Bisheriger Favorit im Hauptwettbewerb, dem „Concorso Internazionale“, ist nach wie vor die serbisch-deutsch-schwedische Gemeinschaftsproduktion „Beli beli svet“ (White White World) von Autor-Regisseur Oleg Novkovic.

Beli beli svet (Regie: Oleg Novkovic, Serbien/Deutschland/Schweden 2010, © Festival del film Locarno 2010)

Locarno, 10. August 2010:

Die Bilanz zur Halbzeit des 63. Internationalen Festivals von Locarno fällt, was die Filme betrifft, überaus positiv aus. Bei fünf, sechs Streifen, die Journalisten hier täglich sehen, findet sich tatsächlich immer einer, über den die Jury am Ende diskutieren dürfte. An manchem Tag sind es sogar zwei. Das ist eine ungemein hohe Ausbeute. Es gibt eine Menge Filmfestivals, bei denen man schon froh ist, in zwei Tagen einen diskussionswürdigen Beitrag zu finden.

Ganz klar: Nicht jeder Film, der hier auf dem Festival läuft, wird in die Filmgeschichte eingehen. Aber es fällt angenehm auf, dass der neue künstlerische Leiter, Olivier Père, tatsächlich nur solche Filme ausgewählt hat, bei denen zumindest ein eigener Stil zu erkennen ist, die mit Originalität, sei es in den erzählten Geschichten, sei es mit dem Stil, auffallen.

Bisheriger Favorit im Hauptwettbewerb, dem „Concorso Internazionale“ ist nach wie vor die serbisch-deutsch-schwedische Gemeinschaftsproduktion „Beli beli svet“ (White White World) von Autor-Regisseur Oleg Novkovic. Zunächst einmal ist es der Mut zum Pathos, der diesen Bilderrausch so besonders macht. Dazu kommt, dass Novkovic in kluger Balance, persönliche Schicksale und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verknüpft. Dieses unaufdringliche Bekenntnis zu einem Kino, das, wenn schon die Gesellschaft nicht verändern, so doch das Publikum zum Nachdenken über die Gesellschaft anregen möchte, begeistert.

Novkovics Film belegt darüber hinaus wieder einmal, wie wichtig künstlerische Konsequenz ist. Wenn die fehlt, ist das Scheitern programmiert. Ausgerechnet ein Film aus der Schweiz hat das auf der Piazza Grande im Negativen bestätigt: „Hugo Koblet – Pédaleur de charme“ von Daniel von Aarburg. Der Regisseur und seine zwei Mitautoren konnten sich nämlich nicht entscheiden, ob sie nun einen Spielfilm oder eine Dokumentation über den in den 1950-er Jahren weltberühmten Zürcher Radrennsportler Hugo Koblet realisieren wollten.


Hugo Koblet – Pédaleur de charme (Regie: Daniel Von Aarburg, Schweiz 2010, © Festival del film Locarno 2010)


Spannende Themen, wie zum Beispiel Selbstüberschätzung eines Sportlers oder Doping schon vor mehr als einem halben Jahrhundert, werden in dem unausgegorenen Mix aus historischen Dokumentaraufnahmen, Interviewsequenzen und Spielszenen verschenkt. Das ist überaus bedauerlich. Denn in der Geschichte Koblets, der Mitte der 1960-er Jahre als noch nicht einmal 40-Jähriger gebrochen starb, vielleicht sogar Suizid beging, steckt jede Menge Zündstoff. Es hätte die Möglichkeit gegeben, sich profund mit dem Stellenwert des Sports im Banne der Profitsucht auseinanderzusetzen. Leider wurde sie im Wust der unentschiedenen formalen Splitter verspielt.

Da ist einem dann ein harmloser Spaß wie „Cold Weather“ aus den USA (Regie: Aaron Katz) lieber. Erzählt wird von jungen Leuten in Portland, die in die Schuhe von Sherlock Holmes schlüpfen. Merkwürdige Vorkommnisse um die Ex-Freundin der Hauptfigur Doug sind der Auslöser. Diese Rachel ist offenbar eine zweifelhafte Person, verwickelt in grässliche Verbrechen. Oder doch nicht? Ist sie eine harmlose Närrin? Ausgerüstet mit Pfeife und dem aus langjähriger Krimilektüre angeeignetem Wissen macht sich Doug mit seiner Schwester und einem Arbeitskumpel ans Ermitteln. Der Ausgang ist höchst ungewiss – und es gibt einiges zum Schmunzeln.


Cold Weather (Regie: Aaron Katz, USA 2010, © Festival del film Locarno 2010)


Aaron Katz zitiert hemmungslos aus berühmten Filmen, wie „Der Malteser Falke“, und bleibt dabei im leicht schmuddeligen Milieu junger Leute, die mit sich und ihrem Dasein nicht wirklich etwas anfangen können. Das ist sehr frisch, manchmal etwas polternd, im Endeffekt aber recht unterhaltsam. Interessanterweise zeigt der Regisseur sehr genau das soziale Umfeld seiner Protagonisten. Doug etwa schuftet nach einem abgebrochenen Studium in einer Fabrik für Eiswürfel. Da zeigt sich, dass die Beobachtung an sich, nun alles andere als spannende Fließbandarbeit, durchaus aufregend sein kann. Kleine Verweise auf die Empfindungen der Arbeit etwa weisen nämlich auf grundsätzliche Fragestellungen nach dem Sinn und dem Stellenwert von Arbeit traditioneller Prägung in der gegenwärtigen so genannten westlichen Welt. Man erfreut sich daran, dass ein so junger Filmemacher wie Katz offenkundig nicht den Mustern der weltfremden Traumfabrik folgt, sondern wirklichkeitsbewusst arbeitet. Auch wenn dieser Film, weil der Aufbau der Story stellenweise arg knirscht, kein wirklich großer Wurf ist, so ist er als Beispiel für das Engagement des Kino-Nachwuchses überaus bemerkenswert – und gehört deshalb unbedingt auf dieses den Nachwuchs fördern wollendes Festival.

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