Weissensee: Die DDR als gutes TV-Entertainment

Szenenbild aus der ARD-Familienserie "Weissensee" (Foto: ARD)

Dienstagabend sendete die ARD den zweiten von sechs Teilen der Seifenoper „Weissensee“. Und es schaut sich an wie ein Beitrag zur aktuellen Debatte. Dabei ist es nur gut gemachte Unterhaltung.

Martin ist Volkspolizist und liebt Julia. Julia schläft mit Robert, der ist Ami. Falk ist Martins Bruder und hat Julia verhaftet, er ist ein fieser, karriereversessener Stasi-Major. Hans holt Julia aus dem Knast, er ist der Vater von Martin und Falk und ein nachdenklicher, ehrlicher Stasi-General. Früher hatte Hans einmal ein Verhältnis mit Dunja. Dunja ist Sängerin, Opposition und die Mutter von Julia. Der Stasi-Sohn Martin und die Dissidenten-Tochter Julia lieben einander mit aller Kraft. Und Martins Bruder bekämpft diese Liebe mit aller Macht. Staatsmacht.

Als „Das Leben der Anderen“ im Jahre 2005 in die Kinos kam, da gab es, neben heftigen Lob, ebenso heftige Debatten um die Wahrhaftigkeit der Geschichte. Debatten vor allem um die Frage, ob es einen so skrupulösen Stasi-Mann wie die von Ulrich Mühe gespielte Figur überhaupt hätte geben können. Die Erregungen wie die Lobpreisungen übersahen, dass es dem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck nicht wirklich um die DDR gegangen war, nur um wirklich gutes Handwerk und wirklich guten Stoff, das machte seinen Erfolg. „Das Leben der Anderen“ erschloss das Thema DDR für gutklassiges Entertainment, das sich trotz seiner Unterhaltungsqualität in Rufweite der Wirklichkeit bewegt.

So ähnlich könnte es „Weissensee“ ergehen. Friedemann Fromm glänzt ebenfalls mit gutem Handwerk, das ist ohne Zweifel Qualitätsfernsehen. Eine seriöse Inszenierung mit einer konventionellen, gediegenen Bildkultur und erlesener Besetzung. Die Debatten über diesen Mehrteiler werden nicht so erbittert sein, schon deshalb nicht, weil es sechs mittlere Fernsehfilme sind und nicht dieser eine spektakuläre Kinofilm, der zudem begleitet wurde von der unappetitlichen Stasi-Geschichte, die der Star Ulrich Mühe über seine ehemalige Frau Jenny Gröllmann verbreitete. Es ist, als wäre das öffentlich-rechtliche Fernsehen, als wären Annette Hess und Friedemann Fromm hier um eine Art von Ausgleich bemüht, als wollten sie eher harmonisieren als polarisieren. Für eine Anstalt wie die ARD ist das wohl nicht nur eine Frage der Quote, die ist es natürlich auch, es ist auch eine Frage der gesellschaftspolitischen Balance.

Diese Filme sind bemüht, sozusagen gerecht und ausgewogen über Land und Leute zu erzählen, über das Land DDR und seine Bürger, die auf ihre je eigene Weise darin lebten. Gewiss, es gibt eine Art von Pathos gegen Ende hin, die Geschichte spielt neun Jahre vor dem Fall der Mauer, und es gibt Überspitzungen und Melodramatik, aber in der Gesamtschau ist das wohl, was man ausgewogen nennt: Es wird gezeigt, dass sich da leben und lieben ließ, aber auch, mit welchen Problemen das verbunden sein konnte. Natürlich, für eine solche Geschichte gibt es mehrere Millionen Experten, das ist nicht ironisch gemeint. Denn jeder, der in der DDR lebte ist in der Tat sein eigener Experte für sein eigenes Leben in diesem Land und die Urteile dieser Experten sind überwiegend emotional gefärbt. Wie die DDR gesehen wird, das hängt nicht nur, und wohl nicht einmal primär, davon ab, wie das einzelne Leben damals verlief: Es hängt, so scheint es, vor allem davon ab, wie es jetzt verläuft. Das Sein, heißt es, bestimmt das Bewusstsein, und das Bewusstsein wiederum bestimmt das Erinnern.

So werden Zuschauer Figuren finden, an denen sie sich reiben können, je nach ihrer eigenen Verfasstheit: Den differenziert denkenden Stasi-General (Uwe Kockisch), den nicht mögen wird, wer grundsätzlich nicht mag, dass nicht alle Stasileute Leuteschinder waren. Oder der brutale Stasi-Major (Jörg Hartmann), den nicht mögen wird, wer grundsätzlich nicht mag, dass Stasileute Leuteschinder waren. Oder die Sängerin (Katrin Sass), je nachdem, ob man die Haltung oppositioneller Künstler als Mut oder Verrat beschreiben will. Übrigens die künstlerisch schwierigste Figur, weil sie das meiste Pathos zu tragen hat, auch, weil dieses intellektuelle Milieu sich dieser Art von Film am ehesten entzieht. Aber Martin (Florian Lukas) und Julia (Hannah Herzsprung) können eigentlich alle lieben. Und die Familie mit ihrer Melodramatik ist der große Trick des Filmes, und auf diesem Sendeplatz, dem Dienstag, lief einst „Dallas“. Denn am Ende, das zu Ändernde geändert, läuft es hinaus auf Liebe und Intrige. Die Leistung der Autorin, des Regisseurs und ihres erstklassigen Ensembles liegt darin, dass das Muster beim Sehen sich nicht störend einmengt. Und es liegt ja auch eine tiefere strukturelle Wahrheit darin: Die innere, die ideplogische Grenze lief ja in der Tat auch durch die Familien. Martin wird von Julias Familie abgelehnt, Julia von Martins Leuten, und der Grund ist immer die politisch-moralische Unverträglichkeit.

Es hat zwanzig Jahre gebraucht bis zu dieser Arbeit und sie wird wohl diskutiert werden. Bis diese Diskussionen in der entspannten Kultiviertheit geführt werden, die „Weißensee“ auszeichnet, mögen wohl noch einmal zwanzig Jahre vergehen.

Text: Henryk Goldberg

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