Der Dienstmann Nr. 1

Nein, er wäre heute nicht 130 Jahre alt geworden. Denn 130 Jahre alt werden nicht einmal die Unsterblichen. Und zu denen gehört Hans Moser, der heute vor 130 Jahren geboren wurde.

Als der sechzehnjährige Jean Juliet 1897 in einem Ort eintrifft, der Friedek-Mistek heißt und wohl auch so riecht, um an der lokalen Bühne sein erstes Engagement anzutreten, liest er seinen Namen auf einem Plakat: Es kündigt die Vorstellung dieses Abends an. Sanft erregt bittet der junge Mann den Direktor um Aushändigung des Textes. Der Prinzipal reagiert mit souveräner Gelassenheit: Scheren Sie sich zum Teufel! Den Text gibt’s dann noch, abends, auf der Bühne. Mag sein, das war die Zeit, als er begann, erregt zu nuscheln.


"Hallo, Dienstmann" Regie: Franz Antel, Österreich 1952 (Hans Moser als Dienstmann Anton Lischka (Österreichisches Theatermuseum)


So begannen früher die Karrieren. Der Bildhauersohn Jean Juliet, der noch lange nicht Hans Moser ist, tingelt über die Schmieren der K. u. K. Monarchie, er spielt an den schlechten Theatern in den schlechten Stücken die kleinen Rollen. Mag sein, das war die Zeit, da er davon träumte, in einem früheren Leben mehr Fortune gehabt zu haben, als Reblaus. 41 ist er, als er einspringen darf als Dienstmann Nr. 11, Max Reinhardt kommt und Salzburg. Und ist jenseits der 50, als er beginnt, die Unsterblichkeit zu erwerben. (Auf Erden schaffte der 1880 Geborene immerhin auch ein gutes Stück Weg, er wurde 83.)

Hans Moser verströmte nie den weltenfernen Glimmer des großen Kinos, er gehörte, wie wenig Schauspieler, dem Kulturkreis an, der ihn hervorbrachte. Wenn er seine kleinen Leute erregt in die Kamera nuschelte, auf eine Weise, dass nie ganz sicher schien, ob er je das Ende eines Satzes würde zu fassen bekommen; wenn er sich so klein und beharrlich durch die Sätze schnaufte wie durch das Leben, dann war da keine Handbreit Luft zwischen dem kleinen Mann und der großen Rolle . Dafür liebten ihn die Leute. Für sie war er der Dienstmann Nr. 1, der erste Mann im Dienste des Publikums.

Und in seiner Liebe auch.

Text: Henryk Goldberg

Hans Moser starb am 19.06.1964


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