Hollywood setzt gern auf Nummer sicher. Da fallen Novitäten gern hinten runter. Fortsetzungen von Hits oder Neuverfilmung von Erfolgen versprechen in der Regel gut gefüllte Kassen. Und nur die zählen. Dass da oft die Kunst keine Chance hat, interessiert die Produzenten nicht. Die US-amerikanische Version von „Verblendung“ verblüfft vor diesem Hintergrund. Der Krimi ist selbst jenen zu empfehlen, die bereits die vor zwei Jahren herausgekommene europäische Erstverfilmung des Bestellers genossen haben. Regisseur David Fincher hat den weltweit verschlungenen Roman des Schweden Stieg Larsson stilvoll, raffiniert und selbst für Kenner der Geschichte überraschend adaptiert. Fincher-Fans wundert das nicht. Seit seinem furiosen Schocker „Sieben“ (1995) gilt er als Meister apokalyptischer Schreckensvisionen von außerordentlichem Unterhaltungswert. Bei der Story haben sich David Fincher und sein Drehbuchautor Steven Zaillian, der seit der Arbeit für Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993) zu den bestbezahlten Schreibern Hollywoods gehört, ziemlich genau an die Vorlage gehalten: Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig) wird zum Buh-Mann, weil er einer bei einem Enthüllungsreport Fehlinformationen auf den Leim gegangen ist und nicht ausreichend recherchiert hat. Weil dadurch nicht nur um den guten Ruf gebracht, sondern auch finanziell ruiniert, greift er zu, als ihm ein reicher Geschäftsmann (Christopher Plummer) einen lukrativen Auftrag als Detektiv anbietet: Mikael soll den Fall von dessen vor Jahrzehnten verschwundener, vermutlich ermordeter Nichte aufklären. Der Ex-Journalist versuchts. Gemeinsam mit der Punkerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) macht er sich auf in die Schattenwelt der Vergangenheit und landet geradewegs auf der Straße ins Jenseits. Wer nicht weiß, wie’s weiter geht, glaubt fast bis zum letzten Bild, dass Lisbeth und Mikael niemals lebend aus dem Schlamassel herauskommen können. Aber auch wer um den Fortgang des Geschehens weiß, wird schon von den ersten Filmszenen völlig gefangen genommen und gerät in den Sog der wahrlich mörderischen Spannung.

Das ist als erstes der exzellenten Inszenierung Finchers zu danken, die unter anderem auf gehörigem Respekt vor der Romanvorlage fußt. So hat der Regisseur darauf bestanden, die Handlung nicht, wie in Hollywood üblich, in die USA zu verlagern, sondern, entsprechend dem Roman, in Schweden zu belassen. Und dieses Schweden zeigt er mit einer fast schon sadistisch anmutenden Lust des gewieften Erzählers als Hort des Bösen. Derart bedrohlich wurde dieses Land wohl noch nie im Kino gezeigt. Korruption, Machtmissbrauch und Gewalt scheinen alles zu bestimmen, schlichte Menschlichkeit keinerlei Chance zu haben. Was nicht heißt, dass die Akteure unentwegt durch Blut waten und sich nur durch dunkle Geisterwelten bewegen. Im Gegenteil: Die Bilder sind überwiegend strahlend hell und von fast perfekter Schönheit, so glanzvoll, dass alles Strahlen eiskalt wirkt, künstlich, ohne Leben. Weshalb die Brutalität des Geschehens besonders stark konturiert zur Wirkung kommt. Eine Szene verblüfft besonders: die für den Fortgang der Handlung zentrale. Eine Vergewaltigung. David Fincher rückt das ungeheure Verbrechen ohne Weichzeichner in aller Härte ins Bild, wobei dieses Bild keinerlei Zweifel an der Haltung des Regisseurs und seines Teams aufkommen lässt. Was da zu sehen ist, hat eine Eindringlichkeit und Deutlichkeit, die es so im kommerziellen Kino wohl noch nie oder nur sehr, sehr selten gab. Da befallen einen Schreck und Ekel. Dennoch hält der Film kein Plädoyer für Selbstjustiz: Die Rache des Opfers ist nicht minder furchterregend. Und auch, wenn man als Zuschauer ganz auf Seiten der Frau ist, dreht sich einem da doch genauso der Magen um. So schafft es der Film bei aller legitimen Lust an Effekten, die grundsätzliche Absage der Romanvorlage an jegliche Form von Menschenverachtung und -missbrauch nicht zu verwässern. Hut ab!

Hierzulande als „Verblendung“ bekannt geworden, lautet der Originaltitel des Romans im Schwedischen „Männer, die Frauen hassen“, und im englischsprachigen Raum „Das Mädchen mit dem Drachen-Tattoo“. Kein Wunder, dass die Figur der Lisbeth für Drehbuch und Regie die entscheidende ist. So gehört der Film denn auch ganz der Schauspielerin Rooney Mara. Sie verfügt über die faszinierende Gabe, das Publikum hinter das Äußere einer Figur, die Maske, die ein Mensch gern vor sich her trägt, blicken zu lassen, ohne dass sie aufdringliche Dialoge oder Gesten dazu bräuchte. Dabei zeigt sie Lisbeth als sensible junge Frau, die fieberhaft nach ihrem Platz in der Gesellschaft und, das lässt den Charakter so besonders erscheinen, zum Nutzen dieser Gesellschaft sucht. Daniel „007“ Craig macht neben seiner Kollegin das Beste, was er machen kann, nämlich so gut wie nichts. Er hält sich aufs Angenehmste zurück, zeigt Mikael Blomkvist als ernst zu nehmenden Partner auch für Lisbeths Gefühle, hilft Rooney Mara mit seinem Können, ihres vollkommen zu entfalten. Bemerkenswert daneben: Christopher Plummer gibt dem Industriellen mit wenigen Auftritten unvergesslich Profil, wie auch Robin Wright, Joely Richardson, Stellan Skarsgård und Julian Sands in kleinsten Auftritten große Wirkung erzielen. Nicht die kürzeste Szene, keine noch so winzige Rolle wurde von Regisseur David Fincher vernachlässigt. Das ist mindestens einen „Oscar“ wert! Viel wichtiger als Spekulationen um mögliche Preise ist jedoch die Frage, ob Fincher auch die angekündigten Fortsetzungen „Verdammnis“ und „Vergebung“ inszenieren wird. Die Gerüchteküche brodelt. Noch soll er nicht zugesagt haben. Den Produzenten dürfte jedoch klar sein, dass es keinen Besseren gibt.

Peter Claus

Verblendung, von David Fincher (USA 2011)

Bilder: Sony Pictures

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