Autobiographien

Philipp Lahm hat es getan und Thomas Anders, Wolfgang Niedecken ebenso wie Fatih Akin, Alice Schwarzer sowieso und Eva Mattes, Keith Richards und bald auch Harry Belafonte, Gaby Köster und nun auch der „vorerst gescheiterte“ Karl-Theodor zu Guttenberg – letzterer allerdings nur in Gesprächsform, weil das weniger Arbeit macht. Die Liste ist unvollständig und unabschließbar, der Trend bleibt ungebrochen. Sie alle schrieben über sich selbst oder ließen über sich schreiben, Bücher mit Titeln wie „Lebenslauf“, „Mein bisheriges Leben“, „Für ’ne Moment“, „Life“ oder, ganz und gar unbescheiden, „100 Prozent Anders“. Was ist daran bloß so interessant? Warum verkaufen sich diese Bücher wie geschnitten Brot? Worin besteht ihr Versprechen?

Die Covergestaltung ist immer gleich. Zu sehen sind Gesichter derer, um die es geht, Gesichter von Personen, die oft genug im Fernsehen auftauchen, um zuverlässig einen Wiedererkennungseffekt auszulösen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Tatortkommissarinnen, Linksverteidiger von Weltniveau oder politische Aufschneider handelt. Wichtig ist allein die Fernsehprominenz: Sie ist die Voraussetzung, ohne die es nicht geht. Die Autobiographie steigert den Prominenzfaktor dann aber noch weiter. Da hat jemand nicht nur ein wichtiges Leben und etwas zu erzählen, er ist auch noch in der Lage, es aufzuschreiben. Der Name des Autors und der Gegenstand, um den es geht, sind in der Autobiographie identisch. Mathematisch betrachtet verdoppelt sich dadurch die Prominenz. Deshalb gilt die Prominenten-Autobiographie als Zauberformel des Erfolgs. Die Bestsellerlisten bestätigen diese simple Rechnung. Und der Prominente erfreut sich damit weiter wachsender Prominenz, weil es immer ruhmreich ist, ein Buch geschrieben zu haben. Auch wer nur über sich selbst schreibt, wird damit zum Autor.

Die Bedürfnisse, die Autobiographien befriedigen, sind vielfältig. Da ist zunächst „der Mensch“, wie er „wirklich“ ist. Thomas Anders verkündet „die Wahrheit“ gleich im Untertitel, wenn auch nur „über Modern Talking, Nora und Dieter Bohlen“. Andere gehen subtiler vor, wenn sie erzählen, „wie alles anfing“. Bei Philipp Lahm klingelte das Handy, Felix Magath war dran und sagte: „Ich möchte dich zum VfB Stuttgart holen.“ Bei Eva Mattes war es Rainer Werner Fassbinder, der sie zu sich bestellte, um ihr die Hauptrolle in „Wildwechsel“ anzubieten. Solche Momente sind Glückstreffer im Lebenslotto, doch Prominentenautobiographien machen hinreichend deutlich, dass man sich das Glück zuvor bereits verdient haben muss. Im Fußball ist das sowieso eine alltägliche Weisheit. Im Rückblick ergibt sich immer eine erstaunlich gradlinige Entwicklung von der Wiege bis zur Berühmtheit. Der Erfolg ist vielleicht auch den Umständen und dem Zufall, dem Elternhaus, rechtzeitigen Entdeckern und Förderern zu verdanken, vor allem aber doch dem eigenen Talent und dem kostbaren, so besonderen Ich, das jeder Lebenslauf auf seine Weise ausstellt.

Die Leser dürfen teilhaben an all den Aufstiegen zur Berühmtheit. Die Autobiographie erlaubt einen Blick „hinter die Kulissen“ oder wahlweise durchs Schlüsselloch. Man erfährt, wie es in der Umkleidekabine zugeht, im Pausenraum des Theaters, am Set, bei der Feministin zu Hause oder in der Bundestagskantine, und lässt sich davon überzeugen, was die Autoren auch sich selbst beweisen wollen: Wie interessant das Leben doch ist. Dabei sind Erfolg, Bedeutung und Ruhm nur eine Winzigkeit vom unbedeutenden Leser-Leben entfernt. Thomas Anderes beginnt seine gesammelten Wahrheiten mit dem Ende von Modern Talking und dem Satz: „Es lag etwas in der Luft, und das schon seit Monaten. Eine explosive Mischung aus Ignoranz, Unzufriedenheit und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung.“ Wer würde sich da nicht wiedererkennen?

Der Weg zum Erfolg ist exemplarisch, aber vielleicht lässt er sich auch studieren und in Regeln fassen, so dass die Autobiographie als Lehrbuch benutzbar wird: „Wie man heute Spitzenfußballer wird“ verspricht Philipp Lahm zu erklären. Der „feine Unterschied“ zwischen Begabten und Spitzensportlern ergibt sich demnach aus Entschlossenheit und Disziplin. „Wie groß ist ihr Ehrgeiz?“ wird Karl-Theodor zu Guttenberg gefragt, und antwortet: „Ausgeprägt. Es geht dabei nicht um mich, sondern um diejenigen, denen zu dienen man berufen ist. Und die Menschen, die einem anvertraut werden. Je größer ihre Zahl ist, desto größer muss der Ehrgeiz sein.“ Das ist auch eine Leistung, den eigenen Aufstiegswillen als Wohltat an der Menschheit darzustellen. Ein bisschen Revoluzzertum kann dabei nichts schaden, Anekdoten von gefärbten Haaren und Aufbegehren gegen die Erwachsenen. Grundsätzlich aber bietet ein Sänger wie Wolfgang Niedecken für das Lebensmodell des Rebellen dann doch mehr Stoff als ein Politiker wie Guttenberg.

Eine Autobiographie braucht den richtigen Moment, und der ist schwer zu finden. Sie setzt ja voraus, dass das Wichtigste im Leben bereits geschehen ist. Die Autobiographie mit 27 – wie bei Philipp Lahm – kommt deshalb wohl zu früh. Die Vorbehalte, die seiner kritischen Darstellung des eigenen Berufsfeldes entgegenschlugen – das dürfe man erst, wenn man nicht mehr selbst aktiv ist – gelten aber offenbar nicht für Künstler, die von der doch selten einfachen Zusammenarbeit mit anderen berichten.

Erzählungen über das eigene Leben haben einen besonderen Charakter von Authentizität, als ob die Erinnerungen nicht trügerisch sein könnten und das, was sich dann als Autobiographie ergibt, etwas Anderes, Wahrhaftigeres wäre als eine nachträgliche Konstruktion. Diese Gewissheit, diese Selbstsicherheit, ist ein weiteres Bedürfnis, das in diesen Büchern befriedigt wird. Zweifel gibt es darin kaum einmal, und wenn, dann handelt es sich um Momente der Anfechtung wie in Bob Dylans „Chronicles“ oder um Drogenversuchungen wie bei Keith Richards. Einen Zweifel, der die ganze Person in Frage stellt, gibt es jedoch nicht. Dabei ist das erste, radikalste Buch des Genres, Jean-Jacques Rousseaus „Bekenntnisse“ aus dem Jahr 1782 nichts als eine gewaltige Selbstanklage. Davon sind alle heutigen Bekenntnisse weit entfernt.

Prominentenautobiographien kultivieren stattdessen den Glauben an sich selbst als Kraftquelle im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf. Sie verharren im Zustand der Naivität und in der kindlichen Selbstgewissheit, für besondere Aufgaben ausgewählt zu sein. „Ich habe mir oft gewünscht, die Augen zu schließen und für ein paar Stunden oder einen Tag in einer anderen Zeit zu sein, in einem anderen Leben“, schreibt Eva Mattes gleich zu Beginn ihrer Erinnerungen, wo sie von kalten Füßen beim Schlittschuhlaufen in der Kindheit berichtet und wie sie mit den Schmerzen fertig geworden ist. Da ist die Schauspielerin schon erkennbar, der es dann gelingen sollte, den Kinderwunsch zu erfüllen.

Bei aller Selbstverherrlichung, die das Genre bietet, ist es nicht verwunderlich, dass auch Gott höchstpersönlich unter die Autoren gegangen ist. „Gott. Die endgültige Autobiographie“ – heißt sein Buch. Er brauchte dafür allerdings einen Ghostwriter.

 

 

 

 

 

 

 

Fatih Akin: Im Clinch. Die Geschichte meiner Filme. Rowohlt, 24,95 Euro

Thomas Anders: 100 Prozent Anders. Mein Leben – Und die Wahrheit über Modern Talking, Nora und Dieter Bohlen. Edition Koch, 19,99 Euro

Harry Belafonte: My Song. Die Autobiographie. Kiepenheuer & Witsch, 24,99 (erscheint im März 2012)

Bob Dylan: Chronicles. Hoffmann & Campe, 22,00 Euro

Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo: Vorerst gescheitert. Herder, 19,99 Euro

Gaby Köster: Ein Schnupfen hätte auch gereicht. Meine zweite Chance. Scherz, 18,95 Euro

Emir Kusturica: Der Tod ist ein unbestätigtes Gerücht. Mein bisheriges Leben. Albrecht Knaus, 19,99 Euro

Philipp Lahm Der feine Unterschied. Wie man heute Spitzenfußballer wird. Kunstmann, 19,90 Euro

Eva Mattes: Wir können nicht alle wie Berta sein. Ullstein, 19,99 Euro

Wolfgang Niedecken: Für ’ne Moment. Autobiographie. Hoffmann & Campe, 24,00 Euro

Jeremy Pascall: Gott. Die endgültige Autobiographie. Heyne.

Keith Richards: Life. Heyne, 26,99 Euro

Alice Schwarzer: Lebenslauf. Kiepenheuer & Witsch, 22,99 Euro

 

Jörg Magenau, Börsenblatt 12-11

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