Nachruf – Christoph Schlingensief

Zitat von Bazon Brock; aufgenommen in Berlin, Schwedter Straße, Prenzlauer Berg

Der Geist der Traurigkeit

Der Tod ist ein Ereignis, an dem jeder Protest am Ende zerschellen muss. Der Künstler Christoph Schlingensief, der nur 49 Jahre alt, seinem Lungenkrebs erlag, hat auch gegen sein absehbares Sterben protestiert. Es war so hoffnungsvoll, so ergebnislos wie alle seine Proteste.

Merkwürdig war das schon, wenn man Christoph Schlingensief, vor einigen Jahren auch in Erfurt, auf einer Bühne erlebte. Da wühlte einer im Zettelkasten seiner Wut und Ratlosigkeit und verteilte, neben Hühnerfedern und Sentenzen: Ratlosigkeit. Da wollte einer, weil die Reste seriöser Politik längst theatralisch geworden sind, die Reste seriösen Theaters zur Politik machen. Da wollte einer, weil Wahlen kaum noch etwas mit ge-glaubten Werten zu tun haben, einen neuen Glauben stiften, den, es könnte auch alles ganz anders, also besser sein. Da rief einer, weil Politik in gesellschaftlich tödlicher Weise entleert scheint, Tötet Politik! (und rhetorisch: Helmut Kohl) und hinterließ: Leere.

Gewiss, nach diesem Abend konnte man, mit allem Recht, die Schulter zucken und sagen, es nervt. Ein Schamane, ein Heiler und Gesundbeter, ein Voodoo-Priester, der das Publikum in eine rituelle Verfluchung Jürgen Möllemanns einbezog, Handauflegen inbegriffen. Unklar die Grenze zwischen der Kunstfigur und dem Ich. Das ist schon nervend.

Und doch . . .

Und doch war da, jenseits des Ästhetischen, eine Ernsthaftigkeit, wie man ihr selten begegnet auf einer Bühne, eine Traurigkeit, die sich dem Spott entzieht. Nicht als Kunst, als Haltung.

Das war vielleicht ein wesentlicher Teil seiner Wirkung, wenn man ihn nicht nur als mediales Abziehbild wahrnahm: Dieser Künstler, der den verzweifelten Protest, der seine Wut und seine Hilflosigkeit zur Kunstform erhob, den sie den „Theaterprovokateur“ nannten, war als Person, als Mensch, von einer traurigen Liebenswürdigkeit. Der meinte, was er tat, ganz ernst, der war kein Bürgerschreck, der war ein erschrockener Bürger, ein Citoyen, für den Provokation die erste Bürgerpflicht war.

Ein Regisseur, der einen Film drehte, der „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) hieß und auch so aussah, ein Mann, der seinen Film bewarb mit dem Slogan „Sie kamen als Freunde und wurden zu Wurst“ und das auch genauso meinte, ein solcher Regisseur musste wohl einfach an die Berliner Volksbühne geraten. Hier lebte er ab 1993 seine Wut mit Lust, hier riss er sich (Rudi Dutschke) das Hemd vom Leib und zeigte dem Publikum brüllend, wie ihm die deutschen Zustände die Haut versengten. Aber er konnte nie lange bleiben, es war wohl das Gefühl, der Betrieb vereinnahme ihn. Obgleich, er konnte wirklich inszenieren, sein Bayreuther „Parsifal“, zu dem ihn der alte Wolfgang Wagner 2004 einlud, wurde allenthalben gerühmt. Ein Projekt am Nationaltheater hatte schon sehr konkrete Züge angenommen, Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“. Es gab mehrere interessierte Bühnen, „aber eigentlich schwärme ich im bauch von weimar“, schrieb er Stephan Märki. Und für ihn selbst könnte es wohl heißen „Die Geburt der Provokation aus dem Geist der Traurigkeit“.

Denn seine größten Erfolge, seine größte öffentliche Wahrnehmbarkeit, erreichte er mit seinen Aktionen, gleichsam intellektuelle Performances im medialen Raum, denn tatsächlich wurden sie dilettantisch realisiert. Im Wahlkampf 1998 forderte er, vier Millionen Arbeitslose sollten im Wolfgangsee baden, um Helmut Kohls Urlaubsdomizil zu fluten. Es kamen 100, aber darum ging es nicht.

Christoph Schlingensief lebte die Provokation im Zeitalter ihrer medialen Verwertbarkeit, und er war in seiner Wirkung am ehesten wohl noch Joseph Beuys vergleichbar. Solch ein Mann wird zwangsläufig der Mediendarling, gleich ob sie ihn salben oder kreuzigen wollten, er war einfach ein erstklassiges Material. Und wurde zugleich geachtet, respektiert, denn dieser reine Tor der Revolte war kein Clown, kein Albernheitsartist, er war ein ernsthafter und trauriger Künstler, der mit der Erinnerung an sich mehr hinterlassen wird als das Festspielhaus in Burkina Faso.

Als seine Krankheit öffentlich wurde, nutzte er sie für hoffende, berührende Manifestationen der Menschlichkeit, er wurde sich selbst zum Material und errichtete auf der Bühne die verstörende „Kirche der Angst“.

Am Ende wird jeder Protest Teil des Betriebes, vereinnahmt von der „repressiven Toleranz“. Christoph Schlingensief aber konnte wie kaum einer seine Wut, seine Anarchie beglaubigen durch Persönlichkeit, weil er seine eigene Hilflosigkeit öffentlich darbot und sich so verletzlich machte.

„Ich hab keinen Bock auf Himmel, ich hab keinen Bock auf Harfe spielen“ sagte er mitten im Krebs. Kaum jemand hat hier unten die Harfe Öffentlichkeit so gespielt wie er, so mit Liebe, so mit Wut.

Text: Henryk Goldberg

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