Junge Filmemacher überzeugen in Saarbrücken mit Mut zu Ungewöhnlichem

Die Zeiten, da es rechtens war, TV-Redakteure für missliche Arbeit mit jungen Autoren und Regisseuren zu schelten, sind vorbei. Wie schon im Vorjahr zeigt sich auch 2011 in Saarbrücken: Die Schützenhilfe vom Fernsehen bringt nicht allein finanziell Nutzen, sondern auch künstlerisch. Sicher: Es ist auch Mittelmäßiges im Programm des Filmfestivals Max Ophüls Preis zu sehen. Doch das Gute überwiegt, und das ist in der Regel vor allem von Fernsehsendern produziert worden – mit erstaunlichem Sinn für Erzählungen fernab eingeschworener Muster.

Das Schweizer Fernsehen hat zum Beispiel dem Wettbewerbsbeitrag „Der Sandmann“ auf die Beine geholfen. Autor und Regisseur Peter Luisi erzählt die herrlich verrückte Geschichte eines Mannes, der plötzlich beginnt, zu rieseln.Er löst sich in Sand auf. Die Horroreffekte sind durchweg durch leise Komik abgefedert. Das Tragische eines Lebens, das nur aus Lügen besteht, das auf Sand gebaut ist, wird in der cleveren Komödie pointiert deutlich. Die formale Umsetzung ist bestechend. Jede Szene sitzt. Es gibt keine überflüssigen Dialoge, keine Musiksauce. Man lacht nie über die Figuren, man schmunzelt mit ihnen – und bangt mit ihnen darum, dass es ein Happy End gibt. Das gibt es sogar, aber es hat nichts Billiges, nichts Konstruiertes. „Der Sandmann“ hat in Deutschland noch keinen Kino-Verleih. Es ist zu hoffen, dass der große Publikumserfolg in Saarbrücken – und am Ende vielleicht gar ein Jury-Preis – einen Verleiher reizt. Sicher kann damit kein Millionenpublikum gewonnen werden. Aber liebevoll betreut, hat der Film gute Chancen, in den Arthouse-Kinos viele Zuschauer zu gewinnen.

Das gilt auch für „Fliegende Fische müssen ins Meer“ von Autorin und Regisseurin Güzin Kar, noch eine Produktion aus der Schweiz, diesmal ohne das Fernsehen, sondern von Alt-Produzentin Ruth Waldburger gestemmt.

Auch hier begeistert der Mut zu Skurrilem, wobei es dramaturgisch ab und an holpert, doch das macht die Frische des Films wett. Und da ist – wie in vielen Filmen in Saarbrücken – tolles Schauspiel zu genießen. Hier hat die Berlinerin Meret Becker eine Glanzrolle: Sie brilliert als Mutter, der die Männer und der Alkohol oft einen Strich durch diverse Vorhaben machen. Doch in Gefahr, das Sorgerecht für die Kinder zu verlieren, will sie sich zusammen reißen. Was natürlich leicht vorgenommen, doch schwer umzusetzen ist.

Auch dies: Stoff fürs breite Publikum, umgesetzt, ohne sich an vermeintlichen Massengeschmack anzubiedern. Herrlich. Meret Beckers knackige Darstellung und die Lust am Plädoyer fürs Anderssein geben auch diesem Film eine Wirksamkeit, die in Filmkunsttheatern für Besucherzulauf sorgen sollte. Also auch in diesem Fall: hoffen, dass das Festival über sich hinaus wirken kann und die Filme hier Verleiher finden. Das Publikum hat’s verdient.

Text: Peter Claus

Bilder:

Der Sandmann (Schweiz 2011)

Regie: Peter Luisi


Fliegende Fische müssen ins Meer (Schweiz/Deutschland 2011)

Regie: Güzin Kar

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