Die stummen Laute der Seele

Die Figur des Clowns, den er in die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts beförderte, kommt ursprünglich nicht aus dem Zirkus, dort verkam er nur, meist zum Pausenfüller. Der Clown wurde geboren in der Pantomime und mit seinem Bip schenkte Marcel Marceau ihm Weisheit und Würde. Der am 22. März 1923 geborene Jude, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, hieß eigentlich Mangel. Marceau, das war, im ursprünglichen Sinne des Wortes, sein Nom de Guerre, den er annahm, als er in der Resistance gegen die deutschen Besatzer kämpfte. Er hatte ihn gewählt nach einem erfolgreichen General der französischen Revolution.

Zwei Jahre nach dem Krieg, 24 Jahre alt, schuf er seinen Bip und niemand vermochte zu ahnen, dass diese Figur einmal Teil der kulturellen Ikonographie werden sollte. Dieser Bip mutet an wie der späte Nachfahre des klassischen Weißclowns gebracht auf die Maßgaben eines Mannes, in dessen Leben und Erfahrung weiße Seide kaum vorkommt. Nur das Gesicht ist weiß geblieben. Wie eine reine, unschuldige Leinwand, auf der der Künstler in tiefem Schweigen nach Belieben jeglichen Laut der jubilierenden oder weinenden Seele sichtbar machen können. Ein Bildhauer, der sein eigenes Material ist, aus dem er ephemere Skulpturen formt, Figuren des Glückes und der Trauer, der Hoffnung und der Vergeblichkeit. Die Abstraktion dieser Figuren, deren Form immer die des Clowns Bip blieb, glich der Arbeit des Bildhauers, der dem Stein nur belässt, was wirklich Unverzichtbare scheint. In diesem zarten, zerbrechlichen Männchen Bip offenbarte sich die Würde des Menschen. Sein Schweigen wird fehlen.

Autor: Henryk Goldberg

Text veröffentlicht in Thüringer Allgemeine, September 2007

Marcel Marceau starb am 22. September 2007


The Tango Dancer

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