Party-Time

Zum Wochenende ist’s richtig voll geworden auf dem Lido di Venezia. Nicht nur die Mückenschwärme tollen herum, auch die Festival-Touristen sind in Scharen angereist. Klar, dass es – nicht erst abends, sondern schon ab nachmittags – jede Menge Parties gibt. Klar auch: Die großen Stars sind dort kaum anzutreffen. Man bleibt gern unter sich. Was der guten Laune keinen Abbruch tut. Je nach Wichtigkeit im Filmgeschäft hagelt es mehr oder weniger Einladungen. Die hippeste Freitagabend-Party wurde vom Modeimperium Gucci veranstaltet. Das Geld und der Glamourfaktor bestimmten die Gästeliste. Kleiner, vermutlich aber auch entspannter: die Beach-Party anlässlich der Premiere von Michael Glawoggers filmischem Essay „Whore’s Glory“ im Wettbewerb der Sektion Orizzonti. Immerhin tauchte Entertainer und Schauspieler Ulrich Tukur auf, der in Venedig einen seiner Wohnsitze hat. Tukur, nicht nur auf der Bühne der nette Junge von nebenan, gab sich nicht als Promi, sondern kam als Freund und Bewunderer.

Glawoggers von Produzenten aus Österreich und Deutschland finanzierter Film hat Bewunderung verdient und könnte durchaus Chancen auf einen Preis in diesem Wettbewerb haben. Er schaut in die Welt der professionellen Prostitution. Der Blick des Voyeurs bleibt dabei aus. Behutsam werden die sozialen Umstände beleuchtet. Das „älteste Gewerbe der Welt“ wird als reine Profit-Maschinerie sichtbar – über Momentaufnahmen von persönlichem Empfinden. Thailand, Bangladesh, Mexico – verschiedene Lebenswelten, Religionen, Kulturen. Doch die Ausbeutung der Lust folgt überall den gleichen Mustern. Weil Glawogger in Ruhe und ohne Sensationsgier genau hinschaut, werden jedoch unterschiedliche Erfahrungen reflektiert, emotionale Zustände und soziale Gegebenheiten. Ein Film, der einen aufwühlt, gerade weil er scheinbar für selbstverständlich nimmt, was nicht selbstverständlich ist – nämlich die totale Ausbeutung von Menschen, in diesem Fall Frauen, als Wegwerfware.

Glawoggers brutal deutlicher Blick auf die Wirklichkeit wirkte geradezu wohltuend im Vergleich zu dem mit größter Spannung erwarteten Spielfilm „A Dangerous Method“ von Regisseur David Cronenberg, eine internationale Gemeinschaftsproduktion, die im Festivalkatalog als deutscher Beitrag verkauft wird. Der im Wettbewerb um den Goldenen Löwen laufende Spielfilm basiert auf dem gleichnamigen Roman von John Kerr, das Drehbuchautor Christopher Hampton schon zu dem Theaterstück „A Talking Cure“ angeregt hatte. Beides wiederum wurde von tatsächlichen Ereignissen inspiriert – der komplizierten Beziehung dreier Größen der modernen Psychiatrie: Sabina Spielrein, Sigmund Freud und Carl Jung. Sex und Seelenkunde – das könnte spannend sein. Ist es auch in einzelnen Szenen, immer dann nämlich, wenn die persönlichen Hintergründe für die Entwicklung bestimmter Heilmethoden und -theorien angedeutet werden. Doch überwiegt schulmeisterliches Gelehrsamkeitsgetue. Dazu kommt, dass Keira Knightley in der Darstellung der anfangs psychisch kranken Sabina Spielrein derart überzieht, dass es fast schon albern wirkt. David Cronenberg, bekannt für innovative Erzählungen in Filmen wie „Naked Lunch“, „Crash“ und „A History of Violence“, so sieht es jedenfalls aus, hat vermutlich lustlos eine Auftragsarbeit herunter gekurbelt. Das ist dann für Insider durchaus spannend. Zumal Michael Fassbender als Carl Jung eine exzellent-dezente Charakterzeichnung gelingt. Obwohl der Film kaum in die Geschichte des Kinos eingehen dürfte, hat er damit eine Chance auf eine Auszeichnung als bester Schauspieler. – Und mit dieser Spekulation hat die Festival-Gemeinde das beliebte Ratespiel „Wer kriegt am Ende welche Auszeichnung“ schon zwei Tage nach der Eröffnung gestartet. Man braucht schließlich Gesprächsstoff auf den Parties…

 

Peter Claus aus Venedig, 2. September 2011

Bild:  Whore’s Glory (la Biennale di Venezia © 2011)