Gina Lollobrigida (*04.07.1927)

Auf den Zinnen

So etwas gibt es heute nicht mehr. Nicht, weil es keine könnte: weil der Zeitgeist es nicht mag. Diese unverstellte Weiblichkeit, die keinen Grund benötigt ausser sich selbst, diese busenbasierte Agressivität, die selbstgewiss Umschau hält, das gilt heute als naiv. So sind Frauen wie Gina Lollobrigida nicht nur ohne gegenwärtige Nachfolgerinnen, weil sie solitäre Schönheiten waren. Die Position bleibt heute unbesetzt, weil die Emanzipation diese naive Expressivität der fünfziger Jahre, das reine Weib, zu einer anachronistischen Figur hat werden lassen. Gina Lollobrigida war auf ihren Höhen, auf den Zinnen etwa von Notre Dame, das Weibchen schlechthin. Wie sehr das täuschen kann, zeigt der Rest: Als sie eines der weltschönsten Weiber nicht mehr sein konnte, da beschloss sie, dann eben mal eine der weltbesten Fotografinnen zu werden. Irgendwie steht sie auch auf den Zinnen der Emanzipation.

Autor: Henryk Goldberg

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