Stuttgart 21 – Konservatismus und Fortschrittsglaube

Klar geht es in Stuttgart auch ums Geld. Die schwäbische Seele reagiert empfindlich, wenn fünf oder zehn Milliarden Euro für einen neuen Bahnhof ausgegeben werden sollen. Dann muss die volkstümliche Frage „Lohnt sich das eigentlich?“ schon mal erlaubt sein, auch wenn Politik und Vetternwirtschaft diese Frage in gemeinsamer Arroganz an sich abprallen lassen und dabei in unermüdlichem Mantra entweder auf ihre geschönten Zahlen oder auf die eherne Unumkehrbarkeit von Beschlüssen und Verträgen verweisen.

Doch Geldverschwendung, Lobbyismus und Arroganz sind ja nichts Besonderes. Sie sind vielmehr alltägliche demokratische Praxis. Deshalb ist es durchaus verwunderlich, dass ausgerechnet im behaglichen, konservativen Stuttgart die Proteste nicht enden wollen. Das legt die Vermutung nahe, dass im Kampf um den Bahnhof mehr auf dem Spiel steht als nur die ökonomische Vernunft und ökologische Belange wie Grundwasser und alte Platanen im Schlosspark. Es geht ums Prinzip, und das Prinzip ist in unserer Gesellschaft immer noch die Rationalität des Fortschritts, dem spiegelbildlich das konservative Empfinden gegenübersteht. Beide Prinzipien, Konservatismus und Fortschrittsglaube, sind derzeit in der Krise, wie man an der CDU beobachten kann. Kein Wunder, denn sie gehören zusammen, und es sind gerade diejenigen, die sich selbst als konservativ bezeichnen, die besonders hartnäckig die Fortschrittsideologie verteidigen und dabei auf alte Werte pochen. Denn der Fortschritt ist ein besonders alter Wert.

Fortschritt besagt, dass es gut ist, schneller zu sein. Fortschritt lässt sich also bestimmen als ein besonderes Verhältnis zu Raum und Zeit. Fortschritt vernutzt den Raum in Form von Natur, um Zeit zu gewinnen. Aus dem geruhsamen Reisen ist dadurch die rasche Fortbewegung von A nach B geworden. Nicht mehr der Weg ist das Ziel, sondern die pünktliche Ankunft. Doch seltsam: Je schneller wir werden, umso mehr gleichen sich unsere Städte, so dass es eigentlich ganz egal ist, wann und wo wir ankommen. Die Züge haben sich in rollende Büros verwandelt, wo Laptops fiepen und Handys piepsen. Da geht doch jede weitere Beschleunigung von der Arbeitszeit ab! So gesehen sind 5 Milliarden für 5 Minuten Zeitgewinn auf der schwäbischen Eisenbahn geradezu kontraproduktiv.

Wenn eine Supermarktkassiererin wegen einem Euro entlassen werden kann, andererseits aber ein paar Milliarden hin oder her gar keine Rolle spielen, dann will das nicht nur dem Schwaben nicht so recht einleuchten. Der Fortschritt in Gestalt technischer Innovationen hat zwar tatsächlich größeren Wohlstand gebracht, aber der Abstand zwischen Armen und Reichen ist mitgewachsen. Im Stuttgarter Bahnhofsprojekt kulminieren all diese Gegensätze. Der Bahnhof ist ein natürliches Symbol für Beschleunigung. Bahnhöfe waren einmal, zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kathedralen des Fortschritts. Das können sie im 21. Jahrhundert nicht mehr sein, weil die Reise inzwischen in eine andere Richtung gehen muss.

Text: Jörg Magenau

rbb Kulturradio, 20.09.2010

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