Charlton Heston

Moses im falschen Land

Biblisch waren die Gestalten fast immer, die Charlton Heston spielte. Aber ein Jesus war er nicht. Eher eine Art Gegenbild: ein Mann der Tat, der all das Widersprüchliche und Zweifelhafte aus Religion und Geschichte übersetzt in Handlung. Daher die Unbeugsamkeit, die aufrechte Gestalt. Und daher der bittere Zug um die Lippen dieses Mannes, der immer auch fremd blieb, am Sinai oder auf dem Planeten der Affen. Immer einer, der sein Volk, seine Herde, seine Soldaten auf einen langen Trail führen muss, in Länder, von denen zweifelhaft bleibt, ob sie gelobt sind.

Sein Moses war kraftvoll, aber, wenn man ihn genauer anschaut, schon enttäuscht von seinem Volk, bevor es noch zum Zerwürfnis kam. In Sam Peckinpahs großem Western Major Dundee ist er ganz und gar im falschen Land gelandet mit seiner Mission. Als El Cid bekämpft er einen Gegner, den er eigentlich liebt, und in Ben Hur wird er, umgekehrt, über alle Grenzen getrieben als verfehltes Objekt des Begehrens. Auf dem Planeten der Affen ist er nicht bloß am falschen Ort, sondern in der falschen Schöpfungsgeschichte, und mit Heston wird sogar die Schatzinsel zum fremden Land.

Im schönen Alterswerk von Charlton Heston gibt es ein paar grandiose Studien von Wahn und Verlust. Dass er als alternder Cowboy, der weder zu Schreiben und Lesen noch sich regelmäßig zu baden gelernt hat, in Will Penny am Ende nicht bleiben kann bei der Frau und beim Kind und beim Herdfeuer, das ist nicht mehr die Pose des ewigen Westerners auf der Flucht vor der Frau und vor der Zivilisation, das ist wirklich nur noch eine Tragödie.

Es ist diese verdammte Grenze! Er hat sie in der Mehrzahl seiner Filme fast wider Willen überschritten, in Orson Welles Touch of Evil irrwitzigerweise sogar von der anderen, der »falschen« Seite her.

Charlton Heston ein aufrechter Mexikaner und Orson Welles ein zwielichtiger US-Amerikaner, verbunden durch die Berührung des Bösen und einander auch im Verlust der Frauen spiegelnd, das ist noch eine weitere Unverschämtheit in diesem unverschämten Film. Später spielte Heston selbst am besten böse alte Männer, am Ende gar den bösesten, den KZ-Arzt Mengele. Den Letzten, den Furchtbarsten von jenen, die Grenzen überschreiten, in die Schöpfung eingreifen, den Anti-Moses.

Zwei Bilder vom realen Charlton Heston, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben: der Liberale, der sich mutig an die Seite der Bürgerrechtsbewegung stellt, an die Seite von Martin Luther King. Und der starrköpfige Alte, der sein Gewehr in die Höhe reckt, das man ihm nur aus kalten und toten Händen würde nehmen können, und der für die National Rifle Association eintritt. Als hätte es da einen in seinem Leben von links nach rechts getrieben, als wäre einer, der gerne einfache Gedanken hat, auch schon ein einfacher Mensch. Wie aber, wenn beides in diesem Moses-Cowboy zusammengehörte, Bürgerrecht und Gewehr, Gesetzestafel und Muskelkraft, Sensibilität und Wahnsinn? Er erzählte Amerika in seinem Bild, und Amerika zu erzählen ist eine schwere Aufgabe. Es geht nicht, so viel wissen wir aus dem Kino, ohne den touch of evil.

Ganz selten gibt es in seinen Filmen Momente der Entspannung. Den zaghaften Versuch eines Lächelns. Die Aussicht, ein realer Körper könne aus der Skulptur, ein Mensch aus dem Helden treten. Gute Schauspieler zeigen, dass Menschsein keine Selbstverständlichkeit ist.

Sondern ein Traum.

Autor: Georg Seesslen

Text veröffentlicht in Die  Zeit Nr.16 vom 10.04.2008

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