Spekulatius

Ausgerechnet der letzte im Kampf um den Goldenen Löwen angetretene Beitrag im Hauptwettbewerb enttäuschte: „Texas Killing Fields“ (USA) von Regisseurin Ami Canaan Mann. Das ist ein schlecht erzählter Krimi um Serienmorde und andere Unappetitlichkeiten von mäßiger Spannung. Vorteil für alle, die voraussagen wollen, welche Filme hier am Ende welche Preise bekommen: dieser Film muss nicht bedacht werden. Wobei? Man weiß ja nie?!

Wer spekuliert, überlegt, ob die Jury unter Vorsitz von Regisseur Darren Aronofsky („The Wrestler“) eher politisch denkt oder in ästhetischen Kategorien, auf Publikumswirksamkeit setzt oder Arthouse-Qualitäten oder oder oder… Wahrscheinlich ist, dass auch diese Juroren ein wenig nach dem Gießkannenprinzip urteilen werden: ein Preis hier, eine Auszeichnung da. Danach gehend, ist Folgendes denkbar: Johnnie To (Hong Kong) bekommt den Preis für das beste Drehbuch für „Duo mingjin (Life without Principle)“; der Spezialpreis der Jury geht an den „Ren Shan ren Hai“ („People Mountain People Sea“) aus China (Regie: Cai Shangjun); bester Schauspieler wird Gabriele Spinelli für seine Darstellung eines nahezu lebensuntüchtigen Kellners in „L’ultimo terrestre“ (Italien) und beste Schauspielerin Deanie Ip für ihre Interpretation der Rolle einer alten Dienerin, die dem Sterben entgegen geht, in „Tao jie“ („A Simple Life“/ Hong Kong); die Ehrung als bester Regisseur gönnen wir dann Steve McQueen für sein Sex-Drama „Shame“ (Großbritannien); der Preis für die beste technische Leistung erhält „Poulet aux Prunes“ (Frankreich/ Belgien/ Deutschland), vom Regie-Duo Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud, für die schöne Verbindung von Realschauspiel und Animation; und der Goldene Löwe für den besten Film geht an „Himizu“ (Japan)von Sono Sion für die beunruhigende Bestandsaufnahme des Zustands der kapitalistischen Welt.

Variationsmöglichkeiten: Goldener Löwe an „Faust“ von Alexander Sokurow (Russland), weil die Jury vielleicht nicht so sehr mit dem europäischen Theater vertraut ist und Kunstgewerbe mit Kunst verwechselt. Goldener Löwe für „Alpis“ (Griechenland) von Yorgos Lanthimos, weil die Jury auf Spannung und Skurrilität als Vehikel für Gesellschaftskritik steht. Eran Kolirin (Israel) könnte als bester Regisseur für „Hahithalfut“ („The Exchange“) aus der Konkurrenz hervorgehen, weil er eine der nachhaltigsten Sozialstudien inszeniert hat. Auch bei den Schauspielern gibt es eine Auswahl: Der Deutsch-Ire Michael Fassbender, der gleich zwei Mal (in „Shame“ und in „A Dangerous Method“) Herausragendes bietet, könnte zu Recht bester Schauspieler werden und die Portugiesin Maria De Medeiros („Poulet aux Prunes“) beste Schauspielerin – oder es wird das Hauptdarsteller-Quartett aus Polanskis „Carnage“ („Der Gott des Gemetzels“), eine Gemeinschaftsproduktion Frankreich/ Deutschland/ Polen/ Spanien im Ensemble geehrt. Oder – aber genug… Es sind noch ganz andere Konstellationen denkbar. Das Entscheidende: Viele der hier erfolgreich aufgeführten Filme kommen relativ bald in die regulären Kino-Spielpläne. Filmfans, die an Anspruchsvollem interessiert sind, können sich also vielfach auf gehaltvolle Kino-Abende freuen.

Peter Claus aus Venedig, 9. September 2011

Bild: Faust, Aleksander Sokurov (la Biennale di Venezia © 2011)

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