Karl Ove Knausgård: Min kamp

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Erfolgreich mit relativ ereignisarmen, minutiösen, oft repetitiven Beschreibungen: Karl Ove Knausgard.

Absichtlich unliterarisch

Die Bücher von Karl Ove Knausgard verkaufen sich so gut, dass sie vor allem in Norwegen und den USA die Bestsellerlisten stürmen. Das Phänomen ist so umfassend, dass aus Knausgards Name bereits ein neues Wort kreiert wurde: «Knausomanie». Betroffene erkennt man daran, dass sie jedes Gespräch unweigerlich auf den 46-jährigen Norweger und sein sechsbändiges autobiografisches Grossprojekt «Min kamp» lenken, das in der deutschen Übersetzung auf Wunsch des Verlags jedoch nicht mit «Mein Kampf» überschrieben wurde.

Von den fünf bislang auf Deutsch erschienenen Einzelbänden behandelte der erste Knausgards schwieriges Verhältnis zu seinem tyrannischen Vater, dessen Tod und die Aufräumarbeiten in dessen komplett verdreckter Alkoholikerwohnung («Sterben»). Es folgte ein Band zu Knausgards eigener Vaterschaft, seinen Kindern und Frauen («Lieben»). «Spielen», «Leben» und «Träumen» handeln von seiner Kindheit, von einem Jahr als blutjunger Hilfslehrer in einem kleinen norwegischen Fischerdorf und von seiner Studentenzeit und Schriftstellerwerdung in Bergen.

Man muss sich diese erklärtermassen von einem Schreibstau und einer Lebenskrise gezündeten Bücher als relativ ereignisarme, minutiöse, oft auch repetitive Beschreibungen von Knausgards Alltag vorstellen. Er versucht sogar, in jedem Band die jeweilige Altersperspektive und seinen damaligen Wissensstand abzubilden, gibt aber gleichzeitig offen zu, dass er sich nicht an alle Details aus seiner Vergangenheit erinnere. Diese in bloss drei Jahren niedergeschriebene, 4000-seitige Autobiografie lebt also nicht von einem fotografischen Gedächtnis, durchaus aber von einer fotografischen Sprache: «Der junge Kerl hängte eine netzähnliche Vorrichtung voller roher Kartoffelstreifen ins kochende Fett. Legte einen Hamburger auf die Grillplatte.»

Als roter Faden dienen wiederkehrende Alkoholexzesse und anschliessende Blackouts. Überhaupt zählt Karl Ove Knausgard fast obsessiv und mit grosser Ernsthaftigkeit Ereignisse und Einsichten auf, die ihm peinlich sind: vorzeitige Ejakulationen, eine mädchenhafte Bademütze, seine Angst, das Schreiben mehr zu lieben als seine Familie, seine Befürchtungen, er könnte schwul sein oder bei der Kinderbetreuung verweiblichen. «Meine Scham» wäre vielleicht der passendere Titel gewesen. Ein Lektor beschrieb seine Texte einmal sehr treffend als «manische Beichte». Knausgard knüpft darin an den Pionier der modernen Autobiografie an: Jean-Jacques Rousseaus «Bekenntnisse» mit ihrer Aufforderung an die LeserInnen, «über meine Schwächen zu seufzen, über meine Schändlichkeiten zu erröten», sind jedenfalls ein viel plausibleres Vorbild als der überall zitierte Proust und sein kunstreich verspiegelter Romanzyklus «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit». Knausgards Sprache ist schmucklos, direkt und absichtlich unliterarisch, wie er betont. Sein erklärtes Ziel war es, mit Abschluss des sechsten Bandes die Schriftstellerei aufzugeben.

«Kathedrale der Langeweile»

Sein unerklärtes Ziel scheint zu sein, alle postmodernen Sprach- und Ironiespiele und die dazugehörende grundsätzliche Skepsis gegenüber jeder sprachlichen Darstellung hinter sich zu lassen. Dekonstruktion und poststrukturalistische Theorie – mit denen er sich während seiner Studienzeit ausführlich auseinandersetzte, wie im neu übersetzten Band «Träumen» nachzulesen ist – werden implizit, aber vehement kaltgestellt. Knausgards karge Sprache behauptet nachgerade mit jedem Satz, Realität und Erinnerungen – das «wahre Leben» – ungetrübt, unmissverständlich, quasi nackt abzubilden.

Wie kommt es also, dass so viele LeserInnen sich so emphatisch mit diesem Autor und seinen auffallend ironiefreien Bekenntnissen identifizieren? Sogar scharfsinnige AnalytikerInnen wie Zadie Smith «erklären» ihre Liebe zu Karl Ove Knausgard damit, dass sie sich in seinen Alltagsschilderungen einfach wiedererkennen: «Es ist eine Kathedrale der Langeweile. Und wenn du sie betrittst, sieht sie ziemlich genau so aus wie die, in der du selber lebst. (Vor allem, wenn du wie Karl Ove zufällig ein verheirateter Autor bist.)»

Was diese «Kathedrale der Langeweile» ausserdem kennzeichnet, ist die Absolutsetzung des Privaten. Die Aussenwelt oder gar politische Ereignisse kommen höchstens als fernes Rauschen oder in den Erzählungen der Grosseltern vor. Eine längere Afrikareise wird von Knausgard mit zwei dürren, selbstbezogenen Sätzen abgefertigt: «In Afrika fragte ich sie, ob sie mich heiraten wolle. Sie sagte, ja, das will ich.» Dagegen nehmen die Schilderungen seiner Saufgelage und schriftstellerischen Selbstbefragungen Hunderte von Seiten ein. Auch ein Kindergeburtstag und seine erste erfolgreiche Masturbation werden ausführlich abgehandelt. Das hat offensichtlich Methode. Aber welche?

Hintergrund im Vordergrund

In seinem klugen Essay «Der Bourgeois» (Suhrkamp, 2014) analysiert der marxistische Literaturtheoretiker Franco Moretti die Entstehung der bürgerlichen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Zeitgleich mit dem Kapitalismus habe sich eine eher handlungsarme, realistische Literatur der «Füllsel», peniblen Beschreibungen und Aufzählungen herausgebildet. Morettis älteste Gewährsfigur ist Robinson Crusoe: Dieser sitze als Prototyp des Kleinbürgers auf seiner einsamen Insel und wisse dort nichts Besseres aufzuschreiben als ein Inventar seiner Besitztümer und einen täglichen Rapport darüber, wie lange er schläft und wie viel er arbeitet.

In der bürgerlichen Literatur rückt der Hintergrund in den Vordergrund, scheinbare Nebensächlichkeiten und Alltägliches werden zum Kerngeschäft des Romans erhoben. Warum? Die neu aufstrebende bürgerliche Klasse hat ein grundlegendes Legitimationsproblem, da sie ihre Autorität und Identität weder von einem Gott noch von einem König ableiten kann. Sie kompensiert dies mit Strategien, die sie dem Kapitalismus abgeschaut hat – auch in der Literatur.

Romane beschreiben emsig Tagesabläufe und zelebrieren Arbeitsethik, Fleiss und andere Mittel zur Produktionssteigerung. Begleitet wird diese Kapitalisierung der Literatur von einem Rückzug in die eigenen vier Wände und in private Beziehungen als vermeintliche Bollwerke gegen die Zumutungen des freien Marktes. Gesellschaftliche Zusammenhänge, Utopien, alternative Entwürfe und fiktionale Experimente fehlen fast gänzlich.

Es gibt keine Absolution

Es ist diese kleinbürgerliche (man könnte auch sagen: spiessige) Selbstvergewisserung, die Karl Ove Knausgard als einer der Lieblingsautoren des angebrochenen 21. Jahrhunderts fortschreibt: Er sitzt auf der Insel seiner weissen, männlichen, mittelständischen Selbstbezogenheit und schreibt über seinen Alltag, in dem sich die LeserInnen dann wiedererkennen. Was bei dieser manischen Selbstbeichte ausbleiben muss, ist die Absolution, da es kein Ausserhalb mehr gibt. Deswegen muss auch immer weitergeschrieben werden, frei nach dem existenziellen Motto «Ich porträtiere mich, also bin ich». Nicht zuletzt darin erinnert diese freiwillige literarische Selbstvermarktung an die vielen Ich-Texte und Selfie-Exzesse auf Onlineplattformen. Gleichzeitig bedient Knausgard die alte Sehnsucht nach einem monumentalen Gegenwartsroman, der zwar keine Lösungen liefert, aber immerhin eine Art Versicherung durch Identifikation.

Und Knausgard geht so weit, dass er sein privates Lebenswerk direkt mit einem der folgenreichsten und schrecklichsten Bücher des 20. Jahrhunderts in Verbindung bringt: mit Hitlers «Mein Kampf». Meint er das ernst, oder ist er für einmal ironisch? Vielleicht bringt der sechste Band Klärung. Dem Vernehmen nach sei das Buch ein Essay über Hitler – und über Karl Ove Knausgard.

Daniela Janser

zuerst erschienen in WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 40/2015 vom 01.10.2015

Bild oben: CC BY 3.0 Norwegian author Karl Ove Knausgård at the Göteborg Book Fair 2010 Boberger – Eigenes Werk

 

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© Cover Luchterhand

 

 

Von Karl Ove Knausgards

autobiografischem Projekt ist soeben

der fünfte Band, «Träumen», erschienen (Luchterhand).

 

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