Vom Schmerz zur Erlösung

Meister der Pietà von Avignon: "Pietà von Villeneuve-les-Avignon, Detail: Christus", um 1460

„Ich denke an die heilig gesprochene Afrikanerin Guiseppina Bakhita. Mit neun Jahren wurde sie von Sklavenhändlern entführt, blutig geschlagen und fünfmal auf den Sklavenmärkten im Sudan verkauft. Sie wurde täglich bis aufs Blut gegeißelt, wovon ihr lebenslang 144 Narben verblieben,“ so schreibt es Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe salvi. Erschienen ist diese Schrift über die christliche Hoffnung im Jahr 2007, und natürlich geht die Geschichte weiter, denn Bakhita lernte schließlich „nach so schrecklichen Patronen einen ganz anderen Patron kennen … den lebendigen Gott, den Gott Jesu Christi. … dieser Patron hatte selbst das Schicksal des Geschlagenwerdens auf sich genommen und wartete nun ‚zur Rechten des Vaters’ auf sie.“ Fortan lebte Bakhita in Hoffnung und Liebe, widerstand ihren weltlichen Kerkermeistern, trat in einen Orden ein und missionierte in der Welt.

Papst Benedikt XVI. ist nicht irgendein Katholik, und man darf die Fabeln, die er zur Veranschaulichung seiner Lehren wählt, nicht auf die ganze katholische Christenheit hochrechnen. Doch die Geschichte, die in der Enzyklika so rührend erzählt wird, sagt einiges über katholisches Körperverständnis aus, und sie erklärt vielleicht auch etwas über die bislang übliche Haltung der Kirche zu ihren dunklen „Sexskandalen“, die mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder ans Licht kommen, wie zuletzt die mehr als 20 Fälle von Missbrauch aus den 1970er und 1980er Jahren am Berliner Canisius-Colleg.

Zwei Argumente, alt und lang wie Rapunzels Zopf, werden zu solchen Anlässen gerne gegen die katholische Kirche ins Feld geführt: ihre Sexualfeindlichkeit und ihre zum Himmel schreiende Doppelmoral. Beide Vorwürfe gehören zusammen, beide sind richtig, und doch sind sie nicht so einfach und ursächlich mit den Skandalen verknüpft, wie es scheinen mag.

Die katholische Lehre zeichnet sich tatsächlich durch eine Sexualpanik erster Güte aus. Allerdings sind Sinnlichkeit, Emotionalität und Leiblichkeit ebenfalls das absolute Markenzeichen des Katholizismus. In wohl keiner Religion spielt der Körper, die Geschöpflichkeit des Menschen eine so zentrale Rolle. Auch die üblichen bildlichen Darstellungen biblischer Geschichten, vor allem aber der Passionsgeschichte, des Gekreuzigten oder der sieben Schmerzen Mariens leben von einer körperlichen Expressivität, die man nicht gerade asexuell nennen kann.

Doch hier ist der Punkt: Die Leiblichkeit des Menschen wird in der katholisch-christlichen Lehre sehr gerne über den Schmerz definiert. Wenn etwas das Christentum als Religion auszeichnet, so ist es die Verklärung des Leides und die Vorstellung, man müsse durch den Schmerz hindurch, um zur Erlösung zu gelangen. Das Leiden ist dabei an den Körper gebunden, er ist das Instrument zur Reinigung der Seele, wie es am Vorbildlichsten die Märtyrer zeigen, die in der katholischen Kirche auch sofort heilig gesprochen werden. Diese Leidverzückung ist auch Papst Benedikts Fabel anzuhören, ihre genaue Aufzählung der 144 Narben, die doppelt erwähnten „Schläge bis aufs Blut“ und der verniedlichende Ton, in dem von der „kleinen afrikanischen Sklavin“ die Rede ist, zeigt deutlich, dass das Christentum ein inniges Verhältnis zu Opfern hat. Es mag auch Bußrituale und tut alles, um sie im Kreislauf von Schuld und Vergebung immer wieder neu zu inszenieren. Weh tun, demütigen und dann trösten, so geht der Weg der wahren Erlösung und der Imitatio Christi, die – nichts für ungut – in krassen Fällen offenbar auch so weit gehen kann, dass im erzwungenen Oralverkehr der priesterliche Schwanz imaginär zum Essigschwamm mutiert, wie ihn der Herr am Kreuze gereicht bekam (laut Bericht des Spiegel).

Es geht hier nicht darum, das christliche Leidensmysterium zu diffamieren. Es hat seinen Sinn, seine Tiefe, seinen Wert. Dennoch scheint ein am Körperbild des Märtyrers und des unschuldigen Opferlamms ausgerichtetes Denken einiges mit der unglaublichen Ungerührtheit der Kirche gegenüber ihren Skandalfällen zu tun zu haben. Natürlich ist das Verschweigen sexuellen Missbrauchs eine gängige Methode in jeder Familie – also auch der Kirche – und natürlich gehört es zur Machtpolitik, sich nicht mit Skandalen zu beschmutzen, die so gar nicht ins eigene Selbstbild passen. Doch als tieferes und sozusagen habituelles Motiv schwingt in der kirchlichen Ignoranz eben auch etwas anderes mit. Die Rührung über die arme Bakhita und die Grausamkeit des Schweigens über sexuellen Missbrauch sind zwei Seiten des einen Phänomens, dass man Opfer im Namen der wahren Erlösung gehorsam und demütig annimmt. Im Himmel wird ja alles gut.

Ob diese Verklärung von Schmerz und Opfer auch einer Schizophrenie der missbrauchenden Priester Vorschub leistet, die mit strafenden Schlägen Kinder und sich selbst erlösen wollen, ist schwer zu sagen. Die viel gescholtene Doppelmoral der Kirche jedenfalls hat ihre Ursache auch darin, dass in ihrer Lehre die Gegensätze so verdammt gerne ineinander übergehen: fromme Sinnlichkeit in verbotenen Sex, Demut in Autorität, Mitgefühl in Gewalt.

Es wird langsam Zeit für ein bisschen Frischluft. Dass die katholische Kirche zunehmend von einer (hoffentlich) nicht mehr nur voyeuristisch empörten Öffentlichkeit zur Rede gestellt wird, sei es im Fall der gnädigen Duldung von Holocaustleugnern oder im Fall des gnädigen Schutzes von klerikalen Sexualstraftätern, ist ein gutes Zeichen. Auch dass die Bischofskonferenz im Jahr 2002 Richtlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch herausgab und die mutige Intervention des Canisius-Colleg-Rektors lassen hoffen, dass vernünftigere Zeiten anbrechen. Eigentlich könnte auch die Rechtssprechung Zeichen setzen und die Verjährungsfristen für Missbrauch anheben. Damit die klerikalen Herren hin- und wieder aus ihrer verzückten Märchenwelt gerissen werden und sich vor ihrem irdischen Richter verantworten, dessen Existenz allemal sicherer ist als die des himmlischen.

Text: Andrea Roedig

Text zuerst erschienen in: taz

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