Vincente Minnelli Retrospektive

Designing Woman

Ein Amerikaner im Paradies

Das Filmfestival Locarno zeigt in seiner diesjährigen Retrospektive alle Filme von Vincente Minnelli. Und feiert damit das gute alte glitzernde Hollywood.

Diese Ehe! Sie begann damit, dass die 23-jährige Judy Garland 1945 auf der Hochzeitsreise nach New York all ihre Beruhigungs- und Aufputschpillen, die ihr seit vielen Jahren von ihrer Mutter verordnet wurden, in den Atlantik schmiss und ausrief: «Jetzt bin ich glücklich!» Es folgte ebenda ein dramatisches Dinner, bei dem Vincente Minnelli seiner frisch Angetrauten einen Ex-Lover vorstellte, einen gewissen Lester Galba, der dafür berühmt war, glamouröse Schaufensterpuppen zu kreieren. Lester soll bei diesem Dinner heftig geweint haben. Judy Garland sagte später darüber: «Vincente war das Grösste, was er in seinem Leben je hatte.»

Zurück in Hollywood, betrog Judy ihren Mann mit Männern, darunter Yul Brynner und Orson Welles, und Vincente betrog seine Frau ebenfalls mit Männern. Doch irgendwie schafften es die beiden, ihre kleine Tochter, Liza Minnelli, so grosszuziehen, dass das Mädchen stets das Gefühl hatte, von beiden Eltern sehr geliebt zu werden. Judy Garland, die tablettensüchtige Tragödin, und Vincente Minnelli, der schüchterne, höfliche Regisseur, der als ausgesprochen unattraktiv galt und bei Dreharbeiten kaum den Mund aufbrachte. Der Mann, der Freuds Gesamtwerk gelesen hatte und sich sagte: Wünsche, Fantasien und Begehren sind dazu da, ausgelebt und erfüllt zu werden, so absurd und unrealistisch sie auch sein mögen. So rechtfertigt man ein Happy End. Und so spülte Vincente Minnelli, der selbst nur etwa ein Drittel von dem verdiente, was seine Frau während ihrer sechsjährigen Krisenehe erhielt, viel Geld in die Kasse der Metro-Goldwyn-Mayer-Studios (MGM), für die er bis zum Ende seiner Karriere arbeitete.

Judy Garland hatte sich so sehr um Vincente Minnelli bemüht, weil er der Erste war, der sie im heiteren Jahrhundertwende-Familien-Musical «Meet Me in St. Louis» (1944) nicht einfach als lustige Kindfrau, sondern als gleissende Schönheit inszeniert hatte. So, wie er auch 1950 in «Father of the Bride» die damals 18-jährige Elizabeth Taylor von einem Pferdemädchen in eine betörende Mädchenblüte verwandelte. Und so, wie er in «An American in Paris» (1951) eine kleine, pausbäckige Pariser Ballerina namens Leslie Caron zum europäischen Liebesobjekt schlechthin für einen amerikanischen Bohemien (Gene Kelly) zurecht stylte.

Bunt, prächtig, hochromantisch

Der 1903 in Chicago geborene Minnelli, dessen Grossvater, ein sizilianischer Revolutionär, 1848 als blinder Passagier auf einem Dampfer nach Amerika geflüchtet war, hatte seine Jugend bereits im Showbusiness verbracht. Seine Familie betrieb in Chicago das Minnelli Brother’s Tent Theater. Doch im Gegensatz zu Judy Garland, die schon als Kind in der familiären Showtruppe gesungen und getanzt hatte, war Lester Anthony Minnelli, wie er getauft wurde, viel zu schüchtern, um selbst aufzutreten. Er lernte Schaufensterdekorateur, dann Kostümbildner, schliesslich arbeitete er sich in New York zum Bühnen- und Broadway-Regisseur hoch. Anfang der 40er-Jahre wurde er von MGM nach Hollywood gerufen, wo er als Erstes «Cabin in the Sky» (1943) drehte, einen Musicalfilm, den er nur mit Schwarzen besetzte. Und schon da verfuhr er mit seiner Hauptdarstellerin Lena Horne so wie später mit all seinen weissen Mädchen: Schöner hatte sich Lena Horne nie gefühlt als in den Visionen des Vincente Minnelli.

Sie waren bunt, sie waren prächtig, und sie waren hochromantisch, angereichert mit einem aparten Zug ins Surreale. Schon in «Father of the Bride», einem der wenigen Schwarz-Weiss-Filme Minnellis, gibt es den verzweifelten Albtraum von Spencer Tracy, in dem er während der Hochzeit seiner Tochter vom schwankenden Kirchenboden verschlungen wird. Und die lange Tanzsequenz zum Finale von «An American in Paris», wo Leslie Caron dem schönen Gene Kelly immer wieder entgleitet, wirkt durch die grell leuchtenden Farben und dämonischen Gestalten wie ein rasender Fiebertraum.

In «Brigadoon» (1954) ist gleich die ganze Geschichte eine höchst unwahrscheinliche Träumerei: Es geht da nämlich um einen smarten New Yorker (Gene Kelly), der sich auf der Jagd in Schottland in ein Dorf verirrt, das um 1550 in einen Dornröschenschlaf fiel, aus dem es alle hundert Jahre einmal erwacht. Er findet dort die grosse Liebe (Cyd Charisse), mit der er hinreissend über Moor und Heide tanzt. Zurück in New York, ist die Sehnsucht derart gross, dass er seinem Herzen folgt und noch einmal in die schottischen Märchennebel eintaucht, um für immer dort zu bleiben. «If you love someone deeply enough anything is possible, even miracles», ist das Fazit dieser Kitschoper im schönsten Technicolor, die den Eskapismus, die Zivilisationsflucht und Europa als Hort der romantischen Mädchen und Märchen feiert.

Vincente Minnellis Liebe zu Europa war rein und schwärmerisch, er vergötterte Frankreich und seine Bohemien-Mythen. 1958 verfilmte er den Roman «Gigi» von Colette über ein junges Pariser Mädchen, das zur Kurtisane ausgebildet werden soll, aber zum Glück als reiche Gattin endet. Es ist dies trotz der reizenden Leslie Caron in seiner gerüschten und spitzenbesetzten Sanges- und Promenierfreudigkeit ein schier unerträglicher Schmalz, heimste aber neun Oscars ein, drei mehr als der modernere und optisch so viel raffiniertere «An American in Paris». Doch neben der Leichtigkeit und dem schönen Unsinn des Daseins in schön designten Kulissen – wunderbar aufs Korn genommen in der Ehekomödie «Designing Woman» (1957) mit Lauren Bacall – versuchte sich Vincente Minnelli auch als Schöpfer auswegloser, leidenschaftlicher Dramen im Stil von Douglas Sirk. Es fehlt diesen Filmen allerdings die virtuose Beweglichkeit von Minnellis musikalischen Komödien und die trashige Eleganz von Douglas Sirk.

Vincentes Liebe für Vincent

Trotzdem bezeichnete Minnelli ausgerechnet «Lust for Life» (1956) als seinen Lieblingsfilm, eine dem drastischen Realismus verschriebene Verfilmung des Lebens von Vincent van Gogh mit Kirk Douglas in der Hauptrolle. Vincentes Vincent ist rabenschwarz, die Farbe ist ganz in Van Goghs Bilder zurückgewichen. Auch «Some Came Running» (1958) zählt zu Minnellis düsteren Werken: Ganz ohne zu singen, kehrt da Frank Sinatra aus dem Krieg zurück und findet sich in der bürgerlichen Wohlanständigkeit seiner alten Umgebung nicht mehr zurecht. Eine Frau wird geliebt, eine andere wird geopfert, es fliesst viel Blut, am Ende steht eine rundum gescheiterte Existenz.

Je älter Minnelli, der grosse Unterhaltungsregisseur von Hollywood, der seine traurigen Augen seiner Tochter vererbt hatte, wurde, desto mehr verehrte er unterhaltungsferne Regisseure wie Godard und liebte nichts mehr, als in den französischen «Cahiers du Cinéma» erwähnt zu werden. Als er 1986 starb, war er zum vierten Mal verheiratet und hinterliess neben Liza noch eine zweite Tochter. Seine dramatische erste Ehe bleibt in Hollywood bis heute als Unikum stehen: In keinem andern Clan haben Vater, Mutter und Kind je einen Oscar gewonnen.

© Simone Meier in Tagesanzeiger.ch/Newsnetz, 31.07.2011

 

mehr Information: 

(Text und Bild: Festival del film Locarno
© 2011. All rights reserved.)

Biographie

Vincente Minnelli

Lester Anthony Minnelli wurde am 28. Februar 1903 in Chicago geboren. Sein Vater und sein Onkel leiteten eine Wanderbühne, auf der Vincente Minnelli schon im Alter von drei Jahren auftrat. Minnelli – ein talentierter Zeichner – ging später nach New York, wurde 1933 Leiter der Radio City Music Hall und begann, Varitétévorführungen zu inszenieren. Als 1940 Arthur Freed ihn nach Hollywood einlud, hatte er bereits seine künstlerische Reife erreicht. Fast seine ganze Karriere lang blieb Minnelli bei MGM und trug mit seinen Musicals und Melodramen zu dessen Erfolg bei. Er war dreimal verheiratet, das erste Mal mit Judy Garland (die in vier seiner Filme auftrat), und ist Vater von Liza (die in seinem letzten Film, A Matter of Time, eine Rolle innehatte). Vincente Minnelli starb am 25. Juli 1986 in Beverly Hills.

 

 

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