Matthias Waechter: Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert

Die heilige Einheit der Nation als Allheilmittel

Von Clemenceaus „Union sacrée“ bis zu Macrons „En Marche“-Bewegung.

Matthias Waechter legt eine eindrucksvolle Untersuchung zur „Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert“ vor.

Charles de Gaulle und Philippe Pétain: zwei Antipoden in der jüngeren Geschichte Frankreichs, wie man sie schärfer nicht zeichnen könnte. Hier der unbeirrbare General, der selbst in der Stunde der tiefsten Erniedrigung der Nation den Mut hat, als Einzelner den Deutschen die Stirn zu bieten und aus dem Londoner Exil den Widerstand gegen die NS-Besatzer zu organisieren. Dort der greise Marschall, der seine Popularität aus dem Ersten Weltkrieg nutzt und nach der militärischen Niederlage von 1940 für die nächsten vier Jahre zur fatalen Symbolfigur eines Marionettenregime im provinziellen Badeort Vichy wird. Diese Lesart von Geschichte in Gut und Schlecht handelnde Personen sich zu eigen zu machen, hieße einem Mythos aufsitzen. Ein Mythos, der sich innerhalb wie außerhalb Frankreichs nach wie vor großer Beliebtheit erfreut, und der seine Ursprünge in der Propaganda und Selbstdarstellung der Résistance wie der Kollaboration hat. Faktenreich und überzeugend plädiert der deutsche, in Nizza lehrende Historiker Matthias Waechter in seinem Maßstäbe setzenden Buch „Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert“ für einen anderen Blick auf de Gaulle wie Pétain: „Beide Führungsgestalten verkörperten nur auf unterschiedliche Weise den französischen Patriotismus in Zeiten äußerer Gefährdung.“ Mit dieser Auflösung eines scheinbar unaufhebbaren Antagonismus liefert Waechter einen Schlüssel zum besseren Verständnis eines Staates, der für seine Nachbarn – ganz besonders Deutschland – immer beneidete politische Avantgarde bildete, zugleich aber in seinem arroganten Gefühl eines Exzeptionalismus gesellschaftlich sich selbst blockierte.

Beide, der General de Gaulle wie der um eine Generation ältere Marschall Pétain, waren scharfe Kritiker der Dritten Französischen Republik. Sie war in ihren Augen gleichbedeutend mit endlosem parlamentarischen Parteiengezänk, häufig wechselnden Regierungen und immer neuen Skandalen. Sie war unfähig, soziale Gegensätze zu überbrücken und einen zunehmend krisenhaften Kapitalismus zu beherrschen. Selbst auf die außenpolitische Bedrohung durch eine expansionsgeile NS-Diktatur reagierte die „Republik der Rechtsanwälte“ unzureichend. Das Heilmittel gegen die Krankheit einer inneren Zersetzung und des nationalen Dissens sollte eine Neuauflage der „Union sacrée“ sein, wie sie zuletzt der französische Kriegspremier Georges Clemenceau mit großem Erfolg praktiziert hatte. Der brachte 1917 alle „parteilichen Spaltungen zum Schweigen“ und schwor gleichzeitig die Nation auf einen unerbittlichen Kampf bis zum siegreichen Ende ein.

Als Retter in der Stunde größter Not verstanden sich auch die beiden Militärs, wobei die Rezepte, die sie dem Land zu seiner Rettung auferlegten, dann doch sehr unterschiedlich waren. Bei den Franzosen siegte im Chaos von 1940 der schlichte Wunsch nach Überleben, der sie die Tragweite der Entscheidung für den neuen Staatspräsidenten Pétain gar nicht richtig erkennen ließ. Tatsächlich war Vichy die bürgerliche Revanche für die sozialistische Volksfront von 1936. Mit Pétain und seinen heterogenen Gefolgsleute – darunter junge Technokraten wie kommunistische Konvertiten – kam zum ersten Mal in der französischen Geschichte die extreme Rechte an die Macht, und (wie Waechter weiterschreibt) „ergriff man die Gelegenheit, endlich gegen die Bürger vorzugehen, die man schon immer für den Niedergang Frankreichs verantwortlich gemacht hatte“: Juden, Freimaurer und naturalisierte Immigranten. Die Entrechtung einzelner Gruppen vollzog sich dabei mit anfänglich breiter Zustimmung. Frankreich bestand im Sommer 1940 – so der von Waechter zitierte französische Autor Henri Amouroux – aus einem Volk von „40 Millionen Pétainisten“.

Die „Union sacrée“ ist aber eine zwiespältige Waffe. Immer wieder wird sie in Krisensituationen beschworen, immer wieder setzt sie ungeahnte Triebkräfte und Emotionen frei. Sie wirkt tatsächlich, aber ihre politische Haltbarkeit ist von begrenzter Dauer. Immer wieder zerschellte sie an Widersprüchen, die rhetorisch als nicht mehr existent erklärt wurden, tatsächlich aber fortwährten. So ist es Clemenceau nach dem Frieden von Versailles ergangen, als er vor den heillos überzogenen Erwartungen der Nation resignierte. So ist es Pétains État Français ergangen, dem die deutsche militärische Niederlage in der Sowjetunion und an allen anderen Fronten wie seine zunehmende Selbst-Auslieferung an die Besatzungsmacht zum Verhängnis wurden. Mit der allgemeinen Enttäuschung erstarkte die innere wie äußere Résistance.

Schnelle Ernüchterung ist auch dem Befreier de Gaulle nicht erspart geblieben. Mit der Vierten Republik, die ein Stück weit auch Frucht seiner Arbeit war, wollte er nichts zu tun haben. Er sah in ihr die Wiederauflage der verachteten Dritten Republik. Als neuer Präsident war er nicht bereit, sich in das Hamsterrad eines ermüdenden Parlamentarismus zu begeben und begründete seinen Rückzug mit einem Satz, der Sendungsbewusstsein wie Hybris verrät: „Man kann sich doch Jeanne d’Arc nicht verheiratet, als Mutter einer Familie, und, wer weiß, betrogen von ihrem Ehemann vorstellen.“

Erst als Frankreich sich nach dem Militärputsch von Algier 1958 heillos in koloniale Unabhängigkeitskämpfe verstrickte, war die Zeit reif für die neue, Fünfte Republik. Die trug de Gaulles Bedürfnis nach autoritärer präsidialer Machtfülle Rechnung und hielt mindestens ein Jahrzehnt lang. Der Wunsch nach einem französischen Sonderweg, einer Stellung jenseits der amerikanisch-kapitalistischen und russisch-kommunistischen Blöcke war ein Stück weit in Erfüllung gegangen.

Der bislang letzte französische Politiker, der sich wie auf eine klassenübergreifende Sammlungsbewegung berufen kann, ist Emmanuel Macron. Sein Gestus, als charismatischer Einzelner mit dem Volk ins Gespräch zu kommen, erinnert unübersehbar an das große Vorbild de Gaulle. Aber über das Gelingen dieses Versuchs und den Bestand seiner „En Marche“-Mehrheit ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Im Moment ist im Parlament der „Front National“, der sich als historischer Erbe von Vichy empfinden darf, als einzig fundamentale Opposition übriggeblieben, während die (kommunistische) Linke sich selbst dissoziiert hat. Gefährlicher für die Macht sind da schon neue Sammelbecken nach wie vor vorhandener Massen-Unzufriedenheit, wie zuletzt die Gelbwesten-Bewegung.

Mit Macron und Marie Le Pen sind wir aber schon tief im 21. Jahrhundert. Es ist als würden wir – unter veränderten europäischen Vorzeichen – eine Wiederauflage des alten Kulturkampfs aus der Zeit der Dreyfus-Affäre erleben. Damals wie heute: das eine Frankreich gegen das andere Frankreich, Paris gegen die Provinz, die Republik gegen ihre Verächter. Wer verkörpert das wahre Frankreich? Wer kann sich zu Recht als Erbe der Jungfrau von Orleans fühlen?

Matthias Waechter, der in Anlehnung an den Freiburger Zeithistoriker Ulrich Herbert von einem „langen 20. Jahrhundert“ spricht und mit seiner historischen Studie bereits in den Jahren nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 einsetzt, geht nicht so weit, auch noch die Jetztzeit zum Gegenstand seiner Untersuchung zu machen. Die Gegenwart wird nur noch im Ausblick gestreift. Dabei legen deren Konfliktfelder nahe zu glauben, dass die ideologischen Kämpfe der Vergangenheit immer noch andauern.

Die Dreyfus-Affäre endete 1906 bekanntlich mit einem Sieg der Republikaner, die sich mehr denn je als Vollstrecker der Großen Französischen Revolution empfanden und die Ideale von Gleichheit, naturgegebenen Menschenrechten und Laizität, also der strikten Trennung von Staat und Kirche, als staatsideologische Monstranz hochhielten. Gleichzeitig lebten sie aber mit dem schreienden Widerspruch, mit ihrer Herrschaftspraxis im ständig wachsenden Kolonialreich und ihrer Bündnispolitik mit dem despotischen Zarenreich ständig gegen diese hehren Ideen zu verstoßen. Den französischen Frauen das Wahlrecht lange Zeit vorzuenthalten, rundet dieses Bild partieller Blindheit nur ab.

Wie keine andere Partei verkörpern die Radikalsozialisten, deren Politiker die Dritte Republik maßgeblich bestimmten, diesen fundamentalen Widerspruch. Radikal war diese Partei nur in der Verfolgung republikanischer Ideen, die sich glänzend mit den imperialistischen Zielen der Nation in Afrika und Indochina verbinden ließen. Durch Ausdehnung der Kolonien – so die Herrschaftslehre – würde gleichzeitig das Gebiet der Zivilisation wachsen. Die Zauberworte für die Bewohner dieser Länder hießen erst Assimilierung, später wandelte sich das in Assoziierung an das Mutterland. Erst die kleine kommunistische Partei scherte aus diesem nationalen permissiven Einverständnis aus, als sie sich nach dem Ersten Weltkrieg im Rifkabylen-Krieg auf die Seite des Rebellenführers Abd-el-Krim schlug. Aber es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis Frankreich mehrheitlich bereit war, von Algerien als dem Herzstück seiner Kolonien Abschied zu nehmen.

 

Matthias Waechter hat ein über 600 Seiten langes Werk vorgelegt, das überzeugend und anschaulich die jüngere Geschichte eines Landes analysiert, dessen Bevölkerung noch nach dem Zweiten Weltkrieg primär von der Landwirtschaft lebte. Ein „Volk der Bauern“, dessen Hauptstadt Paris ein eigenes Leben führte und nicht zufällig lange Zeit als Kultur-Hauptstadt der Welt galt und ein Land, das nur mäßig industrialisiert war. Waechter zeichnet dieses Bild dieser ungleichzeitigen Gesellschaft in ihren politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen, setzt aber auch immer wieder Schlaglichter durch Querschnitte auf besondere Jahre, Personen und Ereignisse, die Vergleiche zu anderen Ländern erlauben. Geschrieben ist das Ganze in einem elegant-wissenschaftlichen Stil, der nicht zu prätentiös, andererseits aber auch fern von einem anbiedernden, journalistischen Jargon ist. Es dürfte spannend sein zu erleben, welche Resonanz dieses Buch in Frankreich erfährt und ob ein französischer Verlag sich findet, der bereit ist, eine übersetzte Fassung herauszubringen. Verdient hätte es dieses Buch, das in kritischer Sympathie die Geschichte eines Landes verfolgt, das seinem Autor zur zweiten Heimat geworden ist.

Michael André

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Cover | © C.H. Beck

Matthias Waechter

Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert

C.H. Beck Verlag, München 2019

608 Seiten

Hardcover 34 Euro

e-book 28,99 Euro

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