Gibt es keine allgemeine Moral, die in der Wirklichkeit fundiert ist, steht nichts über dem anderen, das Stundenhotel nicht über dem Debütantinnenball, die Peepshow nicht über der Pressekonferenz der Kanzlerin.“

Die Nicht-Existenz einer allgemeinen Moral motiviert auch ein theoretisch ertragreiches Misstrauen gegenüber aktuellen Trends und Glücksverheißungen. Bisexualität etwa ist der neueste Sex-Hit selbst in manchen Boulevard-Gazetten. Beinahe wöchentlich bekennt jemand, dass er oder sie bislang auf Frauen stand, jetzt aber umdisponiert habe; oder grundsätzlich die Frage eindeutiger Orientierung für überschätzt halte und die Wahl von der Tagesform abhängig mache. Sicherlich liegt darin eine große Entspannung, denkt man an den Stress, den die Normopathen noch vor wenigen Jahrzehnten bei Masturbation, Homosexualität oder Anderem veranstalteten. Es gibt n-Geschlechter, meinte vor zwanzig Jahren bereits hoffnungsfroh Gilles Deleuze – wie schön, dass heute der Philosoph über den Spießer gesiegt hat.

Aber es wäre fahrlässig, so Sigusch, „die allgemeine Strategie der permanenten Flexibilisierung“ nicht mitzudenken. Wenn Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt zur Staatsdoktrin geworden ist, wird die auf dem Feld der Sexualität weder autonom von dieser Entwicklung gesehen werden können noch ganz mit dieser konform gehen.

Eine Perversionslehre wird angemahnt, die nahe bei den Menschen ist und die Widersprüche des Kapitalismus kennt, das Fehlen einer westlichen ars erotica beklagt. Vielleicht findet Volkmar Sigusch die Gelegenheit, das alles theoretisch ausführlich zu bearbeiten, denn in diesen Essays wird manches nur kurz gestreift oder auf den Einzelfall angewandt. Bis dahin aber sind sie bestimmt kein schlechter Ersatz.

Mario Scalla

Volkmar Sigusch: Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit.
Über Sexualforschung und Politik.
Campus Verlag 2011. 294 Seiten, 24,90 €

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