Erwin Geschonneck (*27.12.1906)

Der Hunger aufs Leben

Wem das Leben fast genommen ist, der hütet, was er zurück gewann, der weiss um die Besonderheit von Tag und Stunde. Das zweite Leben des Erwin Geschonneck beginnt am 3. Mai des Jahres 1945. Voll gesogen mit der Bitternis der sowjetischen Emigrantenjahre, schwer vom Leben in den Lagern der Nationalsozialisten, in die ihn eben seine sowjetischen Genossen ausgewiesen hatten. Und jetzt, wenige Tage vor dem Ende der Barbaren noch fallen, sterben, wo das Leben winkt? Das Schiff brennt, 4.500 Häftlinge an Bord, von den Nazis in die offene See getrieben, in den tödlichen Teppich britischer Bomben hinein. Das Schiff wird nie wieder einen Hafen erreichen, über 4.000 Menschen sterben, wenige Tage vom Leben entfernt. Einer der Männer von der „Arcona“, die es schaffen, ist Erwin Geschonneck. Das wird ihn prägen für ein Leben, künstlerisch wie politisch.

Er hatte wohl zu viel erlebt und zu viel investiert in dieses Leben, und er hatte 1990, deutlich über 80 Jahre alt, nicht mehr so viel zu erleben, um noch einmal viel zu investieren, eine Revision seiner Lebens-Haltung. Sein Buch „Meine unruhigen Jahre“, 1984 erschienen, machte damals viel Aufsehen, es durfte etwa in der „Jungen Welt“ nicht als Fortsetzungsroman erscheinen. Geschonneck hatte daran, in erzwungener Kürze, doch im damaligen Kontext dennoch spektakulär unter der Kapitel-Überschrift „Jahre der Prüfung“ von seiner sowjetischen Emigration erzählt. Nein, er war ein disziplinierter Genosse, doch sein Leben gehörte nur ihm, das ließ er sich nicht vor- und umschreiben. Weder von diesen noch von jenen. Als der DDR-Schriftsteller Stefan Heym 1994 als Alterspräsident den Deutschen Bundestag eröffnete, da verweigerten viele Volksvertreter dem Abgeordneten der PDS dümmlich den Respekt. Als der DDR-Schauspieler Erwin Geschonneck im Jahr davor das Goldene Filmband des Deutschen Filmpreises erhielt, da erwies ihm der konservative Innenministers Rudolf Seiters den Respekt. Ein Schauspieler, so lautete wohl die Unschuldsvermutung, sei eben nur ein Schauspieler. Der Schauspieler wies das kühl zurück, den Mephisto kann er nicht. Er danke, entgegnete er, „für die Würdigung für mein künstlerisches und politisches Leben.”

Er wäre ein guter Schauspieler geworden auch ohne dieses Leben, doch gewiss, das darf man behaupten, ohne dieses Leben wäre er ein anderer Schauspieler geworden.

Im KZ spielten sie einen schlimmern Schinken, Geschonneck, nie ein gelernter Schauspieler, erfahren nur in kommunistischen Agitprop-Gruppen, war Regisseur und Hauptdarsteller. Sie warfen die blöden Späße mit verzweifeltem Mut in die lachenden Gesichter der SS. Momente des Glückes in der Hölle. Es ist, für diesen einen Moment, eine ähnliche Erfahrung wie die des ungarischen Nobelpreisträgers Imre Kertesz, der deshalb mit seinem späten Welterfolg „Roman eines Schicksallosen“ lange Jahre einsam blieb, auch im Westen. Geschonneck war zu berühmt, er war ein Aushängeschild, und wollte es sein, so wurde die Komödie im KZ zähneknirschend geduldet in seinem Buch. Kitsch als Überlebenshilfe. Man sagt, der Schauspieler sei auch später ein Mann gewesen, der die sentimentalen Lieder liebte.

Der Mann hat die Gesten des Hungers und die Lust aufs Leben, wie man so sagt, von der Pike auf gelernt. In der Ackerstraße, da war Berlin nur wenig über Zille hinaus, in der sowjetischen Emigration, im deutschen Konzentrationslager. „Jakob der Lügner“, der einzige Defa-Film, der je für einen Oscar nominiert wurde. Der jüdische Friseur Kowalski. Mit einer kleinen Lüge und großer Weisheit, mit listigem Witz und verzweifeltem Humor hilft er den Menschen im Ghetto. Wie er den Löffel hält, wenn Essen nicht Genuss ist sondern überleben. Wie er sanft einen Scherz macht, wenn Morgen nicht der Tag nach Heute ist, sondern ferne Zukunft: Das hatte er auf keiner Schauspielschule gelernt, sondern auf Gorkis Universitäten.

Nach der Befreiung kam die Zeit der Ernte. Vier Jahre Hamburg, dann holte ihn Brecht. Und als er neben dem Puntila des großen Leonhard Steckel bestand, als dessen Knecht, da hatte der 43-Jährige seine Überlebenskämpfe noch nicht vergessen. Hatte nicht vergessen, wie es ist, wenn einer ums Leben spielt. Und wie vorteilhaft ein sturer Kopf sein kann und wie lebenswichtig ein Nachgeben zur rechten Zeit. So entstanden seine Figuren, wie der Kalle in „Karbid und Sauerampfer“ und selbst der Holländer-Michel im „Kalten Herz“:  immer absichtsvoll listig, wo notwendig wendig und doch stets unbeirrbar zielorientiert. Kein Mann der filigran ziselierten Darstellungskunst, kein Virtuose, der sich zelebriert,  ein Schauspieler aber, der eine Art von freundlicher Derbheit, von lächelnder Direktheit zur Kunst kultivierte. Er spielte gleichsam mit der Autorität seines Lebens, das machte seine Authentizität wie seine Grenze. Das Telefonbuch, wie man so sagt, hätte er nie spielen können, er benötigte die Substanz einer Rolle, um ihr sein Gewicht zu geben.

Erwin Geschonneck blieb einer der wenigen, die den verhurten Begriff Volksschauspieler nicht nur aus Gründen politischer Öffentlichkeitsarbeit von den zuständigen Abteilungen verliehen bekamen, sondern von dem dafür einzig zuständigen Gremium, dem Volk.

Text: Henryk Goldberg

Bild: Still aus “Karbid und Sauerampfer” (Progress Film-Verleih)

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