Adam Tooze: Sintflut – Die Neuordnung der Welt 1916–1931

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Woodrow Wilson auf der 100.000-$-Banknote

Die fatale Politik des Zuwartens

„Sintflut“: Adam Toozes Werk zum Ersten Weltkrieg, dem unaufhaltsamen Aufstieg der USA zum Gläubiger der Welt und der zweifelhaften Rolle des Präsidenten Wilson

Adam Toozes jüngstes Werk gelingt ein mindestens dreifaches Kunststück. Vordergründig erzählt „Sintflut“ vom Ersten Weltkrieg und seinen geopolitischen Umwälzungen und Verwerfungen. Dahinter schimmert die Geschichte vom Aufstieg der Vereinigten Staaten zur alles beherrschenden Supermacht auf – von Wilsons 14-Punkte-Plan und seiner Losung vom „Frieden ohne Sieg“ bis zum Hoover-Memorandum von 1931. Kunstvoll verschränkt und überkrönt werden diese beiden Ebenen durch die Schilderung von Leben, Denken und Wirken des Woodrow Wilson, dem 28. Präsidenten der USA, dessen Politik 1919 mit einem Friedensnobelpreis belohnt wurde.

Der demokratische Politiker, dessen Rezeption in Deutschland zwischen Hoffnungsträger und Hassfigur oszillierte, erfährt von Tooze eine Interpretation, die ihn am Ende in einem neuen, deutlich weniger glanzvollen Licht erscheinen lässt. Wilson, ein liberaler Südstaaten-Demokrat, dessen philosophischer Lehrmeister Edmund Burke war und der als Präsident zwischen 1913 und 1921 einen konservativen Liberalismus pflegte, war ein Mann der großen Worte, der dem Slogan vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ zu immenser Popularität und Wirkungsmacht verhalf. Zugleich war er aber auch ein Mann, der seinen Worten häufig keine Taten folgen ließ, sie als Hülsen liegen ließ. Mit seiner Politik des Zuwartens stieß er nicht nur die ehemaligen Gegner der Mittelmächte in Versailles und den Pariser Vorortverträgen vor den Kopf. Auch bei seinen Entente-Verbündeten eckte Wilson mit Drohungen und abweichenden Meinungen immer wieder an. Im Krieg, weil er lange Zeit eine strikte Neutralitätspolitik verfolgte; dann als langersehnter Verbündeter Frankreichs und Englands, dessen erhoffte militärische Verstärkung aber auf sich warten ließ; nach dem Waffenstillstand, als er sich weigerte, bei seiner Europareise die vom Kriegsgeschehen und von der deutschen Heerespolitik der „verbrannten Erde“ verwüsteten französischen Nordprovinzen zu besuchen; Und nach einmalin den Zwischenkriegsjahren, als sich die USA aus dem von ihnen selbst angeregten Völkerbund heraushielten und sich mit der Rolle der unsichtbar anwesenden Übermacht begnügten. Verzweifelt sprach ein englischer Publizist damals von den USA als dem „Gespenst, der uns ständig verfolgte.“

Aber diese Politik des Wilsonschen Attentismus als Schwäche auszulegen, wäre grundfalsch. Tooze, Lehrstuhlinhaber in Cambridge und mittlerweile in Yale gelandet, sieht bei Wilson und seinen republikanischen Nachfolgern bei allen weltanschaulichen Unterschieden doch einen gleichbleibenden Grundantrieb: „Der ‚Revolution’ in Europa und Asien … musste man ihren Lauf nehmen lassen.“ Die USA wollten die distanzierten Beobachter und stillen Nutznießer eines progressiven und liberalen Transformationsprojekts sein, an dessen Ende „Frieden zwischen den Großmächten, Abrüstung, Handel, Fortschritt, Technologie und Kommunikation“ stehen sollten. Diese Überzeugung stützte sich auf mächtige ökonomische Fakten. Nach dem Ersten Weltkrieg waren bis auf die amerikanische alle anderen Volkswirtschaften in ihren Grundfesten erschüttert. Die Hauptverbündeten England und Frankreich standen bei amerikanischen Banken tief in der Kreide, Nordamerika war der Gläubiger der Alten Welt, die amerikanische Rüstungsindustrie konnte – wenn sie es denn wollte – alle anderen Flotten in den Schatten stellen. Und das besiegte wilhelminische Deutschland war nach Versailles bis zum Sankt Nimmerleinstag mit Reparationsleistungen beschäftigt. Die in Wilsons Augen schwachen Erben der Weimarer Zeit sollten froh sein, ihre nationale Souveränität mit kleinen Einschränkungen behalten zu haben.

Der Glaube an die Unerschütterlichkeit der eigenen Position kam den USA peu à peu in den Dreißiger Jahren abhanden. Erst die Weltwirtschaftskrise im eigenen Land, eine weltweite Konjunkturkrise, dazu die erst schleichende, dann manifeste Machtergreifung der Faschisten in Europa. Eine Bewegung, die bei allen Unterschieden doch ein gemeinsames politisches Grundziel hatte: Die mühsam ausgehandelte neue Weltordnung samt Völkerband zum Teufel zu schicken.

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Wilson (ganz rechts) in Paris während der Friedensgespräche, Mai 1919

Es ist ein großes Verdienst des Buchs von Adam Tooze, das jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt, den Ersten Weltkrieg als Folie zu begreifen, auf dem sich für kurze Zeit ein erstes „amerikanisches Zeitalter“ ausbilden konnte. Minutiös, geduldig und mit weiter Perspektive zeichnet er diese Entwicklungen bis in ihre Verästelungen und verwirrenden Widersprüchlichkeiten aus. Toozes Blick ist nicht euro- oder us-zentrisch, er hat die Entwicklungen in Indien, Japan, China immer mit im Blick. Für die Erklärung der „Sintflut“, die zwischen 1914 und 1918 erst über Europa, dann über die Welt hereinbrach, werden weniger militärgeschichtliche denn sozial- , partei- und wirtschaftspolitische Quellen herangezogen. Der Schuldendienst, den England und Frankreich an der Wallstreet vorzugsweise bei J.P. Morgan anhäuften, spielt ebenso eine Rolle wie der sprunghafte Anstieg der Arbeitslosigkeit im England der Nachkriegszeit. Das ist alles mit Grafiken und Tabellen eindrucksvoll unterfüttert.

 

Und was ist mit von der Sintflut der vom Krieg entwurzelten Seelen?

Das titelgebende biblische Wort Sintflut ist nicht der assoziativen Phantasie des Autors entsprungen. Er hat es sich geborgt aus einer Rede des englischen Premierministers Lloyd George, der Ende 1915 vor schottischen Munitionsarbeitern in Glasgow eine Brandrede zur Motivation der murrenden Massen hielt. Darin heißt es an einer Stelle: Dieser Krieg „ist die Sintflut, er ist ein Aufbäumen der Natur… und bringt beispiellose Veränderungen im gesellschaftlichen und industriellen Gefüge mit sich. Er ist ein Zyklon, der die Zierpflanzen der modernen Gesellschaft samt Wurzel ausreißt.“

Eine metaphernstarke Rede, die an etwas rührt, ohne dass Lloyd George weiter dem Gedanken nachhängt, was die Existenz entwurzelter Menschen bedeuten könnte. Rückblickend gesprochen: Es ist nicht beim mörderischen Stellungskrieg vor Verdun geblieben, dem totalen U-Bootkrieg, dem millionenfachen Sterben an allen Fronten, den Hunger-Epidemien – vor allem in Deutschland. Auch der Verweis auf die unendliche Vernichtung von materiellem Reichtum für alle Parteien reicht nicht aus, um die Spätfolgen dieses Kriegs zu erklären. Tatsächlich haben auch die Seelen der Überlebenden dauerhaft Schaden genommen. Die Erschütterungen in den Subjekten hallten nach, als die letzten Kanonen längst verstummt waren. Die Verkrüppelungen der Psyche, wie sie Ernst Jünger in seiner Feier des Kriegs als Fest Ausdruck gibt, spielen bei Tooze keine Rolle. Bei aller Weit- und Weltläufigkeit ist er zu sehr Ökonom und Historiker, um bei dieser Gelegenheit eine Mentalitätsgeschichte mitzuschreiben und zu bedenken. Dabei könnte erst der Rückgriff auf eine tiefenpsychologische Verfasstheit der Nachkriegsmenschen verschiedenster Nationen wirklich befriedigend erklären, warum Wilson und seine Nachfolger sich mit ihrer ökonomistischen Weltanschauung so grässlich irrten. Die Dinge haben sich eben nicht von allein zum Besseren gewendet. Das politisch-ideologische Loch, dass die Amerikaner nach dem Ersten Weltkrieg gelassen haben, füllten Radikalismen aller Art ersatzhalber aus. Warum das so und nicht anders gekommen ist, und wie die mentale Verfasstheit der handelnden Personen aussahen, interessiert Adam Tooze nicht weiter. Ein kleiner Schönheitsfehler in einem ansonsten überwältigenden Buch.

Michael André

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Covwr © Siedler

 

Sintflut

von Adam Tooze,

aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, Thomas Pfeiffer

720 Seiten

Verlag: Siedler

Bestellnummer: 978-3-88680-928-8

Preis: 34,99 €

 

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