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Finale

Die Jury des 70. Internationalen Filmfestivals Venedig, zu der auch die deutsche Schauspielerin Martina Gedeck gehörte, leitete der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci. Er muss sich mit der Auszeichnung von „Sacro GRA“ des Regisseurs Gianfranco Rosi als „Bester Film des Festivals“ den Verdacht gefallen lassen, er habe partout einen Film aus seinem Heimatland küren wollen.

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Regisseur Gianfranco Rosi: Goldener Löwe für Dokumentarfilm „Sacro GRA“

Tatsächlich ist die Ehrung unverständlich. Die visuell nicht über TV-Reportagen hinausreichende Dokumentation, die erste, die in Venedig ausgezeichnet wurde, zeigt Szenen aus dem Alltag auf und neben der Autostrada del Grande Raccordo Anulare (GRA) aneinander. Das ist die Autobahn, die Rom umkreist und in Italien nicht mit dem offiziellen Namen „A 90“, sondern nur als „GRA“ bekannt ist. Zu sehen sind Menschen aus verschiedenen Schichten, in meist recht kurzen Momentaufnahmen: ein Krankenpfleger im Notfallwagen, ein Aalfischer und seine Frau, Prostituierte, Go-Go-Girls, ein Geschäftsmann und andere. Es gibt keine Interviews, kaum Statements, es werden keine Geschichten entwickelt. Rosi zeigt allein Augenfälliges und verknüpft es zu einem Reigen der Tristesse. Das ist pittoresk, gelegentlich auch berührend. Großes Kino ist das nicht. Denn es wird nichts erhellt, was man nicht schon so oder doch so ähnlich gesehen hätte.

Die Auszeichnung des deutschen Wettbewerbsbeitrags „Die Frau des Polizisten“ von Philip Gröning mit dem Spezialpreis der Jury hingegen ist nachvollziehbar. Der Autor und Regisseur behandelt das Thema „Gewalt in der Familie“, und das wirklich sehr speziell: In 59 sogenannten Kapiteln, oft Miniaturen, zeigt er das Leben eines jungen Ehepaares und ihrer kleiner Tochter. Jedes Bild ist streng komponiert und stilisiert. Die Misshandlungen der Frau werden kaum gezeigt. Gezeigt werden die Folgen der Pein auf ihrem Körper und die daraus resultierende Deformation ihrer Persönlichkeit. Gröning fixiert auf das Grauen einer angeblich übermächtigen Liebe und zeigt, wie zerbrechlich Menschen sind. Ein Alptraum, wie er hinter vielen Fassaden wütet. Der Wille, auf das Furchtbare aufmerksam zu machen, und damit vielleicht sogar Geschundenen Mut zum Ausbruch aus ihren Lebensmustern zu geben, ist deutlich. Es verwundert nicht, dass Philip Gröning sich in Venedig mit dem Satz „Ich widme den Preis den Opfern“ bedankt hat.

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Die Frau des Polizisten

Auch das griechische Drama „Miss Violence“, für das der in Berlin an der Hochschule der Künste ausgebildete Regisseur Alexandros Avranas den Silbernen Löwen für die beste Regie erhielt, behandelt das Thema „Gewalt in der Familie“. Neben dem Regisseur wurde Hauptdarsteller Themis Panou als „Bester Darsteller des Festivals“ gewürdigt. Er spielt einen Mann, der mit Frauen mehrerer Generationen lebt, Großmutter, Mutter, mehreren Töchtern und einem Sohn. Die Handlung beginnt mit dem Selbstmord eines der Kinder, einer Elfjährigen. Nach und nach stellt sich heraus, dass der Mann die Mädchen ab ihrem zwölften Lebensjahr zur Prostitution zwingt, sie zudem selbst missbraucht. Drum ist auch nicht klar, ob er in einem Fall nicht sogar der Vater seiner Enkelin ist. Auch Alexandros Avranas erzählt sehr streng und kühl, fern von Sentimentalität. Anders als Gröning aber entwickelt er eine überschaubare Geschichte, die schließlich in einen Akt entsetzlicher Rache der Frauen mündet. Und er zeigt die Gewalt in starkem Maß. Eine kaum auszuhaltende Vergewaltigungsszene vertrieb in Venedig zahlreiche Zuschauer aus dem Kino. Die Auszeichnung des Regisseurs ist nachvollziehbar, weil der Film mit starkem Formwillen beeindruckt, die des Hauptdarstellers ist es nicht. Denn Themis Panou hat wenig zu spielen. Er zeigt ein leeres Gesicht und körperliche Übermacht bar jeder Emotion. Wandlungen enthüllt er nicht, spiegelt auch nie das Innere des von ihm verkörperten Monsters. Enthüllungen von Seelenzuständen werden auch der Italienerin Elena Cotta nicht abverlangt, die als „Beste Schauspielerin“ geehrt wurde. Die 82jährige, die in Italien vor allem als Theaterstar bekannt ist, stellt in der von Emma Dante klug geschriebenen und pointiert inszenierten Polit-Farce „Via Castellana Bandiera“ eine störrische Greisin dar, die mit ihrem Verhalten die Absurdität des klassischen Machismo entlarvt. Schau-Spiel ist von ihr kaum zu sehen. Fast den ganzen Film sitzt Elena Cotta mit grimmig verschlossener Miene hinter dem Steuer eines parkenden Autos. Grimmig guckten auch viele Festivalbesucher als diese Ehrung bekannt gegeben wurde.

Elena Cotta (screenshot cineblog.it)

Bernardo Bertolucci und seine acht Mitjuroren, darunter die deutsche Schauspielerin Martina Gedeck, wollten wohl unbedingt Filme fern des Gängigen auszeichnen. Da ist es konsequent, dass der Große Preis der Jury an „Jiaoyou (Stray Dogs)“ aus Taiwan ging. Tsai Ming-liang, der 1994 in Venedig mit „Vive l’Amour – Es lebe die Liebe“ den Goldenen Löwen gewonnen hatte, spiegelt in oft endlos lang anmutenden, nahezu unbewegten Bildern, fast ohne gesprochene Worte, den Kampf eines Vaters, der sich und seine Kinder im Müll einer Konsumgesellschaft mühsam über Wasser hält. Ein Film, der jedem anspruchsvollen Arthouse-Programm alle Ehre macht. Da Venedig das Autorenkino seit Jahrzehnten unterstützt, ist diese Auszeichnung verständlich und richtig. Denn der Preis kann dem Film helfen, außerhalb Asiens Verleiher zu finden.

Große Enttäuschung: „Philomena“, die auf Tatsachen beruhende, in Venedig weithin heiß geliebte Tragikomödie von Regisseur Stephen Frears, ging fast leer aus. Judi Dench spielt mit großer Hingabe eine alte Dame, die nach 50 Jahren versucht, den einst von Nonnen in die USA verkauften Sohn wiederzufinden. Der kluge, herzerwärmende englische Spielfilm bezauberte das ganze Festival. Die Jury gab dem Kino-Juwel den Drehbuch-Preis für Steve Coogan und Jeff Pope. Eine Ohrfeige. Denn das zweifellos exzellente Drehbuch hätte ohne Frears’ Inszenierung und ohne Judi Dench niemals zu einem derart wunderbaren mitreißenden Film werden können. Dafür keinen der wichtigen Preise zu geben, ist einfach falsch.

Kein Happy End also für das Jubiläumsfestival. Einige der Journalisten aus aller Welt, die der Abschlussgala im Pressezentrum des Filmfestivals per Videogroßbildübertragung folgten, quittierten die Bekanntgabe des diesjährigen Gewinners des Goldenen Löwen sogar mit Buh-Rufen. Auch, weil wohl kaum einer der Preisträger um die Welt gehen wird. „Philomena“ hingegen ist der globale Erfolg sicher. An sie werden sich noch Kinobesucher erinnern, wenn viele der am Samstagabend in Venedig Ausgezeichneten längst vergessen sind.

 

Tag 10

Zum guten Schluss noch ein Juwel: „Che strano chiamarsi Federico! Scola racconta Fellini“ („Wie seltsam, Federico zu heißen! Scola erzählt Fellini“) Zum anstehenden 20. Todestag von Federico Fellini beschwört sein Kollege und Freund Ettore Scola aufs Wunderbarste den Kosmos des großen Kino-Magiers. Eine mitreißende Montage von Spielszenen, Dokumentarmaterial und Ausschnitten aus alten Filmen holt Fellinis wohl bis heute einmalig zu nennende Kunst des Erzählens für das Kino in die Gegenwart. Schöner könnte das Festival kaum ausklingen!

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Die Pressevorführung für etwa 1500 Journalisten am Freitagmittag endete auf schönste Fellini-Art: Der Beifall war ungewöhnlich lang und kräftig – und dann stolperten Hunderte Frauen und Männer durchs Halbdunkel, jeder eine Sonnenbrille auf der Nase, wollten doch alle ihre von Tränen feuchten Augen verbergen. Tatsächlich rührt dieser Film Leute, die Fellinis Filme noch zur Zeit ihrer Entstehung gesehen haben, ungemein. Scola holt nämlich nicht allein Fellini ins Heute, sondern auch die Erinnerungen der Zuschauer an ihre Jugend. Da darf sich wohl Rührung einstellen.

Der letzte Wettbewerbsbeitrag kam aus Algerien: „Es-Stouh“ („Die Dachterrassen“) von Regisseur Merzak Allouache. Die algerisch-französische Ko-Produktion beginnt sehr spannend: Momentaufnahmen von verschiedenen Dachterrassen spiegeln – in praller Sonne – die Schattenseiten des Lebens in Algier. Da stehen zunächst die Sorgen von Filmemachern neben denen einer Familie mit einem geisteskranken Onkel, agieren hier Verbrecher, dort falsche Heilige. Leider verliert sich der Film, je länger er dauert, vor allem in oberflächlichen Krimi-Mustern und büßt damit gehörig an Glaubwürdigkeit ein.

Sich überraschen lassen, das war das erklärte Ziel von Jury-Präsident Bernardo Bertolucci. Das Festival hat ihm mit den zwanzig Filmen in der internationalen Konkurrenz um den Goldenen Löwen und die anderen Preise reichlich Futter geboten. Jetzt ist es an ihm und seinen Mitstreitern, die Filmwelt zu überraschen.

 

Tag 9

Wird Judi Dench, Hauptdarstellerin in Stephen Frears’ „Philomena“, den Goldenen Löwen von Venedig 2013 bekommen? Alle hoffen. Doch selbst in diesem Fall kann es Überraschungen geben. Jurys lieben ja Überraschungen.

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Judi Dench und Steve Coogan in „Philomena“ von Stephen Frears; © Courtesy Filmfestival Venice

Beinahe jeder der bisher gezeigten Wettbewerbsfilme verdient aus diesem oder jenem Grund einen Preis. Die Auswahljury des Jubiläumsfestivals hat mit guter Arbeit überrascht. Überrascht hat auch das Kino Italiens bei dieser 70. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica. Neben der zum Festivalauftakt gezeigten sozialkritischen Farce „Via Castellana Bandiera“ von Emma Dante und Gianfranco Rosis bildgewaltiger Dokumentation „Sacro GRA“ über den Alltag auf und an der Ringstraße um Rom gefiel im Wettbewerb der neue Spielfilm von Gianni Amelio. Der Autor und Regisseur schildert in „L’intrepido“ („Der Unerschrockene“)mit grimmigem Humor das Leben eines Mannes Ende 40, der sich mit unzähligen Jobs über Wasser hält, der selbst nur mit Mühe seine Würde wahren kann und dabei noch unermüdlich versucht, andere, die gefallen sind, aufzurichten. In der Hauptrolle glänzt der in seiner Heimat Italien vor allem als Komiker bekannte Schauspieler Antonio Albanese mit einer intellektuell und emotional fesselnden Charakterstudie. Gut möglich, dass er als Bester Darsteller ausgezeichnet wird. Vorstellbar ist aber ebenso, dass Amelio für Drehbuch und Inszenierung, die den Episodenreigen zu einem großen Gesellschaftspanorama weiten, von der (von seinem Landsmann Bernardo Bertolucci angeführten) Jury mit einem Preis bedacht wird.

Eine Auszeichnung wurde am Donnerstag an den legendären polnischen Autor und Regisseur Andrzej Wajda („Der Kanal“, „Asche und Diamant“) vergeben. Der 87-Jährige erhielt einen Sonderpreis für seinen Beitrag zur Weltfilmkunst. Anlässlich der Würdigung zeigte er seinen jüngsten Spielfilm „Wałęsa. Człowiek z nadziei“ („Wałęsa. Der Hoffnungsträger“). Spielsequenzen und Archivaufnahmen aus Wochenschauen und aus dem Fernsehen geschickt miteinander montierend, verfolgt der Film die Zeit vom ersten politischen Engagement des Arbeiters Lech Wałęsa (Robert Więckiewicz) Ende der 1960er Jahre in Danzig bis zu seiner Rede 1989 in Washington vor dem US-Kongress als Friedensnobelpreisträger. Wajda offeriert klassisches Erzählkino, das mit Faktenreichtum, emotionaler Überzeugungskraft und mit einer wohltuend kritischen Sicht auf Lech Wałęsa fesselt. Das Biopic mutet im Vergleich mit der Mehrzahl der in diesem Jahr auf dem Lido di Venezia gezeigten Filmen angenehm altmodisch an. Es fasziniert, weil keine platte Geschichtslektion erteilt wird. Beleuchtet wird die Entwicklung eines Menschen, der zu einem Idol für Millionen wird und tatsächlich die Weltgeschichte beeinflusst, sich dabei aber auch in den Fallstricken von Ruhm und Macht und Eitelkeit verheddert. Ganz nebenbei wird über Licht- und Schattenseiten christlichen Glaubens nachgedacht, darüber, inwieweit der Glaube an einen Gott Menschen befähigen oder daran hindern kann, die Entwicklung der Welt positiv zu beeinflussen. Weil außerhalb des Wettbewerbs gezeigt, darf „Wałęsa. Człowiek z nadziei“ von der Jury nicht bedacht werden. Wäre dieser Film im Wettbewerb, würden jetzt wohl viele darauf wetten, dass der Goldene Löwe 2013 nach Polen geht. Wajdas „Wałęsa. Człowiek z nadziei“ hat Auszeichnungen und Aufmerksamkeit verdient – und bekommt sie in Deutschland hoffentlich bald im Kinoalltag!

 

Tag 8

Venedig hält sich an die Erwartungen: toller Auftakt, dann flaut der Wettbewerb qualitativ etwas ab, jetzt gegen Ende zieht es wieder an.

Gute Überraschung: der zweite italienische Spielfilm auf Löwenjagd – Gianni Amilios „L’intrepido“. Nach der Pressevorführung gab es ein Konzert von Buh- und Bravo-Rufern. Keine Ahnung, warum da jemand Anlass zum Protest empfindet.

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L’intrepido von Gianni Amelio
© Courtesy Filmfestival Venice

Amelio erzählt sehr klar und schnörkellos von einem Mann mittleren Alters, der sich als Gelegenheitsarbeiter durchschlägt. Die Frau hat ihn einst für einen anderen verlassen. Der erwachsene Sohn lebt allein für seine Musik. Dem Protagonisten geht es immer irgendwie gut, er kommt durch, doch von Glück kann nicht die Rede sein. Amelio, der in anderen Filmen schon mal gern auf die Tränendrüse drückt, bleibt hier angenehm nüchtern im Erzählen. Sein vielschichtig spielender Hauptdarsteller Antonio Albanese, in Italien viel gefeiert als Komiker, porträtiert den Prototyp des „kleinen Mannes“ mit Liebe, Hingabe, Verständnis, aber auch mit einer gewissen kritischen Distanz in einigen Szenen, die den Film besonders spannend macht. Am Ende ist für den einsamen Anti-Helden alles wie am Anfang und doch ganz anders – und als Zuschauer fühlt man sich klug angeregt, über den misslichen Zustand der so genannten westlichen Welt nachzudenken.

Unangenehm: der Interviewfilm „The Unknown Known“ von Errol Morris. Der Regisseur hat sich Donald Rumsfeld vorgenommen, eine der US-amerikanischen Schlüsselfiguren im Vorfeld des Irak-Krieges. Der Berater von gleich vier Präsidenten im Weißen Haus in Washington porträtiert sich überwiegend selbst. Morris lässt ihn gewähren. Dabei kommt dann, als ach so große Überraschung, heraus, dass Mr. Rumsfeld sich selbst nicht sonderlich gut kennt. Na, wie bedeutsam. Politische Schlussfolgerungen, Einsichten, Wertungen gibt es so gut wie keine, vor allem nicht von Mr. Morris. So bleibt am Ende einzig die Frage, was der Film soll. Hier in Venedig kommt noch die Frage dazu, warum Alberto Barbera und seine Auswahlkommission, die ansonsten sehr auf Qualität geachtet haben, den cineastischen Nonsens in den Wettbewerb eingeladen haben. Schwamm drüber. Zum Glück gibt’s hier jede Menge andere Filme, über die ein Nachdenken lohnt. Und es gibt steigende Spannung – wie wohl der neue Film von Andrzej Wajda ist. Darin entwirft der 86-Jährige Autor und Regisseur, der hier einen Sonderpreis erhält, ein Porträt des „Solidarność“-Führers Lech Wałęsa. Premiere ist morgen, am Donnerstag.

 

Tag 7

Buh-Rufe gab es bisher selten – jetzt trafen sie ausgerechnet Scarlett Johansson. Sie spielt die Hauptrolle im Wettbewerbsbeitrag „Under the Skin“ (USA) von Regisseur Jonathan Glazer. Die Vorführung für die internationale Presse war alles andere als ein Erfolg. Was weniger an Frau Johansson, denn an der Story und der Inszenierung des Films liegt. Die schöne Blondine, versteckt unter einem pechschwarzen Haarwuschel, spielt einen Alien in Menschengestalt. Das Wesen aus den Untiefen des Alls (oder woher auch immer) reist durch Schottland und verwandelt eine ganze Reihe von Männern in geisterhafte Wesen, die wohl, genau gezeigt wird es nicht, alle todgeweiht sind. Am Ende dann beißt die mörderische Schöne selbst – das ist wörtlich zu nehmen – ins Gras. Was es soll, ist nicht auszumachen. Es schleicht sich der Verdacht ein, Herr Glazer wollte vor allem Frau Johansson nackt zeigen. Das hat – zu Recht – viele verstimmt.

Schwere Kost ebenfalls: „Ana Arabia“ (Israel) von Amos Gitai. Der Film fasziniert als formale Spielerei, wurde er doch durchgehend gedreht, kommt also ohne jeden Schnitt aus. Zu sehen ist eine junge Journalistin, die in Jaffa eine Gruppe von Menschen befragt, die verschiedene Erfahrungen im Mit- und Gegeneinander von Juden und Arabern haben. Alle Charaktere, die vorkommen, sind fern der üblichen Klischees. Gezeigt wird, dass es sehr wohl schon einmal möglich war und ist, und in größerem Maße sein sollte, dass Menschen verschiedenster Herkunft und Religion zusammenleben. Dabei sind die Geschichten, die die einzelnen Protagonisten erzählen, keineswegs alle „schön“. Da gibt es Schmerz und Leid genauso wie Glück. Nur: Die Spannung hält sich in Grenzen. Sehr schnell ist klar, dass Gitai die Zuschauer auffordern will, in jeweils ihren eigenen Lebenskreisen wirklich tolerant zu sein. Das ist ehrenhaft und gelegentlich gar rührend. Aufrüttelnd wird es nie.

Die Spekulationen darüber, wer hier in vier Tagen welchen Preis bekommt, wuchern. Ernsthafte Voraussagen sind nicht möglich. Die Auswahl ist zu groß. Und Einigkeit herrscht unter den Spekulierenden keine. Nur in einem: Judi Dench als „Philomena“ hat die Auszeichnung als Beste Darstellerin ohne Wenn und Aber verdient. Wirklich alle hier hoffen, dass die Jury es genauso sieht.

 

Tag 6

Enttäuschungen gehören zu jedem Filmfestival. Hier hat heute Terry Gilliam für die Enttäuschung des Festivals gesorgt. Sein Science-Fiction-Opus „The Zero Theorem“ mit einem glatzköpfigen Christoph Waltz in der Hauptrolle ist ein formal völlig überladenes, inhaltlich dafür ärmliches filmisches Gestammel. Gilliam gibt vor, nach dem Sinn der menschlichen Existenz an sich zu forschen, und er hat, höchst originell, „die Liebe“ zur Antwort. Überflüssig.

Sind sich in diesem Fall viele Festivalgäste einig, gibt’s bei „Tom à la ferme“ („Tom auf der Farm“) des gerade mal 24-jährigen Kanadiers Xavier Dolan Pro und Kontra. Sich selbst in der Hauptrolle herausstellend, erzählt er von der Selbstfindung (oder eben auch nicht) eines jungen Schwulen. Das Ganze kommt als Krimi daher, wobei Dolan durchaus effektvoll mit Genremustern spielt, nur dass hier – wie so oft – der Filmkomponist (Gabriel Yared) mit seinem Schwulst an den Pranger gestellt gehört. Leider aber nehmen im Verlauf des Geschehens die Klischees derart überhand, dass es einfach nur noch langweilig wird.

Gar nicht langweilig: Der sonntagabendliche Empfang der Film- und Fernsehstiftung NRW im Restaurant „Valentino“, einem der nobelsten auf dem Lido di Venezia. Petra Müller, die allgemein Müllerin genannte Geschäftsführerin, erwies sich wieder einmal als fröhliche Gastgeberin, die Kunst und Medien und Geschäft gern in launiger Geselligkeit zusammenbringt. Klar, dass sie die Gelegenheit nutzte, die Erfolge der Stiftung auszustellen. Und klar auch, dass sie darauf hofft, ein Preis am Ende dieses Festivals geht an „Die Frau des Polizisten“. Das wäre dann nämlich auch ein Erfolg der Arbeit der Müllerin, die den Film nach Kräften gefördert hat.

 

Tag 5

Auffallend: Alberto Barbera, der Festivalchef, will das unabhängige US-amerikanische Kino fördern. Doch auch da wird nicht nur Herausragendes, wie „Child of God“ von James Franco, realisiert. Debütant Peter Landesmann blickt in „Parkland“ auf die Ermordung von John F. Kennedy. Was geschah drum herum, im Krankenhaus, bei den Ermittlungsbehörden? Nicht viel, wie der Film zeigt. Und das zeigt er im Stil einer flachen TV-Soap-Opera. Weder gibt es einen Erkenntnisgewinn, noch werden die Emotionen angeheizt. Leider überflüssig.

Spannender ist da schon der griechische Wettbewerbsbeitrag „Miss Violence“ von Alexandros Avranas. Der übrigens in Deutschland ausgebildete Regisseur erkundet das Grauen hinter den Kulissen bürgerlicher Behaglichkeit. Ganz ruhig, meist kammerspielartig, enthüllt er ein Geflecht des Grauens aus Lüge, Dummheit und Herzlosigkeit. Ausgangspunkt ist der Suizid einer Jugendlichen. Schockstarre in der Familie ist die erste Reaktion, dann hektischer Aktionismus, schließlich wird all das vertuscht, was „man“ nicht wahr haben will. Gerade weil formal karg anmutend, ist das sehr spannend.

Die größten Kontroversen löste am Wochenende der Animationsfilm „The Wind Rises“ vom „japanischen Disney“ Hayao Miyazaki („Chihiros Reise ins Zauberland“) aus. Der Film schildert einen Großteil des Lebens von Jiro Horikoshi, jenes Ingenieurs, der entscheidend Japans Flugzeugindustrie gestärkt hat, der jenes Flugzeug entwarf, das durch die Kamikaze-Flüge im Zweiten Weltkrieg zu bedrückender Bekanntheit kam. Die Biografie, die im Film gezeigt wird, ist meist fiktional, orientiert sich nur punktuell an Tatsachen. Hayao Miyazaki geht es vorgeblich vor allem darum, das Spannungsfeld von Patriotismus und Militarismus auszuloten. Durchgehend erfolgreich ist er dabei nicht. Weder verherrlicht er den Flugzeug-Konstrukteur, noch bricht er den Stab über ihn. Vielleicht ist gerade das die Crux: Eine Haltung Hayao Miyazakis ist nicht auszumachen. Vielen, die ihn verehren und sein Werk schätzen, stößt bitter auf, dass er zu oft vor der Realität in Kitsch flüchtet. Der große Erfolg, der erwartet wurde, blieb zumindest auf dem Lido di Venezia, aus.

 

Tag 4

Das erste Festivalwochenende ist traditionsgemäß besonders stark besucht. Jetzt reicht es nicht einmal mehr, bereits eine Stunde vor Vorstellungsbeginn vor dem Kino zu stehen, um die Schlange der Wartenden anzuführen. Allerdings wurde in diesem Jahr bisher noch keine Vorstellung derart bestürmt, dass Leute keinen Einlass fanden.

Das Wettbewerbsangebot ist durchwachsen. Das Übliche also. In den Journalisten-Gesprächen herrscht Einigkeit, dass Kelly Reichardts „Night Moves“ die bisher herbste Enttäuschung war.  Der Lieblingsfilm der Mehrheit bisher: „Philomena“ von Stephen Frears (Großbritannien). Das ist so ein Film, wie ihn wohl nur die Engländer hinkriegen. Lachen und Weinen liegen nicht dicht beieinander, sie werden geradezu in einem Moment provoziert. Die auf Tatsachen beruhende Story hat es in sich: Philomena (in dem um 2003 spielenden Hauptstrang der Erzählung von Judy Dench verkörpert) lebte in den 1950er Jahren als Jugendliche bei Nonnen. Barmherzig waren die wenigsten von denen. Sie beuten ihre Schützlinge nach Strich und Faden aus. Als die junge Frau schwanger wird, zielen es die „Dienerinnen Gottes“ allein auf Strafe ab. Die Geburt des Sohnes bringt Philomena in Lebensgefahr. „Der Herr wird es schon richten.“ Kein Wunder, dass sich auf dem Friedhof des Heimes viele Gräber von 14-, 16- und 17-Jährigen befinden. Doch Philomena überlebt. Auch den enormen Schmerz, als ihr Sohn zur Adoption frei gegeben und nach Amerika verkauft wird. Fünf Jahrzehnte später kann sie erst darüber sprechen. Ist das vollbracht, wächst ihr Mut, und sie versucht mit Hilfe eines Journalisten (großartig: Steve Coogan), ihren Sohn zu finden. Das ist natürlich alles andere als einfach – und führt auch keineswegs zu einem rosaroten Happy End.

Judy Dench vollbringt eine wahrlich brillante Leistung. Sie gibt der alten Dame, deren Bildungsniveau sich auf der Ebene von billigen Drei-Groschen-Romanen befindet, eine Würde und, vor allem, Herzensbildung, dass sich jeder im Kino sofort in die Figur verliebt, mit ihr hofft, zögert, bangt, kämpft. Das Geschehen ist meist todtraurig, doch nie sentimental, auch und gerade deshalb, weil Dench und ihre durchweg exzellenten Partner, das Drehbuch mit wunderbaren Dialogen und die feingeistige Inszenierung alle drohenden Klippen von Kitsch wahrlich gekonnt umschiffen. Das vor knapp fünf Jahren erschienene Buch, auf dem der Film basiert, hat in Großbritannien Tausende Frauen, denen das Gleiche geschah wie Philomena Lee, zum Reden und Handeln gebracht und eine breite öffentliche Diskussion über die verhängnisvolle Rolle bigotter Kirchenfrauen und -männer initiiert. Der Film dürfte das noch anheizen. Denn hier wird außerordentlich klug darüber nachgedacht, wie Glaube, der an sich etwas Gutes sein kann, durch institutionalisierten Fundamentalismus missbraucht und zum Schaden von Menschen eingesetzt werden kann.

Im Moment kann sich fast keiner auf dem Lido di Venezia vorstellen, dass jemand anderes als Judy Dench am nächsten Samstag als Beste Schauspielerin ausgezeichnet werden wird. Stephen Frears wird für die Auszeichnung als bester Regisseur gehandelt.

Chancen werden auch Regisseur James Franco und seinem Hauptdarsteller Scott Haze eingeräumt. Ihr Film „Child of God“ ist für die USA im Rennen um den Goldenen Löwen. Die Romanverfilmung erzählt die brutale Geschichte eines Mannes, der Ende der 1950er Jahre in Tennessee in den Wäldern lebt, völlig verwahrlost und schließlich wirklich zum Tier wird. Das ist hart und kraftvoll – und lässt sich durchaus als Parabel auf die zunehmende Verrohung der sogenannten modernen Welt deuten. Schön ist dieser Film nicht. Doch die ohne Wenn und Aber auf die Hauptfigur zugeschnittene Inszenierung, die Interpretation des „wilden Mannes“ durch Scott Haze und die Konsequenz der Erzählung – das Finale ist wirklich ungemein bitter und brutal! – haben dem Film hier zu Recht viel Beifall eingebracht.

Tag 3

Das Festival-Karussell läuft auf Hochtouren. Der Wettbewerb ist durchwachsen. Mittelmaß und Bemerkenswertes halten sich die Waage.

Italien punktet kräftig mit „Via Castellana Bandiera“. Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin its Emma Dante. Sie zeigt ein böse-komisches Bild des Alltags in Palermo: Zwei Autos treffen in einer engen Gasse aufeinander. In jedem Wagen sitzt eine Frau am Steuer. Keiner will zurücksetzen. Damit beginnt ein zähes Ringen um die Demonstration von Stärke.

Die Farce enthüllt auf angenehme und eigenwillige Weise die Absurdität des Machismo. Die Männer meinen, das Sagen zu haben. Doch gegenüber den Frauen kuschen sie – und tricksen, um ihre vermeintliche Macht zu stärken. Was böse Auswirkungen hat.

Hier bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Denn aller Witz beleuchtet nur eins: die Ohnmacht der Mittellosen. Sozialkritik auf höchst unterhaltsame Weise.

Die strebt auch Kelly Reichardt mit „Night Moves“ an, einem Drama um ein Trio von Umweltaktivisten die mit Terror gegen die Zerstörung der Natur angehen wollen. Das ist gut gemeint. Die Schauspieler sind exzellent. Doch der Film zündet nicht wirklich. Sowohl das Umweltschutzengagement als auch die Auseinandersetzung mit der Frage, ob es eine legitimierte Gewalt geben kann, wirken zu oberflächlich.

Buh-Rufe gab’s inzwischen auch – zum Ende von Paul Schraders außerhalb der Konkurrenz gezeigtem Thriller „The Canyons“ mit Skandalnudel Lindsay Lohan in einer der Hauptrollen. Das ist ein schlecht gemachter Reißer, der so gern ein moderner film noir wäre, es jedoch nicht einmal zu einem handfesten Schmuddelfilmchen bringt.

Als solcher entpuppte sich der US-amerikanische Wettbewerbsbeitrag „Joe“ mit Nicholas Cage. Er spielt einen harten Burschen, der versucht, einem Jugendlichen aus schlimmsten Familienverhältnissen heraus den Weg in ein besseres Leben zu ermöglichen. Das endet mit Mord und Totschlag. Klischees und Krach-Action ersticken allen denkbaren ernsthaften Ansatz. Keine Buhs, aber auch keine Bravos. Ein Film zum Vergessen.

Viel Beifall gibt es jeweils vor den Aufführungen der Wettbewerbsfilme. Da laufen zwei, drei Minuten kurze Wochenschauszenen zur Geschichte des Festivals, zeigen kommentarlos, wie einst Mussolini die Mostra instrumentalisierte, welcher Optimismus die 1950er Jahre prägte, wie sich Stars und Sternchen und auch Politgrößen, wie etwa Winston Churchill, einst am Lido die Venezia tummelten. Sehr aufschlussreich, oft ungemein komisch, schönstes Kino.

 

Tag 2

Clooney hat gelächelt, Bullock hat Interviews gegeben, die Fans haben am roten Teppich gejubelt… Der Stress des Auftakts ist geschafft und man kann sich in Ruhe auf das Eigentliche, die Filme, konzentrieren.

Hohe Erwartungen hatten viele an Edgar Reitz’ „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“, der außerhalb der Konkurren zu sehen war. Zum vierten Mal schon reist der Autor und Regisseur in das fiktive Hunsrück-Dorf Schabbach. Diesmal allerdings reist er zeitlich besonders weit zurück, nämlich in die 1840er Jahre, vor den revolutionären Ereignissen von 1848.

Reitz bietet wieder ein pralles Panoptikum, einen satten Bilderbogen, schöne, traurige, witzige, alberne, ernste Momente aus deutschem Familienalltag. Nur: soziale Hintergründe erhellt er nicht. Auch psychologisch lotet er die doch überwiegend holzschnittartig angelegten Figuren nicht aus. Wieder hat er in Schwarz-Weiß gedreht und setzt gelegentlich Farbtupfer ein, um Wunderbares ganz wunderlich zu zeigen: reife Kirschen am Baum, ein grüner Rock, eine braun-goldene Quarzscheibe, die so etwas wie einen rosaroten Blick auf die Welt gewährt. Den bevorzugt Reitz. Selbst Hungersnot und Armut muten pittoresk an. Reitz-Fans ficht das nicht an. Sie jubeln. Von denen allerdings sind wohl so viele nicht in Venedig. Einige von ihnen, die hier vor mehr als zwei Jahrzehnten zu Recht die „Heimat“ bejubelt haben, waren wieder dabei. Doch nicht wenige zogen mit langen Gesichtern noch vor dem Ende des vierstündigen Opus’ ab. Schade. Denn bei allen formalen Grobheiten, etwa einer nervend-vordergründigen Musik und viel zu viel Erklärendem via Erzählerstimme, ist eines doch von Reiz bei Reitz: der Film ist ganz von der Liebe zu den Protagonisten erfüllt. Das versöhnt.

In der Sektion „Orrizonti“ stellte Autor und Regisseur Rick Ostermann, auch nicht gerade vom Publikum bestürmt, sein Spielfilmdebüt „Wolfskinder“ vor. Berichtet wird von Kindern und Jugendlichen, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem nun sowjetischen Gebiet des ehemaligen Ostpreußens Richtung Litauen oder weiter gen Westen fliehen und sich durch Wälder und Sümpfe quälen. – Das ist gut gemeintes Erzählkino recht traditioneller Art, das sich, zum Glück, den Effekten des Event-Fernsehens verweigert. Doch an die Qualität von Filmen zum Thema „Krieg und Kinder“, wie 2011 „4 Tage im Mai“ von Achim von Borries und 2012 „Lore“ vor Cate Shortland reicht der Film nicht heran. Denn Ostermann versteht es nicht, eine zweite Ebene zu beleuchten, soziologisch, historisch oder psychologisch. Die Story ist glatt und wird glatt erzählt. Satte Farbbilder von Postkartenreinheit erhellen nichts, Reflexionen über das Woher und Wohin der Protagonisten werden nicht einmal angedeutet. Der Film bleibt, daraus hätte sich Kapital schlagen lassen, ganz in der Position von Kindern. Nur: Da dem Zuschauer beispielsweise nichts über diese Kinder gesagt wird, was ihre Herkunft angeht oder ihre Zukunftsträume, gibt es in der Geschichte keine Fallhöhe – und damit im Zuschauerraum keine emotionale Erschütterung.

Der Donnerstagabend gehört Philip Grönings Wettbewerbsbeitrag „Die Frau des Polizisten“. Der nun auch schon nicht mehr jugendliche Autor und Regisseur erzählt mit großer Wucht von leider sehr Alltäglichem: Gewalt im häuslichen Kreis. Kein Wettbewerb-Beitrag zuvor in diesem Jahr hat so viele Zuschauer vor Ende des Films vertrieben. Das liegt nicht an einem Zuviel an Gewaltdarstellungen. Davon gibt es nur wenige, die Verletzungen der Frau sagen genug. Es liegt daran, dass Gröning in starkem Maße stilisiert erzählt. Zu stilisiert. Der Film ist in fast 60 sogenannte „Kapitel“ unterteilt. Jedes beginnt mit einer Aufblende aus Schwarz und endet mit einer Abblende in Schwarz. Schrifteinblendungen, wie etwa Kapitel 1, Anfang, und Kapitel 1, Ende, und so weiter markieren die Trennung zusätzlich. Das ist vollkommen überflüssig. Wie auch ein Zuviel an kurzen Stillleben. Manche dieser „Kapitel“ sind minimale Momentaufnahmen, andere dauern einige Minuten. Sie geben einen strengen Rhythmus vor. Doch der führt zu nichts. Wie auch die Figur eines stummen alten Mannes, der in seiner häuslichen Umwelt, etwa beim Zubereiten von Salat, in einigen „Kapiteln“ nicht entschlüsselbar ist und damit nichts wirklich aussagt. Großes Rätselraten also, auch angesichts des ungenau erzählten Endes. Gröning schafft tolle Bilder und Szenen, die sehr genau die körperlichen und seelischen Folgen von häuslicher Gewalt aufzeigen. Doch mehr als das leistet der Film nicht. Viele finden das als Vorführung des Schrecklichen aufschlussreich und kinowirksam, sehr Vielen ergeht es anders. Sie sind von der puren Zur-Schau-Stellung des Grauens nur abgeschreckt. Für Diskussionen also ist gesorgt. Nicht das Schlechteste, was auf einem Festival passieren kann.

 

Tag 1

Sternenglanz, Gewitter, Regen – ein geradezu unfassbar schöner Ausblick von der Dachterrasse des Luxushotels „Danieli“ in Venedig. Am Vorabend des Festivals, am Dienstagabend, richtete die US-Fachzeitschrift „Variety“ hier einen Empfang aus. Ehrengast war Regie-Legende Bernardo Bertlolucci (73). Der Jury-Präsident, aus seinem Rollstuhl eine ungeheure Lebenslust ausstrahlend, sagte in dieser Traumkulisse: „Für mich ist das Kino immer noch der schönste Ort zum Träumen – aber nicht von Firlefanz, sondern von einer besseren, einer gerechteren Welt.“

Hoffen wir, dies darf als Omen für die diesjährige Ausgabe des ältesten Filmfestivals der Welt genommen werden. Zur Eröffnung lief der Reißer „Gravity“ (USA/ Großbritannien). Regisseur Alfonso Cuarón, der gemeinsam mit seinem Sohn Jonás auch das Drehbuch geschrieben hat, schickt Sandra Bullock und George Clooney auf eine für das Kino ungewöhnliche Reise in die unendlichen Weiten des Weltalls. Sie spielt eine Medizinerin, er einen erfahrenen Astronauten. Abenteuer im Stile von „Star Trek“ gibt’s keine. Durch einen Unfall werden die Zwei ins Nichts geschleudert. Anfängliche Hoffnung weicht rasch nackter Angst. Doch die Frau kommt durch. – Sandra Bullock beherrscht den durch rasante Bild-Ton-Montagen enorm spannenden Film nahezu vollständig. Ihr Porträt einer Verzweifelten, die nicht aufgibt und tatsächlich über sich selbst hinauswächst, die mit menschlicher Intelligenz und Emotionalität sämtliche technischen Tücken meistert, ist von außerordentlicher Intensität. Ihrer Präsenz und die ganz darauf zugeschnittenen Inszenierung ist bei allem technischen Schnickschnack, wie dem völlig überflüssigen 3D-Aufwand, zu danken, dass die Zuschauer das Geschehen geradezu atemlos verfolgen. Der Film startet am 3. Oktober in Deutschland.

„Gravity“ lief außer Konkurrenz. Die Jury mit Bertolucci an der Spitze muss nicht darüber befinden. Neben dem Regie-Giganten arbeiten übrigens die Schauspielerinnen Martina Gedeck aus Deutschland, Virginie Ledoyen aus Frankreich und Carrie Fisher aus den USA als Juroren. Unter den 20 Beiträgen, die sich dem Urteil der insgesamt Neun stellen, ist mit dem Drama „Die Frau des Polizisten“ auch der neue Spielfilm von Philip Gröning. Der deutsche Regisseur hat in Venedig einen guten Ruf seit er hier vor knapp einem Jahrzehnt seinen Essay „Die große Stille“ sehr erfolgreich in einer Nebensektion vorgestellt hat.

Bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten feierte Edgar Reitz auf dem Lido di Venezia einen Triumph mit „Heimat“. Unter dem Titel „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ stellt er nun außerhalb des Wettbewerbs seinen bereits vierten Ausflug in das fiktive Hunsrück-Dorf Schabbach vor. Kein anderer Film wird zu Beginn des Festivals von den Besuchern mit ähnlich großer Spannung erwartet und bereits im Vorfeld als Ereignis gefeiert. Wohl allein schon die Beharrlichkeit von Edgar Reitz erregt Bewunderung.

Vor allem Neugier schlägt dem jungen deutschen Regisseur Rick Ostermann entgegen. Er zeigt „Wolfskinder“ in der dem Nachwuchs vorbehaltenen Sektion „Orizzonti“. Angekündigt wird der Spielfilm als Drama über das Schicksal von deutschen Jugendlichen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges geradezu tierisch um ihr Überleben kämpfen müssen. Debütant Ostermann hat sich bisher allein durch die breit gestreute Geschichte ins Gespräch gebracht, er wäre bei -zig Studienbewerbungen von allen deutschen Filmhochschulen abgelehnt worden und habe sich allein durch Zähigkeit und Ausdauer vom Kabelträger zum Regisseur hochgearbeitet.

Klar: am Ende blicken alle auf den Goldenen Löwen. Um ihn bewerben sich viele prominente Regisseure mit neuen Werken. Die Hoffnung ist, dass die großen Namen – etwa Gianni Amelio, Stephen Frears, Terry Gilliam, Amos Gitai, Hayao Miyazaki –  auch für große Qualität stehen.

 

Peter Claus

 

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