Der Doyen

Schwärzer war kein Humor in Deutschland. Vielleicht ist es auch etwas anderes als deutscher Humor, denn sein Verfasser war ein Jude. Gibt es hier einen Speisewagen? fragt der Mann im Zug, es ist der Zug, der von Budapest nach Auschwitz fährt.

„My Mothers Courage“ heißt das Stück, denn Taboris Mutter, über die er es schrieb, war auch in diesem Zug. Und wird auf wundersame Weise zurück geschickt nach Budapest und sitzt wenig später beim Brigde. „Ach, Sie haben eine Nummer auf dem Arm, welches Lager?“ fragt Mr. Jay. „Nur das beste war gut genug.“, antwortet der Mann, „Goldberg-Variationen“ heißt das Stück.
„Komisch, Sie sehen gar nicht jüdisch aus.“ sagt Schlomo Herzl zu dem Mann in Gebirgstracht, der ein gescheiterter Kunstmaler ist und Adolf Hitler heißt. „Mein Kampf“ heißt das Stück. Vorangestellt ist ihm ein Wort von Friedrich Hölderlin: Immer spielt ihr und scherzt? Ihr müsst! O Freunde! Mir geht dies in die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur.

Die verzweifelten Späße des George Tabori sind von der Art, wie sie sich nur Juden und Antisemiten leisten. Der in Budapest Geborene hat ein Dutzend Länder bewohnt, das gewinnt einem Leben einen anderen Begriff von Heimat und Zugehörigkeit. Er war Korrespondent in Bulgarien und der Türkei, Kriegsberichter der BBC, Drehbuchautor und Theaterregisseur in den USA, Theaterleiter in Wien, Regisseur und Dramatiker in Deutschland seit 1971 und einer der wichtigsten dazu. Er verkehrte mit den Manns, sprach mit Feuchtwanger, diskutierte mit Adorno, schwatzte mit der Monroe, war mit der Garbo befreundet und unterhielt sich mit Charlie. Für Hitchcock schrieb er I confess, die Schauspieler seiner Filme hießen Liz Taylor und Yul Brunner, Mia Farrow und Karl Malden. George Tabori müsste, wäre er selbst auch von minderem Rang, allein für diese Zeugenschaft als eine Figur der Zeitgeschichte gelten. Er war aber nicht nur einer der letzten großen Zeugen, er war zudem und vor allem einer der letzten Patriarchen der Intellektuellen. Er war so etwas wie der Doyen des deutschen Theaters, künstlerisch überragend und moralisch unbeschädigt, ein Talent und ein Charakter. Das intellektuelle Deutschland liebte ihn, neben seinen überragenden Leistungen, wohl auch dafür, dass es mit George Tabori über eine Figur verfügte, die man nicht nur respektieren und achten musste, sondern die man lieben durfte. Tabori teilte schon lange nicht mehr durch Polemik: Er einte durch Liebe. Er sei, hatte er erklärt, nach Deutschland gekommen, weil hier, Ende der 60iger Jahre, das beste Theater der Welt gewesen sei. Vielleicht aber kam er auch in dem Gefühl, er würde wohl nirgendwo so wichtig sein, so irgendwie doch zu Hause wie in jenem Land, dem er, zynisch gesagt, seine Themen verdankte. Und, auf eine ebenso zynische Art, ein Stück seiner Selbstwahrnehmung: „Ohne die Deutschen hätte ich nie erfahren, dass ich ein Jude bin.“
Bedeutende Patriarchen wie ihn wird es künftig kaum mehr geben. Nicht, weil bedeutende Menschen nicht mehr so alt werden können: weil so alte Menschen nicht mehr so bedeutend sein werden, nicht auf diese Weise. Denn die künftig großen Alten werden nicht mehr Zeitzeugen dieses Zivilisationsbruches sein, den die Jahre 1933/45 markieren. Es wird andere Katastrophen der Humanität geben, aber dieses eine große, alles überstrahlende Sujet, das Auschwitz heißt, wird sich nicht erneuern. George Tabori kultivierte einen intellektuellen Zynismus bis zum Exzess. Darunter jedoch lag eine tiefe, große Traurigkeit. Es ist der traurige Sarkasmus, der umgeht in den Witzen der Ostjuden, ergänzt um die zynische Distanz der Intellektuellen des Westens. Es ist diese ironische Selbstbeschimpfung, die resignative Erkenntnis, es seien die Dinge nun einmal wie sie sind, also nicht gut. Und also muss man, wenn man denn nun einmal lebt, etwas daraus machen, einen Witz zum Beispiel. Das Problem mit deinem Vater, erzählte Tabori, so habe ihm der Erzbischof von Budapest damals gesagt, als er ein Kind war, ist, dass er nicht genau weiß, ob er uns zum Weinen oder zum Lachen bringen will. Niemand weiß, ob der Bischof das wirklich gesagt hat, es ist aber gleichgültig. Es ist in jedem Falle eine Selbstbeschreibung des Erzählers, und es war wohl auch mitunter unser Problem mit Tabori, wenn er inszenierte, wenn er Stücke schrieb. Er trieb die Groteske über einen Rand hinaus, hinter dem Grinsen und Grausen sich berühren wie die Parallelen im Unendlichen, er bestand darauf, dass der Inhalt eines wirklichen Witzes eine Katastrophe ist. Die Zeit der abhanden gekommenen Gewissheiten ist die Hohe Zeit dieser Texte,  die keine Antworten kennen, nur Fragen in der Form kalter Witze.
„Bestehen Sie auf diesem furchtbaren Witz?“ wird Mr. Jay gefragt. „Das ist geschmacklos.“  „Das ist die Wahrheit immer.“, antwortet Mr. Jay.

Autor: Henryk Goldberg

aus: „ Zum Tod von George Tabori: Der Mann, der Grinsen und Grauen in eines dachte“, Thüringer Allgemeine, Mai 2007

George Tabori starb am 23. Juli 2007


„Mein Kampf“ (Josefstadt Theater, 2008)

George Taboris Stück Mein Kampf spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Im Männerwohnheim in der Wiener Blutgasse mietet sich der junge Maler Adolf Hitler ein, der seine Studien an der Wiener Kunstakademie zu verfeinern sucht. Er trifft dort auf den jüdischen Buchhändler Schlomo Herzl, der sich mütterlich sorgend um den unerfahrenen Provinzler zu kümmern beginnt. Mein Kampf beschäftigt sich in komödienhafter Form mit dem Trauma der Shoah. Das von einer Fülle an Bezügen, Anspielungen, Symbolen und Zitaten durchzogene Stück ist eine Variation über Taboris Lebensthema: die Auseinandersetzung mit dem, was er den „Fluch, seinen Feind zu verstehen“ genannt hat.

Regie: Peter Wittenberg

Bühnenbild: Nina von Mechow
Kostüme: Svenja Gassen
Musik: Stanko Juzbašić
Filmanimation:Holger Lippmann, Alekos Hofstetter

Mit:
Herzl: Karl Markovics
Lobkowitz: Fritz Muliar
Hitler: Florian Teichtmeister
Gretchen: Hilde Dalik
Frau Tod: Tatja Seibt
Himmlischst: Alexander Waechter

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