Top of the Lake (Jane Campion) – TV-Serie

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Neuseelands böse Schönheit

Es ist ein Segen für alle, dass das Fernsehen und das Independent-Kino einander in den vergangenen paar Jahren entdeckt haben: Es findet da eine ganz grundsätzliche Befreiung der Kunst durch ein Mainstream-Medium statt, die man sich nie hätte träumen lassen. Und siehe da, plötzlich nimmt das Fernsehen wieder jene Rolle als Bildungsanstalt ein, die es in seinen Gründerzeiten vor über einem halben Jahrhundert innehatte. TV-Serien sind die neue kulturelle Matrix, die verschiedene Nationalitäten und Bildungsschichten mühelos miteinander vereint. Und die das ArthouseKino ins Wohnzimmer bringt.

Und weil sich das Fernsehen derzeit absolut antizyklisch zu Hollywood verhält und erstens erfolgreich die Narration der Aktion vorzieht und zweitens die Frauen fördert, gibt es einerseits besonders viele Serienheldinnen und 2013 auch mindestens zwei grosse Regisseurinnen, die sich dem Serienschaffen verschrieben haben. Die eine ist Agnieszka Holland, die mit „Burning Bush” für HBO die Prager Studentenunruhen von 1969 in ein süffiges, kraftvolles historisches Drama verpackt hat.

Bittere kleine Herzen

Die andere ist eine nur minimal leisere, die Neuseeländerin Jane Campion nämlich („An Angel at My Table”, „The Piano”, „In the Cut”). Ihr Sechsteiler „Top of the Lake” gehört zum neuen, ehrgeizigen und international vernetzten Serienkonzept der britischen BBC. Ihr erster grosser Coup war letztes Jahr das Erster-Weltkrieg-Drama „Parade’s End” nach Ford Madox Ford mit dem britischen Allroundgenie Benedict Cumberbatch, eine Zusammenarbeit mit HBO. „Top of the Lake” ist nun zusammen mit Robert Redfords Sundance Channel entstanden, eine Art amerikanischer Arte-Sender.

„Top of the Lake” ist ein Thriller mitten in einer alpinen Seen- und selbstverständlich auch Seelenlandschaft in Neuseeland. Kalt ist diese Welt und gespenstisch leer, klein und kleiner wird der Mensch darin, und das kleinste Menschlein, die zwölfjährige Tui, geht gleich zu Beginn in den See. Und wird gerettet. Und ist schwanger. Und verschwindet wieder. Logisch, dass hinter ihrem Handeln keine gute Geschichte stecken kann. Weshalb nun also eine Ermittlerin ermittelt, sie heisst Robin, gespielt wird sie von Elisabeth Moss, die einst in „West Wing” die Präsidenten-Tochter darstellte und die jetzt noch immer in „Mad Men” die Peggy, also die begabteste Mitarbeiterin oder wechselweise auch Konkurrentin von Werber-Beau Don Draper ist. Elisabeth Moss ist ein Gesicht, das in Serien gross geworden ist.

Robin hat selbst ein unstetes Privatleben und irgendeine dunkle Erschütterung in ihrer Vergangenheit. Sie stürzt sich in eine Welt voller gewalttätiger Männer – der schlimmste unter ihnen ist Tuis Vater, der brutale Drogen-Patriarch Matt (Peter Mullan). Und da sind die Aussteiger-Frauen, angeführt von der seltsamen GJ (Holly Hunter, die mit „The Piano” ihren Oscar gewann und die in „Top of the Lake” exakt so aussieht wie Jane Campion in echt), die auf einem Grundstück am See in einer Wagenburg hausen und dort auch gerne mal nackt herumlaufen. Das Leben ist hier ein Kampf, für jeden, Hass, Terror, Begierde und Korruption zerfleischen die Menschen, es nützt nichts, dass die imposante Landschaft so episch weit ist, sie drückt auf die Herzen und macht sie bitter und klein, es ist mal wieder die Provinz in ihrer ganzen, schrecklichen Gottverlassenheit.

Peter Mullan! Holly Hunter!

Jane Campion, die immer schon eine Bildgewaltige war, fängt ihr Neuseeland in einer niederschmetternden Pracht, in einer bösen Schönheit ein. Man kann ihr – sie hat auch das Drehbuch geschrieben – ein wenig ankreiden, dass die hochbegabte Elisabeth Moss vielleicht nicht die frischeste aller Rollen hat. Dass man den Topos der Ermittlerin als gebrochener Gestalt und einsamer Wölfin doch schon recht gut kennt: Im besseren Fall heisst sie Sarah Lund, im schlechteren Lena Odenthal. Entschädigt wird man aber durch Peter Mullan und Holly Hunter: Was für Figuren, was für Schauspieler, es hat eine höhere Magie, wenn die beiden im Fernsehen beziehungsweise auf der Leinwand zu sehen sind.

 

Simone Meier, Tages-Anzeiger

Bilder: © Arte TV

auf ARTE am 7. und 14.11.2013

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