Kein Daheim (Kraftwerks “Autobahn”)

Es gibt Musik, die eine traurige Stimmung erzeugt oder verstärkt, Musik, die an traurige Mo­mente erinnert und zu traurigen Anlässen gespielt wird, und schließlich Musik, die von Trauer handelt. Was aber ist traurige Musik? (Musik, die nicht wegen oder für etwas, sondern in sich selber traurig ist?)

In einem seiner Sketche spielt der bayerische Komiker Karl Valentin einen Zither-Musiker, der an einer einfachen Melodie – ich glaube, sie hieß »Liebesperlen« – existenziell scheitert. Er kriegt nämlich einfach keinen Schluss hin, sondern ist dazu verdammt, eine Phrase endlos zu wiederholen, weil der letzte Ton eben kei­nen Schlusspunkt bildet. Der Vorhang senkt sich, und als er wieder aufgeht, spielt der Mu­siker immer noch dasselbe Stück, in der Zwi­schen­zeit ist ihm ein langer Bart gewachsen. »Ich find’ nicht mehr heim«, jammert er, und so spielt er und spielt er. Traurige Musik ist Musik, die nicht mehr heimfindet.

Kraftwerks »Autobahn« ist eine Musik, die sich nicht einbildet heimzufinden. Kraftwerk ver­banden damals, zum ersten Mal, die elektro­nische Musik des Zustands mit der Erzählung ­eines Rock-Songs. Diese Verbindung ist wie ­geschaffen für die musikalische Trauer (man kann nur von einem Zustand erzählen, vom Ausdehnen oder Zusammenziehen). Gerade hatten sie sich den Moog angeschafft, mit dem sie die Verkehrsgeräusche bearbeiteten und seriell re-komponierten, die sie zuvor mit dem Tonband bei einer Autobahnfahrt aufgenommen hatten. Es ist klar, dass diese Fahrt nirgendwohin führt und dass es unterwegs nichts zu sehen gibt. Die Sache an sich, die Bewegung und ihre Geräusche übernehmen das Zentrum der Wahr­nehmung. Die Worte regredieren zu einer Art Kinderreim. Das meiste, was dann im Elektro-Pop kam, war falsch; entweder die falsche Musik oder die falsche Erzählung. »Autobahn« ist dagegen immer noch unterwegs und nirgendwo angekommen.

Zweifellos ist »Autobahn« eine Affirmation der Technologie, gegen das Hippietum (der anti-technologischen Idioten, die sich nichts daraus machen, die Autobahn als Anhalter zu benutzen), der Beginn der (musikalischen) Verwandlung in die Maschine. Roboter, denke ich, lieben die traurigste Musik (denn sie haben ja kein Daheim).

»Autobahn« ist viel trauriger als das Stück »Road to Nowhere« von den Talking Heads, das den Zustand, nicht mehr heimzufinden (oder gar nicht zu wissen, was das sein könnte), höchs­tens beschreibt, wenngleich auf ziemlich sarkastisch-geniale Art, aber Byrne verabschiedet sich doch mit einer sanften Coda, einem Echo. Er kommt vielleicht nirgendwo an.

Das Stück »Autobahn« entstand zu einer Zeit, als eine Autobahn in Deutschland das Schlimms­te war, was man sich vorstellen kann. Hitler hat die Autobahnen gebaut, und immer noch denkt man sich das Hochgefühl der Nazis mit; nie bekommt eine deutsche Autobahn die freie Melancholie eines US-amerikanischen Highways. Nie kann sie wieder jung werden. Die Auto­bahnen sind zu groß und zu alt für das kleine Land. Es ist schon traurig, wenn man (musikalisch) überhaupt eine Autobahn sieht, und der seltsame Trance-Zustand, die Mischung von Ödnis und Rausch, ist in allem das Gegenteil von Heimat. Ortloser Ort, Musik des Verschwindens. So trauert in »Autobahn« die Form über den Inhalt und der Inhalt über den Gegenstand, und alles auch wieder zurück. Natürlich könnte man statt »traurig« auch »komisch« sagen. Aber das ist ja nur dasselbe andersherum. Traurige Musik ist immer auch komische Musik.

Autor: Georg Seeßlen

Text: veröffentlicht in Jungle World Nr. 52, 23.12.2008



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