Thor Kunkel: Schaumschwester

Von living dolls und anderen Puppen

Eine Betrachung über künstliche Frauenkörper und männliche Perversionen anhand von Thor Kunkels Diskurs-Thriller „Schaumschwester“

Thor Kunkel ist belesen. Das steht außer Frage, nicht erst seit seinem neuen Roman „Schaumschwester“. Thor Kunkel ist aber auch eitel, er liebt den Skandal. Spätestens seit „Endstufe“ sonnt er sich in diesem Ruhm. Er ist der Oskar Roehler des Literaturbetriebs. Kunkel hält in „Schaumschwester“ mit den Früchten seiner Lektüren in keinem Moment hinter dem Berg. Er zitiert, er zitiert unentwegt. Er beruft sich auf bekannte Autoren wie Norman Mailer, Klassiker wie Lessing oder Leonardo da Vinci, aber auch auf weniger bekannte Künstler und Wissenschaftler wie den britischen Elektropop-Pionier Gary Numan oder den Religionsphilosophen Walter Schubart.

Dem Roman sind gleich zwei leitmotivische Zitate vorangestellt, einige Kapitel haben noch mal ein eigenes Motto bekommen. Dabei sind diese Verweise nur die Spitze eines angehäuften Wissens, dass über Pornographie, Sexindustrie, Liebesmüdigkeit, Fetischismus, Perversion, Reproduktion und Geschlechterverhältnisse handelt. Dreh- und Angelpunkt in Kunkels Zukunftsroman aber sind Puppen. Künstliche Frauen. Silikonfrauen, deren Erscheinung den natürlichen weiblichen Körpern täuschend ähnlich nachgebildet ist. Hochgezüchtete Fabrikwesen die von alten und nicht ganz so alten Männern als ihre persönlichen Liebesobjekte gehalten werden. Ein Traum wird wahr: unbeschwerter und reueloser Sex, Geschlechtsverkehr unter Ausschaltung von natürlicher Reproduktion. Die Menschheit ist den Puppen so weit verfallen, dass die Fortpflanzung in den Ländern der westlichen Zivilisation in Gefahr ist. Zwei Detektive werden mit einem Fall von Datendiebstahl beauftragt, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Die Kunden sollen über die Veröffentlichung der Firmen-Dateien öffentlich kompromittiert werden. Der Skandal soll dem Treiben Einhalt gebieten.

Womit wir beim zweiten Teil von Kunkels Verfallenheit an Zitate und Namen wären. Die junge Detektivin Lora, die auf der Spur des geheimen Industriezweigs der Sexpuppen ist, soll praktischerweise noch an ihrer Doktorarbeit mit dem Titel schreiben: „Pygmalionismus im Diskurs der poststrukturalistischen feministischen Dekonstruktionstheorie“. Weil er von dieser Dissertationsschrift so beeindruckt ist, hat Loras Kollege, der Kryptologe Robert C. Kolther, ganze Passagen auswendig gelernt und gibt sie in bester akademischer Terminologie wortwörtlich im Roman wieder. Da fällt der Name des „Alraune“-Regisseurs Hanns-Heinz Evers, der schon in Weimarer Zeit gewusst hat, dass die Puppe „Geschlecht vom Scheitel bis zur Sohle“ sei. Die Doktorarbeit endet in dem programmatischen Satz: „Die Puppe ist die perfekte Chimäre des Eros.“

Ein ähnliches Verfahren verwendet Kunkel bei der Annäherung der beiden Detektive an ihren Gegenspieler, dem mächtigen Sexpuppen-Hersteller Paddy Scheinberg. Kolther zermartert sein angeblich „in Alkohol eingeweichtes Gehirn“ und prompt fallen ihm die Titel aller Werke ein, die Scheinberg während seiner Lehrzeit als Herrgottschnitzer im Giftschrank einer mönchischen Abtei gefunden haben soll: „Angefangen von Ovids >Metamorphosen< , über E.T.A. Hoffmanns >Die Automate< und Hans Bellmers >Die Puppe< bis zu beunruhigenden Werken wie >L’Eve Future< und >Les Poupeés de Kirchenbronn< “.  Natürlich kennt Kunkel auch die Wiener Anekdote um Oskar Kokoschka und  dessen Verfallenheit an eine selbstgeschaffene Puppe nach der traumatischen Trennung von Alma Werfel-Mahler.

Diese Methode der Verbindung von diskursivem mit belletristischem Text ist sehr auffällig und hat Kunkel auch schon Rüffel eingetragen.  So sieht der Kritiker der Süddeutschen Zeitung bei diesen Passagen „unangenehm Bildungshuberisches“ am Werk. Viel schlimmer aber ist, dass der gelehrt-theoretische Überbau in krassem Gegensatz zur kolportagehaften Thriller-Erzählung steht.

Da sind die beiden Detektive, die in Nizza im Auftrag einer europäischen Super-Regierung die Aktionärsversammlung der Synthetischen Wohlfahrt AG ausspähen und deren Chef zur Strecke bringen sollen. Kolther ist der klassische Detektiv amerikanischer Prägung, der eine gescheiterte Ehe hinter sich hat und vom Leben gründlich desillusioniert ist. Lora, die junge, ehrgeizige Kriminal-Psychologin, ist in ebenfalls klassischer Manier mehr Gehilfin denn Partnerin Kolthers. In der entscheidenden Phase ist sie nur noch blendender Fetisch. Lora wird fürs Aktionärsdinner im großen Ballsaal des Grandhotels zur menschlichen Puppe hergerichtet und in einen Rollstuhl verfrachtet. Die einzige Frau unter lauter Chimären von Frauen, die zur Gala hurenhaft entblößt sind. Eine Frau, die bald die geilen Blicke der anderen Männer auf sich zieht. Lora gilt als avantgardistisches Puppen-Modell, weil sie so täuschend lebensecht wirkt wie keine andere.

Wie es sich für einen Thriller gehört, stehen die Ermittlungen unter starken Zeitdruck; ein hypermaskuliner französischer Streifenpolizist verbreitet durch sein permanentes Auftauchen Verunsicherung; ein kahlköpfiger Friseur droht zum Verräter der Mission zu werden; die eigenen Auftraggeber spielen mit gezinkten Karten. Am Ende kehrt sich sogar in einer Actionszene die künstliche Intelligenz einer hoch gezüchteten Puppe gegen Lora. Eine Puppen-Maschine als Schwarze Witwe mit mörderischen Absichten.

Das Phantasma und die  Kolportage verbinden sich nicht mit dem philosophischen Subtext und auch die Krimi-Erzählung ist zu profan, um Sub- und  Metatexte bündeln zu können. Grundsätzlich halte ich eine solche Verbindung von diskursiver philosophischer und phantastischer kolportagehafter Form für zulässig. Das ist kein Sakrileg. Was aber „Schaumschwester“ auf dieser Ebene so unbefriedigend macht, hat mit der Unvermitteltheit und der Ungebrochenheit beider Sphären zu tun. Weder – wie bereits beschrieben – der Thriller noch der Diskurs sind gewitzt genug, um bestehen zu können.

Kunkels Bild von der perversen Verschiebung sexueller Befriedigung auf maschinengleiche Puppen geht von einer klassischen Männer-Frustration aus. Der Mann, dem die moderne, emanzipierte Frau zu anstrengend ist, sucht sich eine Ersatzfrau. Eine, die ihm nicht widerspricht, die ihm treu ergeben ist, und an der er sein Bedürfnis nach öffentlicher Schaustellung ausleben kann. Das ist die futuristische Version des alten Wunschs nach grenzenloser Hörigkeit und immerwährender Verfügbarkeit, wie er heute in den machohaften Phantasien mancher Männer vorhanden ist, die sich in Fernost eine Katalog-Frau holen (und daheim ihr blaues Wunder erleben).

Kunkel pflegt das alte männerzentrierte Sexual-Phantasma. Er könnte sich dabei auf unzählige Beispiele von neuem Puppen-Fetischismus berufen, wie sie im Internet in allen möglichen Ausformungen unterwegs sind. Er ist einer spannenden Perversion auf der Spur, doch er setzt diese Art von Fetischismus, der um die Idealisierung des Ewig-Weiblichen kreist, absolut. Er ignoriert, dass die Postmoderne weniger von der Ausdifferenzierung der Geschlechterunterschiede denn von ihrer Verwischung, wenn nicht gar Leugnung gezeichnet wird. Bereits Freud sprach als Konsequenz dieser fetischistischen Wirklichkeitsleugnung von einer Ich-Spaltung des modernen Subjekts. Oder wie es viel später die Analytikerin Phyllis Greenacre formuliert hat: „Der Fetisch ist deutlich ein bisexuelles Symbol und dient auch als Brücke, die die Geschlechtsunterschiede zugleich verleugnet und bestätigt.“ Bei Kunkel pflegen die Männer die hilflos im Rollstuhl sitzenden Puppen-Frauen über ihren Negativ-Fetischismus hingebungsvoll. Der gekränkte Mann wird in seiner klassischen Beschützerrolle wie in seiner Identität bestärkt. Der willenlosen Puppenfrau sei Dank.

In der zweiten Moderne ist aber eher das Gegenteil der Fall: Der Geschlechtsunterschied wird geleugnet und im nächsten Moment wieder bestätigt. Wunschhafte Projektion siegt über realistische Einsicht. So ergeht es Männern wie Frauen. Das Ergebnis sind bisexuelle Wesen. Phallifizierte Frauen und feminisierte Männer. Oder anders ausgedrückt: männliche Frauen und weibliche Männer, was heißt, dass sich sowohl die einen wie die anderen Bereiche erschließen, die ihnen bisher versagt waren.

Denn wen die strikte Trennung von Mann und Frau, von Subjekt und Objekt, von Herr und Knecht, von oben wie unten verschwindet, dann tritt  die autoerotische, narzisstische Persönlichkeit ins Blickfeld. Der moderne männliche Perverse erschafft sich eine Welt, in der alles ein Spiel ist, in der alle Tabus aufgehoben sind.  So macht sich der Mann selbst zur Puppe, um bei Kunkels Phantasma zu bleiben, und kostet jeden Moment die erregende Vorstellung aus, selbst ein willenloses Objekt zu sein, ein unter Masken verborgenes living doll sozusagen. Erst wenn das sexuelle Spiel der fetischistischen Verführung zu Ende ist, dann kehrt diese männliche Puppe aus dem Reich der imaginären Transformation in den Alltag  zurück.

Zurück zu Kunkel und seiner „Schaumschwester“. Es ist ein entscheidendes Handikap des Romans, dass der Diskurs über moderne Perversionen autoritär allein vom Autor resp. seiner Hauptfigur Kolther geführt wird. Widerspruch oder auch nur abweichende Meinungen sind in diesem Buch nicht vorgesehen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Kunkel wie seine Schöpfungen Kolther und Scheinberg allesamt von der Liebe enttäuschte Männer sind. „Die Liebe kam ihm vor wie eine geschlachtete Sau,“ heißt es über den Detektiv, der sich seit seiner Scheidung von den Frauen grenzenlos übervorteilt fühlt. Er bezeichnet sich selbst als „positiven Melancholiker“ und ist innerlich stärker als ihm lieb ist mit der Position seines Gegenspielers Scheinberg verbunden.

Womit wir bei zwei auffälligen Leerstellen von Kunkels Roman angelangt wären. Für echte Frauen ist kein Platz in dieser phantastischen Welt und auf der anderen Seite steht der millionenfachen Produktion von synthetischen Schaumschwestern kein einziger Schaumbruder gegenüber. Scheinberg, dieser geniale Nachfahrer des Dr. Frankenstein, der bei den weiblichen Androiden Jahr für Jahr verbesserte Automaten vorlegt, soll sich mal an einem männlichen Äquivalent versucht haben, doch er hat es vermurkst. Der Roman wird an dieser Stelle bei der Begründung dieses Fehlschlags ganz dünn und windelweich. Nicht der Schöpfer soll schuld sein, sondern seine Geschöpfe sollen sich gegen diese Zumutung gesperrt haben. Weil die Maschinen es nicht wollten, gibt es keine künstlichen Schaumbrüder. Übersetzen wir diese Roboter-Metaphysik, dann heißt das: Was bereits so individuiert ist wie ein Mann, das lässt sich nicht serienmäßig produzieren, im Gegensatz zu den Frauen, die die Weihen der Individualität nie gehabt haben. Frauen sind per se das fehlerhafte Geschlecht, deren schlechte Eigenschaften durch die moderne Gesellschaft noch forciert worden sind. Emanzipation, der Wille nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung haben laut Roman das Gleichgewicht der Geschlechter durcheinander gebracht und die Männer so verbittert gemacht. Paradigmatisch spricht Frust aus Detektiv Kolther: „Die Diskriminierung der Männer beginnt schon vor der Geburt und setzt sich ein Leben lang fort.“ Hier öffnen sich Einblicke in ein klassisch patriarchalisches Weltbild, dessen Gestrigkeit auch durch einen futuristischen Anstrich der Handlungsebene nicht übertüncht werden kann. Diese Misogynie ist schwer zu ertragen und die kulturpessimistisch raunende Rahmenhandlung, wonach die Menschheit auf dem besten Weg ist, sich und die Natur um die Ecke zu bringen, kommt einem auch sehr vertraut vor. Spengler und Konsorten lassen grüßen.

Um noch einmal auf Kunkels Puppen-Genealogie zurück zu kommen. Dieses Panorama der künstlichen Wesen ist bei aller Breite doch einseitig. Typisch für diese Vereinseitigung auf hilflose Frauenwesen ist eine Auslassung. Für Lara Croft, das berühmte digitale Püppchen auf dem Computerspiel Tomb Raider, ist in „Schaumschwester“ kein Platz und überhaupt werden die digitalen Scheinwelten und die des Internets sträflich missachtet. Bei Kunkel findet Lara Croft, dieses mit Angelina Jolie fleischgewordene androgyne Mischwesen aus kämpferischem Mann und sexy Heldin, nur eine müde Rückübersetzung in die Nebenfigur der Lora. Ein klassischer supporting act, der einen einzigen großen Auftritt hat, wenn die Männer im Ballsaal entdecken, dass sie eine „echte Frau“ ist und diese Entdeckung soll eine Massenpanik auslösen. Der Eintritt ins androgyne Zeitalter findet nicht statt. So erspart sich Kunkel auch die weiterführende Frage, ob in dieser Mischung der Gegensätze von Sex und Gender, von Mann und Frau, etwas Neues sich entwickelt oder ob hinter dieser Maske des Neuen nur wieder alte Muster auftauchen.

Dabei ist eins sicher: So wenig wie die Postmoderne das Ende aller Geschichte ist, so wenig steht an diesem Ende die Wiederherstellung traditioneller Geschlechter-Verhältnisse. Kunkels Menschheitstraum bleibt wohl unerfüllt.


Text: Von Michael André


Thor Kunkel: Schaumschwester

Verlag Matthes und Seitz, Berlin 2010

288 Seiten, Klappenbroschur

ISBN 978-3-88221-690-5

€ 14,80 / CHF 27,50


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„Dreams That Money Can Buy“ (Regie: Hans Richter, USA, 1947;
Soundtrack: The Girl with the Pre-Fabricated Heart)

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