Kapitalistischer Realismus, Porträts und die Berghain Novelle
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 2. April 2011
Grafik des kapitalistischen Realismus
KP Brehmer, KH Hödicke, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Wolf Vostell, Druckgrafik bis 1971.
Edition Block, Berlin, bis zum 30. Juli 2011
„Kapitalistischer Realismus“ hieß im Oktober 1963 ein legendäres Happening im Düsseldorfer Möbelhaus Berges. Damit wollten sich Künstler wie Konrad Lueg, Gerhard Richter und Sigmar Polke vom „Sozialistischen Realismus“ abgrenzen. Irgendwie konnte man aus der Performance zwischen Nierentischen, Fernsehgeräten und Kleidern von Joseph Beuys aber auch eine ironische Distanzierung von der Konsumkultur des Kapitalismus herauslesen. Doch immerhin warben sie damals für ein „Leben mit Pop“. Die alte Frage, ob der „Kapitalistische Realismus“ nun eine Methode der künstlerischen Gesellschaftskritik war oder nicht, lässt sich auch in René Blocks Ausstellung mit Druckgrafiken aus dieser Zeit nicht endgültig klären. Es finden sich darin ebenso viele Belege für die These wie gegen sie. Wer sie noch nicht kennt, kann an den letzten Exemplaren von Blocks legendärer Edition zur Druckgrafik, die der ersten Ausstellung der „Kapitalistischen Realisten“ in Schöneberg 1964 vier Jahre später folgte, noch einmal den Siegeszug der populären Bildmotive in der Kunst nachvollziehen: Mit KP Brehmers Badenixe aus der Werbung bis zu Wolf Vostells Handmixer. An Werken wie diesen lässt sich ermessen, wie weit der Pop heute gekommen ist. (Katalog, Kerber-Verlag, 18 EUR)

Wolf Vostell: Phantom, 1968 (Siebdruck auf Pappe, mit verspiegelten Glühbirnen, © Edition Block, Berlin)
mehr Informationen via editionblock.de
Sven Marquardt. Portraits
Galerie Pixel Grain, Rosenstr 16/17, Berlin-Mitte, bis 21. April 2011
„Manche Gesichter bleiben hängen“. Dass Sven Marquardt ein Gespür für Gesichter hat, merkt man den Fotografien des 1962 im damaligen Ost-Berlin geborenen Künstlers auf Anhieb an. Auch wenn sie alles andere als „authentisch“ sind. Sondern hochgradig inszeniert. In seinen sorgfältig arrangierten schwarz-weiß Fotografien schafft er es, einen Zustand zwischen Exaltation und Kontemplation, zwischen Stärke und Verletzlichkeit aufscheinen zu lassen. Dieses besondere Vermögen hängt womöglich mit seiner Ausbildung zusammen. In der DDR hat Marquardt lange für die DEFA und die Modezeitschrift Sibylle gearbeitet. Zum Rest des Beitrags »
ShareBlumenstrauß im Gegenwert von zweisiebenundsiebzig
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 18. Februar 2011
Cut&Mix – Kulturelle Aneignung und künstlerische Behauptung:
Zeitgenössische Kunst aus Peru und Chile
Kulturtransfers 2 der ifa-Galerie Berlin, bis zum 17. April 2011
Berlin ringt um das Humboldt-Forum. Keiner weiß, wie der Anachronismus gelingen kann, in den Mauern eines gefakten Barockschlosses ein Forum für den interkulturellen Dialog von morgen zu installieren. Dabei gibt es in Berlin längst genügend Institutionen dafür. Eine von ihnen ist die Kunstgalerie des staatlichen Instituts für Auslandsbeziehungen (IFA). Ihre jüngste Ausstellung zu zeitgenössischer Kunst aus Peru und Chile gibt einen Vorgeschmack auf die Dimensionen dieses Dialogs. Nicht nur, weil sie mit den Künstlern Gilda Mantilla und Raimond Chaves Dibujando eine Art Nachfahren Alexander von Humboldts präsentiert. Ihr Serie mit Zeichnungen „Dibujando América/Amerika zeichnend“, eine Art moderne Reisemalerei, erinnert nämlich an genau die Naturzeichnungen, mit denen der Gelehrte zu Beginn des 19. Jahrhunderts berühmt wurde und das Bild des lateinamerikanischen Kontinents hierzulande geprägt hat. Die Ausstellung zeigt aber auch, mit welchen inneren Widersprüchen die dialogbereiten Länder zu kämpfen haben: Eine Arbeit wie „Inkarri“ von José Carlos Martinat und Enrique Mayorga legt das Identitätsdilemma zwischen Moderne und Mythos frei: Auf einer Fotografie sieht man einen in Form eines Inka-Kopfes geschnitten Zierbusch, der Boden davor ist mit Ausdrucken aus dem Internet übersät. (Katalog, Kerber-Verlag, 16,50 EUR)

Foto: José Carlos Martinat und Enrique Mayorga: Inkarri. Ambiente de Estéreo Realidad 3 / Rauminstallation Stereo-Realität 3, 2005, Digitalfotografie, drei Drucker mit automatischem Papierschneider, ein PC und Sensoren, verschiedene Größen, Reproduktion eines Werkes aus der Sammlung MALI, Museo de Arte de Lima, Schenkung des Künstlers. Courtesy/Copyright: ifa.
James Franco: The Dangerous Book for Boys
Peres Projects, Berlin, bis zum 23. April 2011
Hierzulande firmiert James Franco immer noch unter „Hollywood-Schönling“. Schuld daran ist vermutlich seine Mutter, die den 1978 im kalifornischen Palo Alto-geborenen Schauspieler als kleinen Jungen dazu überredete, seine schief stehenden „Hasenzähne“ mittels einer Spange so ins Ebenmaß zu rücken, dass der Aufstieg zum Leinwandstar unausweichlich war. Sein Rolle als bester Freund Spidermans, der Auftritt als Oscar-Moderator oder die Rolle in dem jetzt anlaufenden Extremsport-Thriller „127 Hours“ verdecken, dass in Franco ein ästhetisches Multitalent schlummert. Dass er nicht nur, wie er es einmal für Schauspielerei konstatierte, „komplexere Rollen“ schätzt, belegt auch seine erste Kunstausstellung. Installationen wie das „Burning House“ oder das wiederkehrende Motiv eines zerstörten Spielzeughauses aus Plastik wirken wie die Austreibung der Kindheit. Der Titel der Schau spielt an auf ein in den USA legendäres Handbuch: „The Dangerous Book for Boys“. Zum Rest des Beitrags »
ShareEin kolorierter Büffel, pattern matching und getippte Bilder
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 14. Dezember 2010
Via Lewandowsky: Neverbeenthere
Künstlerhaus Bethanien, bis 19. Dezember 2010
Afrika, dunkel lockende Welt. Der Erfolg von Tania Blixens 1937 erschienenem Roman ist ein Beleg für die These, dass die Wahrnehmung Afrikas von einer Projektion geprägt war, in der die Sehnsucht nach einer vormodernen Lebensform, romantischer Sexismus und offener Rassismus eine prägestarke Mischung eingegangen sind. Genau dieses Bildgedächtnis versucht Via Lewandowsky in seinem „Zuspiel“ freizulegen, einer neuen Reihe im Ausstellungsprogramm des Künstlerhauses Bethanien, in dem auch solche Künstler zum Zuge kommen, die nicht gerade Stipendiaten des Hauses sind. Der 1963 in Dresden geborene Künstler, der heute in Berlin lebt und arbeitet, zeigt eine 16-teilige Fotoserie, deren Motive aus historischen Fotografie-Bänden zu Afrika (Die Karawane ruft, Die nackten Nagas, Ins Innerste Afrika) aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen: Büffel, nackte Afrikanerinnen, verwunschene Natur. Lewandowsky hat die Bilder leicht verändert, nämlich koloriert. Ob man das wirklich als Reenactment bezeichnen kann, wie es im Begleittext heißt, ist zweitrangig. Der Kunstkniff ermöglicht jedenfalls den retrospektiven Blick auf eine historisch gewordene Wahrnehmung des „schwarzen Kontinents“, die unser Bewusstsein noch bis vor wenigen Jahrzehnten dominierte.
Texte: Ingo Arend
Foto: Via Lewandowsky, (Courtesy Charim Galerie, Wien
Die 16-teilige Fotoserie “Neverbeenthere” (1997) untersucht Bildmotive von Afrika-Büchern, wie sie unter Titeln wie “Die Karawane ruft” (Hansjoachim von der Esch), “Die nackten Nagas” (Christoph von Fürer-Haimendorf) oder “Ins innerste Afrika” (Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg) bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Deutschland herausgegeben wurden. Im Sinne der Anpassung an die heutige Wahrnehmung von Fotografien wurden die Abbildungen leicht verändert. Das fotografische Reenactment ermöglicht die Betrachtung dessen, was schon einmal betrachtet wurde, aber so nicht mehr betrachtet werden kann. Die imaginative Reise in diesen Bildern wird damit zur Gratwanderung zwischen unserem gewachsenen politischen Wahrnehmungsbewußtsein und dem historischen Blick. (Via Lewandowsky)
Nevin Aladag: Pattern Matching
Wentrup Projects, Berlin, bis 22. Dezember 2010

Seit Samuel Huntington 1996 sein Buch „Kampf der Kulturen“ vorlegte, hat sich die These in den Köpfen festgesetzt, dass der westliche und der islamische Kulturkreis Muster seien, die nicht zusammen passen. So unverrückbar wie ein binärer Code steht seitdem West gegen Ost: Fortschritt versus Rückschritt, Moderne gegen Vormoderne. Nevin Aladag hat versucht, diese ebenso falsche wie gefährliche Frontstellung aufzubrechen. „Pattern Matching“ hat die 1972 im türkischen Van geborene und in Berlin lebende Künstlerin ihre neuesten Arbeiten genannt. Aus Wollflor, Sisal und Kelim-Stücken hat sie Teppiche gewoben, in den sich orientalische und westliche Muster und Materialien auf der einen Seite „begegnen“: Linie und Arabeske bilden zusammen ein Spielfeld wie beim Fuß- oder Basketball. Und überführen den Kampf der Kulturen so in einen sportlichen Wettkampf. In Zeiten, wo allenthalben das Ende von Multikulti ausgerufen wird, zeigen Aladags bestechende Arbeiten den Vorschein dieser abgeschriebenen Utopie. Wie man nämlich scheinbar entgegengesetzten Mustern eine „schöne“ Einheit formen kann. Muster ohne Wert sind ihre „pattern‘s“ jedenfalls nicht.
Foto: Courtesy Wentrup Projects
Dirk Krecker: “Pink Gelb Grün Blau“
Hello Again. Laura Mars, Berlin, bis 30. Januar 2011
„Um Bilder ging es uns nur in zweiter Linie.“ Mit diesem denkwürdigen Satz hat vor kurzem die Kunstwissenschaftlerin Isabelle Graw erklärt, was vor zwanzig Jahren das Motiv für die Gründung der links-kritischen Zeitschrift „Texte zur Kunst“ gewesen. Dass der Gegensatz beziehungsweise das Konkurrenzverhältnis zwischen Text und Bild, das hier tendenziell aufgemacht wird, einigermaßen problematisch ist, kann man in der Ausstellung Hello again sehen. Und zwar nicht nur weil Text – nicht erst seit der Klassischen Moderne – immer ein Bestandteil von Bild, sogar von Skulptur war, wie man Jan Jelineks beschrifteten Geschirrstapeln aus der Serie „Die Symmetrie aus Sicht der Gastronomie“ sehen kann. Sondern auch, weil sich mit Buchstaben und Text Zustände jenseits des Fixierbaren und Beschreibbaren sichtbar machen lassen; jedenfalls ein Feld dazwischen öffnen, dass auszuloten sich lohnt. Die faszinierenden Photogramme von Margret Holz etwa spiegeln einen Zustand vorsprachlicher Bewusstheit. Und Dirk Kreckers Bilder, die aus der Typografie der Schreibmaschine entstanden sind, gleichen Zeichenteppichen. Ein kleine, präzise kuratierte Ausstellung für Genießer, die gern ganz genau hinschauen.
Bild: Dirk Krecker: “Pink Gelb Grün Blau“, Courtesy Laura Mars Grp.
ShareNan Goldin und Peter Lindbergh
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 10. Dezember 2010
Tristesse, Glamour, Sinnlichkeit und Inszenierung
Nan Goldin und Peter Lindbergh - zwei Ausstellungen in Berlin
„Ich fotografiere nur Menschen, die ich liebe.“ Das ist so ein echter Nan Goldin-Satz. Dieser Ton der Unbedingtheit, der Hingabe und der Obsession. Doch man nimmt es ihr ab, wenn man jetzt in der Berlinischen Galerie, Berlins Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, ihre Bilder aus den achtziger Jahren wieder sieht: Niko Utermöhlen von der „Tödlichen Doris“ mit seinem Freund Oli am Tresen im legendären Club Dschungel, Käthe Kruse nackt unter der Dusche in Nans Bad in Kreuzberg, ihre langjährige Geliebte Siobhan liegend in ihrer Badewanne. Diese Fotografien sind keine distanzierten soziologischen Milieu-Studien. Es sind auch immer fotografische Liebeserklärungen. Zum Rest des Beitrags »
ShareWie durch eine Sicherheitsschleuse
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 6. Oktober 2010
Cedric Bomfort: Das Amt
Künstlerhaus Bethanien, bis zum 20. Oktober 2010

Cedric Bomford: Das Amt Installation, Foto: Trevor Good
Eine Arbeit, wie sie nicht besser nach Berlin passen könnte: Ein Jahr lang hat der kanadische Künstler Cedric Bomfort hier übrig gelassene Bauhölzer gesammelt. Die Skulptur, die er daraus gebaut hat, erinnert an die experimentelle Architektur der Nachwendezeit, die die Künstler in Berlin zu paradigmatischen Pionieren des Provisoire hat werden lassen. Die „urbane Reflexion“, als die das Kunstwerk beschrieben wird, ist eine sachte Untertreibung. Denn der 1975 in Vancouver geborene Bodric, der in Schweden studiert hat und in Berlin und Vancouver lebt, ruft mit seiner Skulptur, die wie eine Sicherheitsschleuse passieren muss, wer vom vorderen Ausstellungsraum des neuen Domizils des Künstlerhauses Bethanien in die hinteren gelangen will, Zum Rest des Beitrags »
ShareElmgreen & Dragset
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 1. Oktober 2010
Die Zukunft der Wohlfahrt
Das Berliner Künstlerduo Elmgreen&Dragset bereitet seine “Celebrity”-Schau in Karlsruhe vor
Death of a collector – Tod eines Sammlers. So hieß der mit Sicherheit spektakulärste Beitrag auf der letzten Venedig-Biennale im Sommer 2009. Das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen&Dragset hatte dort eine einzigartige Installation in Szene gesetzt. Den dänischen und den nordischen Pavillon hatten die beiden zur Residenz eines betuchten Industriellen umgebaut, der sein ganzes Geld in Kunst angelegt hatte und nach dem Börsenkrach pleite gegangen war. Das Anwesen wurde von einer fiktiven Immobilienfirma namens Vigilante Real Estate zum Kauf angeboten. Die Leiche des Sammlers schwamm in dem Pool vor dem Pavillon. Eine ebenso böse wie gelungene Satire auf den Kunstmarkt und –betrieb.
Man muss unwillkürlich an die – sogar ausgezeichnete – Collectors-Arbeit denken, wenn man das „Anwesen“ der beiden Künstler in Berlin betritt. Seit gut einem Jahr arbeitet das Duo nämlich in einem neuen Atelier. Zum Rest des Beitrags »
ShareDie wundersamen Kräfte der Kulturindustrie
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 16. September 2010
Die Chinesin Chen Yang lebt und arbeitet in Berlin. In ihrem WiE-Institut zeigt sie Kunst aus Ost und West. Wenn sie nicht gerade chinesischen Beamten die Vorzüge des deutschen Kulturföderalismus schildert oder erklärt, was Kulturmanagement ist
Ein Glashaus mit drei Wänden, darauf die bunten Umrisse orthodoxer Kirchen. Diese Installation von Haralampi Oroschakoff hing bis vor kurzem in einem unscheinbaren Bürohaus in Berlin-Mitte. Zum Rest des Beitrags »
Noblesse oblige – Gallery Weekend in Berlin
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 3. Mai 2010

Terry Rodgers: sacrifical penumbra, Öl auf Leinen, 2010, Courtesy aeroplastics contemporary bruxelles
Wer noch vor ein paar Jahren in die Berliner Auguststrasse fuhr, tat dies meist mit Absicht. Die Idee hinter dem Trip war: Abenteuer. Nichts in der heruntergekommenen Straße in Berlin-Mitte war, wie man es am Abend zuvor verlassen hatte. Immer eröffnete irgendetwas Neues in dem umtriebigen Soziotop: Kneipen, Ateliers, Galerien. Und man konnte sicher sein, irgendeinen interessanten Menschen kennenzulernen, den man zuvor noch nie gesehen hatte. Die Auguststrasse war ein Labor für neue Lebensformen. Und ihr Motor war die Kunst.
Wer heute dorthin fährt, den überkommt gähnende Langeweile. Die ungebundene, kreative Energie, die hier einst herrschte, beschränkt sich auf Nobelfriseure, Schokoladenmanufakturen und Exklusivschneidereien. Baumbestandene Penthouses grüßen von den Dächern Zum Rest des Beitrags »
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