Tilman Spengler: Waghalsiger Versuch, in der Luft zu kleben

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Ein Leben zwischen Wahrheit und Fälschung

Tilman Spengler widmet seinem Freund, dem Maler Jörg Immendorff einen pietätvollen, nicht unironischen kleinen Roman: „Waghalsiger Versuch, in der Luft zu kleben“

„Privat war er ebenso maßlos und drängend in seiner Sexualität und dem Drogenkonsum, selbst nachdem er seine junge Frau Oda Jaune geheiratet hatte und noch einmal Vater wurde.“

Der diese Zeilen über den Maler Jörg Immendorff geschrieben hat, ist nicht etwa ein böser Feind des 2007 an der tückischen Nervenkrankheit ALS verstorbenen Düsseldorfer Künstlers. Weit gefehlt. Der Autor dieser intimen Preisgaben nennt sich einen engen Vertrauten, der im Glauben an Wundertherapien die privaten Exzesse des erkrankten Freundes mit immer neuen finanziellen Vorschüssen ermöglicht haben will. Helge Achenbach schreibt in seinem vor gerade mal zwei Jahren veröffentlichten Buch „Der Kunstanstifter. Vom Sammeln und Jagen“ so rückhaltlos offen über die Kunstszene und seine nicht unwichtige Rolle in dieser Welt, dass selbst eine ansonsten gewogene Rezensentin in der „Rheinischen Post“ ahnungsvoll unkt: „Bleibt abzuwarten, ob sich nicht bald schon einer der Betroffenen mit Enthüllungen über Helge Achenbach revanchiert.“

Seitdem ist viel geschehen. Das Imperium hat tatsächlich zurückgeschlagen und den gestern noch so stolzen Kunstberater Achenbach tief, ganz tief stürzen lassen. Der Mann sitzt auf Jahr und Tag im Gefängnis, er ist bankrott, seine eigene Kunstsammlung nach einer großen Volksauktion in alle Winde zerstreut und seine Reputation als Händler und Sachverständiger ist restlos zerstört. Das Dickicht des internationalen Kunsthandels hat sich für einen Moment aufgehellt und auf offener Lichtung einen Star von gestern als Kadaver zurückgelassen.

Achenbach ist es ungleich schlimmer ergangen als seinem Klienten Jörg Immendorff, der 2003 nach einer Drogenparty mit neun Prostituierten in einem Düsseldorfer Luxushotel aufgeflogen war. Nicht mal die Schwafeleien vom Künstler, der nun mal seinen „Orientalismus“ ausleben müsse, sind ihm letztlich zum Verhängnis geworden. Anders als Achenbach konnte er beim Prozesses die mitleidige öffentliche Meinung auf seine Seite ziehen und seine Erklärung, bei der vermeintlichen Orgie habe es sich in Wahrheit um eine künstlerische Inszenierung gehandelt, fand schlussendlich moralisches Gefallen und juristisches Gehör. Was nebenbei auch zeigt, in welchen Untiefen Teile der Kunst mittlerweile gelandet sind.

Bezeichnend für die gesellschaftliche Ächtung, die dem Schwindler und Betrüger Achenbach jetzt entgegenschlägt, ist auch, dass weder seine Person noch sein Name irgendeine Erwähnung in der jüngsten Veröffentlichung über seinen einstigen Freund Immendorff findet. Tilman Spengler, Mit-Herausgeber des alten „Kursbuch“, hat ein Buch veröffentlicht mit dem wunderbar schwebenden Titel „Waghalsiger Versuch, in der Luft zu kleben“. Das Buch nennt sich Roman, es könnte aber genauso gut als literarische Biographie Jörg Immendorffs durchgehen. In 15 Stationen hangelt sich Spengler durch ein aufregendes, gerade mal 61 Jahre als gewordenes Leben. Von der Totenfeier in der Alten Nationalgalerie im Juni 2007 bis zur Taufe 1946 in der Dorfkirche zu Bleckede. Mit Zwischenstationen in Sankt Petersburg und Shanghai und Erinnerungen an durchzechte Nächte im Ratinger Hof in Düsseldorf oder eine Kunst-Aktion mit Klaus Staeck in Heidelberg. Ein Leben, in umgekehrter Chronologie erzählt, mit bewussten Auslassungen und dezenten Andeutungen geschrieben, mit Ausflügen ins Phantastische und zeitweiliger Beschwörung von lebenden und längst verstorbenen Kunst-Größen: Baselitz und Lüpertz, aber auch Max Ernst und Max Beckmann. Oder der Schriftsteller Jean Paul und der Philosoph Arthur Schopenhauer. Und immer wieder Beuys, Beuys, Beuys. Lauter Olympier unter sich.

© Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Köln ud New York

Anders als Achenbach, der seinen Erinnerungen an Immendorff und viele andere in einer präpotenten Ich-Form geschrieben hat, begnügt sich Spengler mit der Rolle des stillen Beobachters. Er ist stets dabei, aber er drängt sich nicht in der Vordergrund, tritt nicht offen als Dialogpartner, gar als Widersacher des streitbaren, sprunghaften Immendorff auf. Allenfalls lässt er diesen Part andere übernehmen. Etwa Altkanzler Gerhard Schröder, der sich auf Staatsreisen stets von einem Tross von Künstlern begleiten ließ. Mit dabei in Georgien, aber auch in China: Der Maler Jörg Immendorff (und auch der gelernte Sinologe Tilman Spengler). Reisen verbindet, heißt es. Mit großen Nachhall in diesem Fall: Nach seiner Abwahl als Regierungschef erwählte Schröder Immendorff als seinen staatlich bestellten Porträtmaler, reiste zur Vorstellung des Werks eigens nach Düsseldorf ins Atelier des damals schon schwerkranken Malers, und kommentierte das Bild mit dem Schröder-typischen Satz: „Das ist ja ein Ding.“ Die FAZ urteilte mit mehr Sinn für Film- und Popkultur: „Goldfinger im Kanzleramt“.

Und Spengler? Bleibt auch hier in ironisch-ehrfurchtsvoller Distanz, nutzt aber die Gelegenheit, um sich mit Immendorffs Bestiarium auseinander zu setzen. Zwei Affen haben nämlich auf Schröders Schultern Platz gefunden und Spengler adelt sie mit folgender Erklärung: „Dieses Motiv des Affen, der sich stets ins Geschehen einmischt, es durch Verzerrung auf den eigentlichen Begriff bringt, der den Pinsel hält wie ein Teufel seinen Spieß, ist eine der verlässlichsten Konstanten im Werk von Immendorff, fast ein Prägestempel.“

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Affenskulptur von Jörg Immendorff, GAP 15, vor den Restaurants Monkey’s South und Monkey’s West. (Kürschner gemeinfrei)

Nicht alle teilen diese Meinung. Der Künstler als Affe, das hat auch etwas vom Hofnarren, Gaukler und Hochstapler an sich. Über die Affenliebe des Malers kam es auch zur Entfremdung mit seinem langjährigen, von Spengler geradezu in den Himmel gehobenen Galeristen Michael Werner. Da schlug die Stunde des Helge Achenbach, der sich Immendorffs und seiner Affen annahm. Später war der Markt mit Affen-Skulpturen überschwemmt. Wilde Gerüchte über die Zustände im Atelier des schwerkranken Meisters machten die Runde.

Nichts von solch menschlichen oder gar kriminellen Regungen und Bewegungen bei Tilman Spengler. Der beschäftigt sich lieber mit grundsätzlichen Fragen nach dem Verstehen und von Kunst. Immendorff lässt er im Prolog einen weisen Satz sagen: „Denn nur, wenn man beim Betrachten, beim Hören oder meinetwegen auch beim Lesen eines Werks der Kunst nicht an Kunst denken muss, und zwar keine einzige, nicht mal den Bruchteil einer Sekunde lang, dann begreift man Kunst.“ Nur, wie oft stellt sich dieser Idealfall ein? Und wenn nicht, woran liegt es dann? An der Ausgedachtheit / Banalität des Kunstwerks oder an der Begriffsstutzigkeit seines Rezipienten?

Die Frage nach der noch verbliebenen Sprengkraft von Kunst stellt sich auch Spengler. Mit einer leeren Schachtel, an den Fuß gebunden, ums Parlament zu latschen, wie es Immendorff zu Bonner Zeiten gemacht hat, erregte damals als Kunstaktion Aufsehen. Heute bringt es einen eher in den Verdacht, ein verkappter Selbstmordattentäter zu sein. Spengler kommt über die Trauer über den Verlust leider nicht zu dem Punkt, dass der Kapitalismus, so er denn nicht selbst eine einzige Provokation ist, fortwährend neue Provokationen braucht, um am Leben zu leben. Wobei die Schwelle der Erregung höher und höher wird. Aber hier stößt nicht nur der einstige Gefühls-Maoist Immendorff an seine Grenzen, hier steht auch die von Spengler gewählte Form der kurzen Episoden im Weg.

Das schönste Kapitelchen ist eins, das weder Spengler noch Immendorf aus bewusstem, eigenen Erleben kennen können. Bei der Schilderung von Immendorffs Taufe handelt es sich um ein Erinnern aus zweiter Hand. Vielleicht ist der Text gerade deswegen literarisch auch so farbig und gelungen. Vom hartnäckig plärrenden Säugling in der Kirche geht es zum Kelch, der dem Superintendenten scheppernd zu Boden fällt, zum Sperber, der daraufhin erschreckt die Reste eines Tauben-Kadavers auf den Täufling fallen lässt, bis zum Danaer-Geschenk dreier britischer Offiziere. Die haben in aller Naivität als „Geschenk ihrer Majestät“ Messingleuchter zweifelhafter Herkunft mitgebracht. Bis zum Kriegsende dienten die Leuchter zu neuheidnischen Weihefesten. Jetzt sind die Runen der Waffen-SS durch christliche Zeichen ersetzt und passen ganz harmlos zum neuen, alten Zeitgeist. Kommentar Immendorff: „Man kann ruhig sagen, dass schon am Anfang eine Fälschung stand“. Um es mit des Malers Lieblingswort zu sagen: „Korrekt“. Und wunderbar vieldeutig obendrein. Wobei der nicht unbegründete Verdacht besteht, dass auch diese Episode wieder eine Fälschung und die Wahrheit viel banaler ist.

Michael André

 

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Tilman Spengler: Waghalsiger Versuch, in der Luft zu kleben

Roman, 160 Seiten Leinen

berlin Verlag

ISBN: 978-3-8270-1295-1

€ 18,00 [D], € 18,50 [A], sFr 24,50

Hardcover

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