Soldatenglück und Gottes Segen
von Jan Distelmeyer+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik im Juni 2002
Betreuter Ausnahmezustand
Friedensmission mit Gunter Gabriel, amerikanischem Supermarkt und Lagerfriseur: "Soldatenglück und Gottes Segen" von Ulrike Franke und Michael Loeken ist der erste abendfüllende Dokumentarfilm über einen Auslandseinsatz deutscher Soldaten
ShareInvincible
von Henryk Goldberg+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2002
Ein Desaster
Es hat sie alle gegeben. Zische Breitbart, den stärksten Mann der Welt, der polnische Jude starb 1925. Erik Jan Hanussen, den okkultesten Hellseher der Welt, der österreichische Jude wurde 1933 von der SA ermordet. Und Werner Herzog, einen der berühmtesten deutschen Filmregisseure. Der Mann, der den Mut hatte, mit Klaus Kinski zu arbeiten, Zum Rest des Beitrags »
ShareMen in Black 2
von Jan Distelmeyer+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik im Juni 2002
Déjà-vu der Killerschaben
Variationen eines Blockbusters: "Men in Black II"
Die Erde, ach was, die ganze Galaxis war von Ungeziefer bedroht. In der mehr schlecht als recht übergestülpten Haut eines tumben Farmers zog 1997 eine intergalaktische Riesenschabe die Aufmerksamkeit jener Organisation auf sich, die Barry Sonnenfelds Kinohit seinen Namen gab. Ein Fall für die Men in Black (MIB), eine geheime Alien-Einwanderungsbehörde in Manhattan, vertreten durch die Spitzenkräfte Agent K (Tommy Lee Jones) und Agent J (Will Smith). "Wir haben eine Schabe", lautete Ks knappe Warnung. Genauer gesagt war es neben dem Monster eine ganze Masse von Schaben, die permanent aus der notdürftigen Menschenverkleidung purzelten.
ShareWir waren Helden
von Jan Distelmeyer+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik im Juni 2002
Napalm fürs Vaterland
Hollywood gewinnt für Amerika den Vietnamkrieg: Randall Wallace' Film "Wir waren Helden"
"Papi, was ist ein Krieg?", fragt das Töchterlein vor dem Schlafengehen. Mel Gibson schlägt für einen kurzen Moment die Augen nieder. Ein Augenblick der Besinnung, aus dem die ganze Aufrichtigkeit, Entschlossenheit und Sorge des Familienvaters Lieutenant Colonel Hal Moore spricht. "Es ist etwas, das nicht geschehen sollte. Wenn Menschen versuchen, anderen Menschen das Leben zu nehmen, dann gehen Soldaten wie dein Daddy dorthin, um das zu verhindern." Zwei Filmstunden später wird Daddy aufrecht und entschlossen den Einsatz von Napalmbomben gegen den vietnamesischen Feind anfordern.
Randall Wallace' Wir waren Helden bestätigt als Fortsetzung der aktuellen Kriegsfilmwelle jenes Kinobild, das seit Spielbergs Der Soldat James Ryan zur unverrückbaren "Wahrheit" geworden ist: Krieg ist ein von anderen Mächten ausgelöster Zustand, in den wir unschuldig hineingeraten. Eine Art pervertiertes Naturphänomen, das über seine Protagonisten hereinbricht wie der sprichwörtliche "Kugelhagel" in der Eröffnung von Saving Private Ryan oder in vergleichbaren Szenen aus Jean-Jaques Annauds Duell - Enemy at the Gates oder John Woos demnächst anlaufendem Windtalkers. Auge in Auge mit der "Bestie Krieg": Der Blick auf historische Hintergründe tritt hinter die subjektive Perspektive des Frontsoldaten. "So fühlt sich das an, wenn Daddy im Krieg ist", brüllt uns die seit Spielberg notorisch bewegliche Kamera im Schlachtgetümmel entgegen, auf die schon mal Blut und Dreck spritzt, wenn sie zwischen Schüssen und Schreien an abgetrennten Extremitäten und aufgesprengten Bäuchen vorbeihetzt. Dazwischen, ein Fels in der Brandung, steht aufrecht Colonel Moore.
Warum also sollten wir uns über Wir waren Helden aufregen? Nichts daran ist neu, wenn Kamera und Ton eine authentische Körpererfahrung simulieren und das Publikum zur Identifikation auffordern. Es ist auch keine Überraschung, dass sich bei Moore und seinen Untergebenen, frei nach Ernst Jünger, wahre Kameradschaft erst im Angesicht der Bestie erweist. Doch was diesen Film so verlogen und zum Tiefpunkt des zeitgenössischen Kriegskinos macht, hat nicht allein mit der aufgeladenen Ikonografie zu tun. Es ist vielmehr die Kombination von Heldentum, Kriegsszenario und seinem Schauplatz: Vietnam. In der langen Geschichte des Vietnamkriegfilms hat es noch nie einen derart untadeligen Staroffizier wie den Superdaddy Colonel Moore gegeben. Ein Mann mit Humor, Familie, Moral, Bildung, Zweifeln an "den Politikern", Ehrgefühl und noch dazu mit einer Frau (Madeleine Stowe), die während des Einsatzes die Soldatenbräute an der Heimatfront betreut.
Als Moore von nordvietnamesischen Soldaten eingekesselt wird, fragt er im Angesicht des Todes seinen alten Waffenbruder Plumley, wie sich wohl General Custer in der aussichtslosen Schlacht gegen die Indianer gefühlt habe. "Sir", lautet Plumleys knappe Antwort, "Custer war ein Schlappschwanz, Sir - Sie nicht!" Und weil Moore eben kein Schlappschwanz ist, sondern der Mann, der nach John Wayne in Die Grünen Teufel (1968) und Sylvester Stallone in Rambo II (1986) den verlorenen Vietnamkrieg für die USA gewinnen wird, dreht sich der Spieß um. Mit dreister Metaphorik werden die eingekesselten, gleichsam vom Aussterben bedrohten US-Truppen kurzerhand zu Indianern umdefiniert - Kommando "Häuptling Crazy Horse". Nach dieser Umwertung traut sich Wir waren Helden auch den letzten Schritt: Zum ersten Mal werden amerikanische Napalmbomben zum Heilsbringer. Sie sind die Rettung in einem Krieg, den kein Amerikaner gewollt hat, aber der hier fürs Erste gewonnen werden kann. Als Offizier und Familienvater hat Mel Gibson damit offiziell jenen Traum verwirklicht, der in Rambo II nur nachträglich durch einen Außenseiter hatte geträumt werden dürfen.
Vielleicht aber ist der traurigste Aspekt dieses Films gar nicht sein Verhältnis zur Geschichte des Vietnamkriegs, sondern sein Verhältnis zur Gegenwart. Eine eigene Geschichte mit einer eigenen Moral: Wir waren Helden gehört zu einer genreübergreifenden Entwicklung, die seit einiger Zeit das Gegenteil dessen feiert, wofür man Hollywood lieben lernte. Denn das Wunderbare am Hollywood-Kino lag nicht zuletzt darin, innerhalb streng gesetzter Genrerahmen Raum für Überraschungen, Innovationen, Selbstreflexivität und bisweilen sogar Subversives zu entwickeln. Gerade diese Freiheit wird derzeit nicht nur in den Kriegsfilmen zerstört, sondern auch in konservativen Melodramen und Familienfilmen von Das Glücksprinzip über Family Man bis zu A Beautiful Mind und Das Haus am Meer. Auch an der Familienfront winkt die Rückkehr zu anachronistischen Geschlechterrollen und stupider Ordnung. Ganz zu schweigen vom Science-Fiction-Genre, das mit reaktionären Remakes ein Loblied auf Massenvernichtungswaffen anstimmt. Insofern ist Mel Gibsons heldenhafte Einäscherung Vietnams umso schwerer zu ertragen, als sie ganz selbstverständlich einem aktuellen Trend folgt.
Autor: Jan Distelmeyer
Diese Kritik ist zuerst erschienen in: Die Zeit 06/ 02
ShareWilbur Wants to Kill Himself
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2002
Postdogmatisch: der neue Film von Lone Scherfig
Die dänische Regisseurin Lone Scherfig, (Italienisch für Anfänger) hat sich mit ihrem neuen Film von den strengen Regeln der„Dogma"-Schule wie vom europäischen Festland gleichermaßen weit entfernt: Die Geschichte des Fast-Selbstmörders Wilbur spielt in Glasgow. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Stellvertreter
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Kritik 2002
Ein Unfilm als Symptom
Costa-Gavras versucht sich an einer Verfilmung von Rolf Hochhuths "Der Stellvertreter"
Auch fast 40 Jahre nach der Uraufführung erregt Hochhuths Theaterstück "Der Stellvertreter" über das Schweigen des Papstes angesichts des Holocaust noch immer die Gemüter, zumal dann, wenn es durch eine Verfilmung neue Aktualität gewinnt. Beim Film von Costa-Gavras, Originaltitel Amen, hat in Frankreich aber mehr das Plakat, das Kreuz und Hakenkreuz ineinander verschränkte, Skandal gemacht als der Film selbst. Zum Rest des Beitrags »
ShareSpider Man
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2002
Gefallener Halbgott
Sam Raimis "Spider-Man"-Verfilmung pflegt die Tradition des liberalen amerikanischen Superhelden
Die Superhelden der Comicstrips verdanken ihre Existenz interessanterweise einem Mann namens Frederic Wertham, Psychiater und Verteidiger amerikanischer Werte. In seiner Arbeit mit jugendlichen Delinquenten meinte er herausgefunden zu haben, dass kriminelle Karriere und sexuelle Perversionen durch das Lesen von "realistischen" Crime- und Horror-Comics gefördert würden.
Abgesehen davon, dass für ihn Homosexualität gleich nach Mord kam, haben sich seitdem die Argumente der Medienschelte nicht wesentlich geändert. Seduction of the Innocent hieß sein Anklagebuch, das ganz nebenbei eine Theorie der Kindheit enthält.
Im Jahr 1954 taten sich die Verlage zu einer freiwilligen Selbstkontrolle unter dem Zeichen des American Comics Code zusammen, und das Medium wurde sauber. Sehr sauber. Superhelden statt Gangstern und Geistern, das hieß klare Unterscheidung von Gut und Böse, das hieß ein Empfinden des Körpers, bei dem niemand so schnell an sexuelle Perversion denkt, das hieß: eine Gesellschaft, die ihre Moral nicht von innen her in Frage stellt, sondern von äußeren Beschützern garantieren lässt. Es gab Bereiche der Wirklichkeit, die man einfach nicht mehr zeigte: Küsse, Alkohol, Toiletten, Krankheit, Revolte, Schmutz, Zweifel an Autoritäten, Metzgereien. Was übrig bleibt ist die gute Familie und die gute Nation. Aus diesem Geist wirkten Superman, The Flash, The Green Lantern in bewohnbaren Traumwelten voll suggestiver Schurken und strahlender Helden. Die Gewalt wurde kosmisch und sauber, die Protagonisten hatten fantastische Kostüme an, die den Körper vollständig verbargen und ihn zugleich - "wie eine zweite Haut" - heroisch neu erfanden.
Superhelden gab es natürlich schon vor der Einführung des Comics Code, aber in den fünfziger Jahren wucherte das Genre so sehr, dass es zu einer Zeichensprache wurde, mit der die meisten amerikanischen Kinder lesen, sehen und denken lernten. Superhelden-Comics waren eine Erlösung für die Kleinen, die in einer reichlich kranken Gesellschaft heranwuchsen, in Familien, in denen Vater von seiner Kriegserfahrung geprägt war, Mutter ihre unerfüllten Hoffnungen zum Friseur trug, und die in der Schule aufgefordert wurden: "If mommie is a commie, than you got to turn her in." Nein, in so einer Welt war nicht zu leben, also hinaus, entweder mit den Cowboys in die Weiten des alten Westens oder in den Luftraum über der Stadt mit den Superhelden! Superhelden bekämpften Weltverschwörer, Unterwanderer und wahnsinnige Wissenschaftler, gewiss, aber sie bekämpften tief innen noch viel gefährlichere Feinde: die Einsamkeit, das Misstrauen, die Undeutlichkeit der Welt, die Zumutungen des Fleisches.
Dieser Mythos hat seine Krisen und Erneuerungen. Zur zweiten Generation gehört ein gewisser Spider-Man, der seine Herkunft aus den sechziger Jahren so wenig verleugnen kann wie Superman die seine aus der Zeit des Weltkrieges. Entwickelt wurde er von Stan Lee, der zusammen mit Zeichnern wie Jack Kirby und Steve Ditko den "Marvel-Stil" für seinen gleichnamigen Verlag entwickelte. Es waren Männer, die den Markt, auf dem sie sich befanden, ebenso gut kannten wie die Märchen der Welt und Freuds Totem und Tabu.
Spider-Man geht über das schlichte Konzept hero with problems hinaus. Das ausgeprägt "realistische" Privatleben, aber auch eine neue Form, Bewegung darzustellen, führen zu einer anderen Form der Identifikation. Superman ist ein Erlöser, allenfalls ein "großer Bruder", Spider-Man, Spidey für Freunde, Peter Parker im Privatleben - ein Superheld wie du und ich. Das überdeckt nicht einen Kern im Wesen der Marvel-Helden: Einsamkeit, Selbstzweifel und ausgeprägte Schwächen.
1971 wurde in Amazing Spider Man eine Geschichte über Drogen in Peter Parkers Freundeskreis erzählt, und zum ersten Mal erschien ein Superhelden-Heft ohne das Siegel der freiwilligen Selbstkontrolle, da der Code ja jede Darstellung von Drogen verbot. Spider-Man war es gelungen, aus dem langen Schatten des Saubermanns Frederic Wertham und seiner Projektion der "Unschuld" zu treten. Es begann ein langer, windungsreicher Weg zurück zur Wirklichkeit, in dessen Verlauf die Superhelden allesamt in eine heftige Sinnkrise gerieten, auch Spider-Man verlor definitiv die Lust am Heldenspiel. Daraus entstand so etwas wie die Endzeit der Superhelden, das melancholische Spätstadium eines einst naiven und optimistischen Genres. Superhelden-Comics hätten damals verschwinden können, wie der Western verschwunden war, zumal das Comic-Medium selbst durch die neue Konkurrenz von Computerspielen auch in eine neue ökonomische Krise geriet. Aber da war eine neue Generation, die sich wieder eindeutige Helden wünschte. Und jetzt ist es das Kino, das einen neuen Olymp für die (beinahe) gefallenen Halbgötter schafft. Sam Raimis Spider-Man ist nicht nur wieder einmal der erfolgreichste Film aller Zeiten, die Adaption rettet wohl auch einen Comic-Kosmos davor, in manieristischer Selbstreflexion oder Trivialisierung zu versinken.
Die Spinne in der Sinnkrise
Spider-Mans Ursprungsgeschichte ist auch im Film denkbar einfach: Der junge Collegestudent Peter Parker (Tobey Maguire) wird von einer radioaktiven Spinne gebissen und bekommt dadurch seine fantastischen Fähigkeiten. Er schwingt sich an seinen Spinnennetzen, die er aus den Düsen in seiner Hand schießen kann, über die Straßen der Stadt. Das Vertikale ist seine Domäne, gern hängt er auch kopfunter vor Freund und Feind, um sie in einen ironischen Dialog zu verwickeln. Anders als ein ähnlich urbaner Held wie Batman hat sich Spidey dabei eine Form der kindlichen Reinheit erhalten; er ist einer, der es geschafft hat, dass die Abgründe, in die er blickt, nicht in ihn zurücksehen. Ein Spinnenkostüm hat eben auch sein Gutes.
Kurz gesagt: In Raimis Verfilmung des Popmythos kommt alles vor, was wir an unserem freundlichen Netzschwinger schätzen. Tobey Maguire ist die perfekte Besetzung, weil er die Pubertät als permanentes Erlebnis des Staunens verkörpert. Willem Dafoes Schurke ist grotesk und tragisch, und bei der Kreation der Stimmung weiß Raimi, wo er vor dem Morbiden und bei allem Bewusstsein von Popgeschichte vor purer Nostalgie Halt machen muss. Raimi schafft die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie, zwischen Subtext (ziemlich deutlich sind die sexuellen Konnotationen) und Oberfläche, zwischen dem Charakterisieren eines jungen Menschen in einer Situation des Übergangs und einer Figur der physischen Aktion voll reiner kinetischer Energie, für die man in der Tat im Jahr 2002 keinen realen Menschen mehr benötigt. Das ist die neue Schizophrenie des Superhelden auf der Leinwand: dass er in einem Moment ein Mensch aus Fleisch und Blut ist und im anderen ein Pixel-Wesen aus dem Computer.
Selbst bei einem solchen Stoff, den ansonsten quasi der Mythos der Vorlage und die technische Kompetenz der Spezialeffektleute, der Designer und Kameraleute unter sich ausmachen könnten, hat Raimi nicht vollständig auf seinen Stil verzichtet. So bricht er eine Einstellung immer um etliches früher ab, als es seine Kollegen tun würden. Er verknappt die Effekte, statt sie zu "melken". Auch die Schlussapotheose - Spider-Man hoch über den Dächern von New York, hinter sich die amerikanische Fahne im Wind - verliert auf diese Weise ihr Kitschpotenzial. Das Amerikanische nämlich gehört zu diesem Superhelden so sehr wie das spezifisch New Yorkische.
Übrigens: Es verstand sich einst, dass die Superhelden in Zeiten der Krisen zu den Fahnen eilen; Superman oder Daredevil bekämpfte natürlich Hitler und seine Schergen. Aber in der Zeit des Vietnamkrieges geschah mit ihnen eher das Gegenteil, sie begannen zu zweifeln. Captain America, der Held des Weltkrieges, wachte aus dem Schlaf im ewigen Eis auf und war ganz und gar nicht bereit, für die Politik seiner Nation wieder in den Krieg zu ziehen. Superman ging nicht nach Vietnam, und Spider-Mans beziehungsweise Peter Parkers Freundin beteiligte sich sogar an Antikriegsdemonstrationen! Auf den 11. September reagierten die Superhelden mit einer Mischung aus patriotischem Trotz und Melancholie; den Schub der Militarisierung machten die meisten von ihnen schon nicht mehr mit. Denn Superhelden beschützen nicht nur die Nation (oder was jugendliche Comic-Leser dafür halten), sie sind auch die Nation. Deshalb müssen sie gelegentlich moralischer sein als die politische Führung.
Insofern kann man, wenn man will, den Satz, der auch im Film als Motto über der Existenz dieses Superhelden steht, durchaus als Mahnung an seine Nation verstehen: "Great power means great responsibility." Denn genau das ist Spideys Schicksal: Er ist zu stark, um einfach nichts zu tun gegen das Böse in der Welt. Er ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um an dessen Wurzeln vorzudringen. Und er ist zu klug, um nicht zu merken, wie oft er die Verhältnisse schlimmer macht, als sie ohnehin schon waren. Responsibility - das sagt sich leicht und versteht sich schwer für einen Superhelden und eine Supernation, die beide in Krisenzeiten zu zwei verhängnisvollen Reaktionen tendieren: auf der Straße um sich schlagen oder sich im Kinderzimmer einschließen. Responsibility - wäre schön, wenn der Superheld dieses Jahrzehnts dieses Wort populär machen würde.
Autor: Georg Seeßlen
Text veröffentlicht in Die Zeit
ShareDer Schuh des Manitu
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2002
Der Clou am Schuh des Manitu
Warum sind Amelie und Der Schuh des Manitu so große Erfolge?
Na sicher: Hollywood macht uns kaputt. Das Fernsehen macht uns kaputt. Und wenn das nicht reicht, machen wir uns selbst kaputt. Daher sind überraschende Publikumserfolge einheimischer Filme in Europa in der Regel nur als die Ausnahme akzeptiert, die die Regeln bestätigt. Zum Rest des Beitrags »
SharePower and Terror: Noam Chomsky in Our Time
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2002
Das Sequel: Doku über Chomskys Kritik an der US-Politik
Noam Chomsky ist der Kerl, den man als verzweifelter Aufklärer erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe. Er zeigt in seiner Arbeit, wie man vom Nachdenken über Zeichen und Sprache sozusagen automatisch zur Politik kommt - und umgekehrt. Eine Bemerkung, die man zu allen Büchern, Artikeln und eben auch Filmen von und über Chomsky lesen darf, lautet so: „Urteilt man nach Wirkung, Reichweite, Innovation und Einfluss seiner Theorien, so ließe sich Noam Chomsky als der wichtigste Intellektuelle der Gegenwart bezeichnen". Zum Rest des Beitrags »
ShareSo weit die Füße tragen
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2002
Verdruss der Mitte
Zwei deutsche Filme scheitern zwischen Genre und Geschichte -
Nirgendwo in Afrika/ So weit die Füße tragen
Eine Kultur, so hört man sagen, stabilisiere sich weniger durch ihre Glanzleistungen als durch eine verlässliche Mitte. Jene ästhetische Produktion zum Beispiel, die ein Publikum eint, statt es zu spalten, gehaltvoll, aber nicht widerspenstig. Eine "Tradition der Qualität" nennt man das in Frankreich. Wenn das deutsche Kino eine ökonomische und kulturelle Zukunft haben wollte, dann müsste es wohl so eine Mitte der Geschmäcker und Ansprüche erobern. Vielleicht müsste diese Mitte unserer Filmkultur auch erst erfunden werden. Aber die Filme, die das bewerkstelligen könnten, sie wollen und wollen nicht gelingen. Zum Rest des Beitrags »
ShareNirgendwo in Afrika
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2002
Verdruss der Mitte
Zwei deutsche Filme scheitern zwischen Genre und Geschichte -
Nirgendwo in Afrika/ So weit die Füße tragen
Eine Kultur, so hört man sagen, stabilisiere sich weniger durch ihre Glanzleistungen als durch eine verlässliche Mitte. Jene ästhetische Produktion zum Beispiel, die ein Publikum eint, statt es zu spalten, gehaltvoll, aber nicht widerspenstig. Eine "Tradition der Qualität" nennt man das in Frankreich. Zum Rest des Beitrags »
ShareMulholland Drive
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2002
»Mullholland Drive« ist wahrscheinlich ein Film, der nicht nur die Lynch-Fans in Verzückung setzen wird, sondern auch bei Lynch-Skeptikern ankommt. Er zeigt die Lynch-Methode der nicht-linearen Erzählweise und der Traumdramaturgie, seine grotesken Nebenfiguren und seine selbstreferentiellen Bildwelten in bemerkenswerter Durchsichtigkeit. Aber anders als in »Lost Highway« wird die Methode nicht für sich vorgeführt. Zum Rest des Beitrags »
ShareHundstage
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2002
Man könnte Hundstage als Ulrich Seidls ersten Spielfilm bezeichnen. Immerhin gab es ein Drehbuch, was bei seinen vorherigen Arbeiten nicht der Fall war. Andererseits schreibt er aber auch die besondere Art des "Dokumentarischen" in seiner Arbeit fort. Ulrich Seidls Filme waren schon immer "Spiel-Filme", weil sie zeigten, wie die Menschen mit ihrer eigenen Biographie vor einer Kamera spielten, die ihrerseits ihr eigenes Spiel trieb. Und dokumentarisch bleibt auch Hundstage, weil der Film wieder das Leben von Menschen ohne Traum und Mythos wiedergibt. Zum Rest des Beitrags »
ShareArnie geht zum Teufel (Arnold Schwarzenegger)
von Georg Seeßlen+ in Filmwissen, Kolumnen & Blogs am 22. April 2002
Vom Traum und von der Ideologie des geradeaus gehenden Männerkörpers
Eigentlich mochte ich Muskelprotze nicht. Ich mochte lieber die Errol Flynn- und Tyronne Power-Linie der männlichen Körperbilder. Bis zu dem Tag in einer schmutzigen kleinen italienischen Provinzstadt, wo man am Abend in ein Freiluftkino gehen konnte, was ungefähr das billigste Vergnügen in der Stadt war. Im Zuschauerraum saßen lauter lungenkranke Tyronne Powers und Männer, die wie Errol Flynn lächelten. Zum Rest des Beitrags »
ShareBerge des Schicksals
von Georg Seeßlen+ in Filmwissen, Kolumnen & Blogs am 22. April 2002
Notizen anlässlich des Filmzyklus „Bergwelten"
Es gibt - nicht nur im Kino - wohl keine so blitzrasche Verbindung zwischen Geopolitik, Mythos, Ästhetik und Melodrama wie in Bildern von Bergen. Die Bewegungen der Menschen dehnen sich zeitlich aus, kommen vom Zweck der Bewegung zu sich selbst; wahrscheinlich werden wir es nie wirklich müde, einen Reiter auf uns zu kommen zu sehen, gleichgültig ob in den Bergen von Montana in einem Western oder in einem Film über kurdische Flüchtlinge. Zum Rest des Beitrags »
ShareDie arbeitslose Traumfabrik
von Georg Seeßlen+ in Kino: Vergangenheit+Zukunft, Kolumnen & Blogs am 22. April 2002
Kino-Bilder der Arbeit: Ein 100 Jahre altes Missverständnis
Von der ersten öffentlichen Vorführung des „Kinematografen" in einem Pariser Café bis zum totalen Erlebnis im Multiplex-Kino unserer Tage zieht sich als ein roter Faden durch die mehr als hundertjährige Geschichte des Kinos ein Kampf um die Bilder. Im Kino, sagt die eine Fraktion, wollen wir für ein paar schöne Stunden vergessen, wie bedrückend, wie gleichförmig unser Alltagsleben ist. Vergesst die Fabrik, vergesst den Spülstein und vergesst vor allem, wie das zusammenhängt, die Maschinen, die Arbeit, die Familie, und die Politik. Zum Rest des Beitrags »
ShareIm toten Winkel: Hitlers Sekretärin
von Jan Distelmeyer+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik im April 2002
Andre Heller hat mit Othmar Schmiderer einen Dokumentarfilm gedreht, der zuviel offen lässt
In den letzten Wochen ihres Lebens hatte Traudl Junge für kurze Zeit jene Form von Popularität erfahren, die sich aus den Schlagzeilen großer Tageszeitungen speist und Namen durch Funktionen ersetzt. Sie hieß nun „Hitlers Sekretärin"; als solche wurde sie in der Boulevardpresse und in Agenturmeldungen zitiert, wie sie „ihr Schweigen bricht" und über "die letzten Stunden des Diktators" spricht: Hitlers Gesicht kurz vor seinem Selbstmord. Eva Brauns letztes Kleid. Knapp drei Monate nach dem Tod der 81-Jährigen in München läuft nun der Film an, der die Quelle der Zitate und den Ausgangspunkt des kurzen, aber intensiven Interesses bildet. Andre Heller hatte im Frühjahr 2001 mehrere Gespräche mit Junge geführt und das Material mit dem Filmemacher Othmar Schmiderer bearbeitet.
ShareWarte bis es dunkel wird
von Georg Seeßlen+ in Filmwissen, Kino: Vergangenheit+Zukunft, Kolumnen & Blogs 2002
Geht im Kino das Licht aus, ist alles möglich: Das Schönste. Und das Schrecklichste
Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg von der Wirklichkeit zu den Bildern. Meiner führt durch den suggestiven Raum alpenländischer Nachteinbrüche. Als Kind bin ich viel herumgekommen in den Hochwäldern, zu jenen dämmrigen Stunden zwischen Tag und Traum, in denen Bilder und Geräusche weder ganz wirklich noch pure Einbildungen sind. Die Erwachsenen erklären einem zwar den natürlichen Ursprung der fantastischen Bilder und Töne: So schreit ein Uhu, so sieht ein kleiner Felsvorsprung aus. Aber da ist man vielleicht schon hoffnungslos verloren an jenen träumerischen Augenblick, in dem die Empfindungen sich vom sicheren Innen ins vage Außen verlagern. Zum Rest des Beitrags »
ShareCrime is king
von Jan Distelmeyer+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik im April 2002
Zeitlupensterben
In "Crime is king" scheint Regisseur Demian Lichtenstein nicht zu wissen, ob er Pulp Fiction, Western, Roadmovie oder doch Familiengeschichte verwursten will. Kevin Costner und Kurt Russell geben derweil ballernde Elvis-Imitatoren ab.
ShareSprich mit ihr
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 7. April 2002
Ein Film über Frauen, Männer, die Liebe und den Tod
Pedro Almodóvar war einer der populärsten Vertreter der „movida", jener Anti- und Post- Frankistischen Bewegung in Spanien, die auf den ersten Blick mehr mit Sex & Drugs & Rock'n'Roll als mit Politik zu tun hatte. Almodóvars Filme waren schrill, melodramatisch, komisch, künstlich. Allerdings auch bloß auf den ersten Blick gesehen. Wenn man sie genauer ansieht, entdeckt man darin eine tiefe Menschlichkeit, einen genauen Blick auf die Brüche und Konstanten der spanischen Gesellschaft auf dem Weg von der Isolation in der Zeit der Diktatur direkt in die Postmoderne, und nicht zuletzt kann man so etwas wie den Entwurf neuer Lebensformen darin sehen. Die wahre Menschlichkeit, die steckt im Leben all derer, die das bürgerlich-faschistische Regime verachtet hat, bei den Junkies, Transvestiten, Huren und Künstlern. Zum Rest des Beitrags »
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