Film Festival Cottbus (5)

Kluge Jury-Entscheide zum Abschluss eines klugen Festivals

Die Würfel sind gefallen – und die Juroren haben, das ist selten bei internationalen Filmfestivals, klug entschieden.

Beli, beli svet (Regie: Oleg Novkovic, Serbien, Deutschland, Schweden 2009)

Der Hauptpreis für „Beli, beli svet“ (Weiße, weiße Welt), schon einer meiner Favoriten im August in Locarno, fand breite Zustimmung beim Publikum. Die serbisch-deutsch-schwedische Gemeinschaftsproduktion von Regisseur Olek Novković erzählt mit schönem Pathos vom Leben in einer armseligen ehemaligen Bergarbeiterstadt. Eine Welt am Abgrund. Originell ist der Einsatz von Musik. Die Protagonisten offenbaren ihre Seelen mit inbrünstig gesungenen Liedern. Im Finale steht ein Chor von hunderten Arbeitslosen tatsächlich im Nirgendwo, am Rande einer still gelegten Grube. Sie haben keine Arbeit, keine Zukunft, aber sie bewahren sich ihre Würde.

Pál Adrienn (Regie: Ágnes Kocsis, Ungarn 2010)

Viele Filme des Festivals, knapp 150 liefen in den diversen Sektionen, begeisterten mit nachvollziehbaren, packenden Geschichten und facettenreichen Charakterstudien. Plattes Moralisieren bleibt dabei aus. „Pál Adrienn“ (Preis für die beste Regie an Ágnes Kocsis) aus Ungarn, die rührende Selbstfindungsgeschichte einer übergewichtigen Krankenschwester (für deren Verkörperung Eva Gabor den Preis als beste Darstellerin erhielt) oder das surrealistische Sozialpanorama „Püha Tõnu Kiusamine“ (Die Versuchung des Hl. Tony) aus Estland (Hauptdarsteller Taavi Eelmaa wurde zum besten Schauspieler gekürt) sind kraftvolle Beispiele dafür. Angenehm fällt dabei auf, dass diese Filme keine Angst vor Populärem, wie Action und Spannung, haben. Bei allem Ernst ist also auch Unterhaltung garantiert.

Einen beachtlichen Erfolg feierte auch das politisch engagierte Kino. Bestes Beispiel: „Wszystko co kocham“ (Alles was ich liebe) aus Polen. Regisseur Jacek Borcuch erzählt eine Liebesgeschichte aus dem Jahr 1981. Die Solidarnosc ruft zum Streik; die Staatsmacht installiert das Kriegsrecht. Jacek Borcuch, Jahrgang 1970, belegt in seinem Film, der als Polens Kandidat für den Auslands-„Oscar“ nominiert wurde, mit einer historischen Rückschau Wesentliches für die Gegenwart: den unschätzbaren Wert von Anstand und Würde. Die deutsch-polnische Schülerjury, die in dieser Sektion über den Preis für den besten Film entschied, hat „Wszystko co kocham“ völlig zu Recht ausgezeichnet.

Wszystko, co kocham (Regie: Jacek Borcuch, Polen 2010)

Fazit des 20. Festivals des osteuropäischen Films: ein starker Jahrgang. Bleibt nun die Hoffnung, dass die vielen Verleiher, die in den letzten fünf Tagen in Cottbus vorbei geschaut haben, auch zahlreiche Verträge abgeschlossen haben. Denn eine große Zahl der hier gezeigten Filme verdient es, auch im Westen gezeigt zu werden. Der starke Zuspruch des Publikums, bei einigen Filmen musste wegen des Andrangs Wiederholungsvorführungen angesetzt werden, beweist, dass diese Filme auch an den Kinokassen eine Chance haben!

Peter Claus

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