Ein Talent und ein Charakter

Henryk Goldberg gratuliert Wolf Biermann zum 75.

Mein erster Satz über Wolf Biermann geht so: Ich mag ihn nicht. Und der zweite: Ich muss ihn nicht mögen, nur weil er wichtig ist und talentiert. Und der dritte: Dass ich nichts mehr müssen muss, ist auch Leuten wie ihm zu danken.

Es ist diese Mein-Name-ist-Heinrich-Villon-und-ich-liebe-Weiber-und-Moral-Großmäuligkeit .

Es ist dieser Ton.

Es ist dieses Mythologisieren des hochbegabten ICH. Es ist dieser Umgang, den der wichtigste deutsche Polit-Barde mit seiner größten Schöpfung pflegt, mit sich. Wie soll einer auch frei bleiben von seinem eigenen Mythos, wenn er ein Stückchen Geschichte gewesen zu sein rechtens in Anspruch nehmen darf. Die Kulturpolitik der Ära Honecker ist geschieden, ist grundverschieden, durch die Zeit vor und nach der Ausbürgerung. Die DDR war ein anderes Land danach. Das hat er nicht gewollt, aber er hat es bewirkt. Ein Talent und ein Charakter.

Biermann ist von den deutschen Sängern der poetischste und von den Poeten der musikalischste. Und er hatte Kraft wie Mut. 1976 durfte er zu einer Tournee in den Westen. Das Fernsehen übertrug – und die DDR schloss knallend die Tür hinter ihm. Fortan war das Land ein anderes. Die neue, vorsichtig liberalisierte Kulturpolitik kollabierte. Die Intellektuellen der DDR waren fortan unterschieden durch den Riss, der durch sie ging, und der Riss hieß Biermann. Wer von den Künstlern die Petitionen gegen die Ausbürgerung unterschrieb und nicht dementierte, der kam in keiner Zeitung mehr vor, in keinem Film, auf keiner Bühne.

Es gibt keinen anderen ostdeutschen Künstler, dessen Name sich so, und rechtens, mit einem Auf- und Umbruch verbindet. Es sind die einstmals Gerechten jedoch schwer zu lieben, wenn sie zu Selbstgerechten geworden sind. .

Doch das Eigentliche eines Künstlers ist sein Werk und Wirken. Also Respekt und Gratulation – mit kaltem Herzen.

 

Henryk Goldberg in Thüringer Allgemeine, 14.11.2011

Bild: ADN-ZB/Grubitzsch/1.12.89/ Leipzig: Biermann-Konzert/ Der Liedermacher, der nach jahrelangen Auftrittsverboten 1976 während einer BRD-Tournee ausgebürgert worden war, trat zum erstenmal wieder in der DDR auf. In der Messehalle 2 wurde er von den etwa 5.000 Besuchern mit einem Beifallsorkan empfangen. (Historische Originalbeschreibung)

CC-BY-SA Bundesarchiv, Bild 183-1989-1201-046 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud

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