Die Wiederkehr des Salons

Nicht nur Neo-Konservative, auch Filmfeministinnen haben den klassischen Ort bürgerlicher Debattenkultur für sich wiederentdeckt – Daraus spricht eine verbreitete Ernüchterung über moderne Öffentlichkeit und ihre engen intellektuellen Grenzen

„Ein intellektueller Zirkel, ein Debattiersalon, ist in linken und bürgerlichen Milieus anerkannte Praxis des politischen Lebens. Dass Konservativ-Bürgerliche und Vertreter der Neuen Rechten aber auf diese Weise in Kontakt kommen – das gab es bislang nicht.“ Diese Zeilen des Erstaunens finden sich im Aufmacher der jüngsten „Zeit“. Das Hamburger Blatt stellt Gedanken an über neue Konservativität, ihre Protagonisten (durchweg weiß und meist männlich), ihre Biographien, ihre Beweggründe. Anlass des Interesses ist eine Gruppe, die sich vor Monaten rund um den Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski zusammengefunden hat und die jetzt öffentliches Aufsehen erregte, als sie sich in einer „Gemeinsamen Erklärung“ gegen die „Beschädigung Deutschlands durch illegale Masseneinwanderung“ wandte und Solidarität für „friedliche Proteste“ zur Wiederherstellung „rechtsstaatlicher Ordnung an unseren Grenzen“ bekundete. Das saß.

Auf Seiten der traditionellen Linken sah das „Neue Deutschland“ gleich eine „Achse der Neuen Rechten“ aufziehen, liberale Medien stocherten in der Distinktion zwischen friedlichem und gewalttätigem Protest herum, natürlich nur, um die Unmöglichkeit einer solchen Trennung festzustellen, andere wiederum nahmen Anstoß an der in der Tat auffälligen Heterogenität der Gruppe, die von einem Krawalljournalisten wie Matthias Matussek bis zu einem Michael Klonovsky, dem persönlichen Referenten von Alexander Gauland reicht. Überhaupt finden sich hier viele Menschen mit unfreiwillig abgebrochenen Karrieren wie die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld oder der innerhalb der SPD zum Paria gewordene frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin. Zynisch könnte man bei manchen Namen auch von einem Aufstand des Gestern gegen das Heute und die nachfolgende Generation sprechen.

Aber: Wird das der Sache gerecht? Erledigt sich damit die Dringlichkeit des Anliegens? Und ist damit eine Erklärung für dieses rudelhafte Coming-out gefunden? Ist es nicht umgekehrt so, dass das Grummeln in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft sich damit zum ersten Mal klar und pointiert artikuliert hat? Ein Grummeln, das erst der AfD in den Bundestag verholfen hat, das aber weit über das klassische Wählerpotential der klassischen Rechten hinausgeht. Sollte gar Frank Böckelmann, Herausgeber des kulturkonservativen Magazins „Tumult“, recht haben, wenn er behauptet, der „neue Geist im Land weht rechts?“ Oder ist das nur „wishful thinking“, mit dem eine letztlich doch marginale Gruppe von „has beens“ medial nach Aufmerksamkeit schreit? Ein kleiner Moment des Zeitgeists, der bekanntlich mal so und mal so ausschaut?

Ein Humboldt-Universitätsprofessor wird als Mittelpunkt eines migrationskritischen Salons ausgemacht. Doch dieser Intellektuelle steht mit seiner Leidenschaft für den Salon nicht allein. Für das linke Online-Magazin Telepolis veranstaltet Florian Rötzer seit einiger Zeit Salons mit wechselnden Gästen, im Gorki-Theater hat Jakob Augstein regelmäßig seinen „Freitag“-Salon mit einem prominenten Besucher. Dabei benutzen beide Medien einen modisch gewordenen Namen und sind bei rechtem Licht besehen doch eher Talkshows im neuen Gewand. Praktischerweise ist „radioeins“ gleich mit von der Partie.

Ein Salon als klassisch-bürgerliche Veranstaltung findet sich dafür auf filmfeministischer Seite. Frauen verschiedener Generationen, die sich über die Lobbygruppe Pro Quote Regie kennengelernt haben, treffen sich seit ein paar Monaten informell.

Die Analogien zwischen beiden Gruppen stechen ins Auge: Gäste, nur geladene Gäste, sind zugelassen. Man trifft sich in einem privaten oder semi-privaten Raum, es gibt eine mehr oder minder feststehende Agenda, und man/frau trifft sich in regelmäßigen Abständen. Bei den Frauen ist der Zirkel so klein und exklusiv gehalten, dass als Versammlungsort das Wohnzimmer in einer Altbauwohnung im Berliner Westen reicht. Beim neu-rechten Salon sind es Räume in Bibliotheken in Osten und auch Westen Berlins. Hier muss sich um die Organisationsabläufe eine eigene Untergruppe kümmern, darunter ein Essay-Redakteur aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Bei den Frauen läuft das bescheidener ab. Hier reicht eine der Salonièren, um die Termine der Teilnehmerinnen zu koordinieren.

Was die Neu-Rechten mit den Film-Feministinnen bei der Gründung ihrer Gesprächskreise darüber hinaus verbindet, ist der bewusste Rückzug ins Private. Baberowskis Begründung gegenüber der „Zeit“ lautet: „Ein Kreis, in dem sich Menschen sehr unterschiedlicher Couleur treffen, auch bekannter Publizisten und Schriftsteller. Man kann seine Meinung offen und ohne Konsequenzen sagen, es ist ein Schutzraum, wie ich ihn in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit seit Jahren vermisse.“ Baberowki fühlt sich wohl als gebranntes Kind, seitdem er sich 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle und der politischen Euphorie in einem FAZ-Zeitungsbeitrag aus der Deckung wagte und für seine öffentlich geäußerte Kritik an einer ungesteuerten Einwanderungspolitik kräftig abgewatscht wurde.  

Das Wort „Schutzraum“ würde die gastgebende Feministin übernehmen und aus dem Kern ihrer Gründungrede klingt ebenfalls Ernüchterung über moderne Öffentlichkeit und deren Grenzen. Es gehe darum, gemeinsam über offene Fragen nachzudenken, ohne sofort in Abgrenzungskämpfe zu verfallen. Mit Ergebnissen könne man zwar an die Öffentlichkeit gehen, aber in der Öffentlichkeit nachzudenken sei heute schwer. Sie beklagt sich über eine „hysterisch aufgeheizte, aber wenig kenntnisreiche Debattenkultur“. Für das Reden und Nachdenken über politische Zusammenhänge und Machtfragen, die nur zu oft auch Geschlechterfragen sind und die sich immer neu positionieren müssen, bleiben im großen institutionellen Rahmen systemisch zu wenig Zeit.

Wo ein Meinungsbeitrag in einer Qualitätszeitung kontraproduktiv wird oder wenn Veranstaltungen im großen Saal vor vielen leeren Plätzen stattfinden, da ist der Rückzug in den Salon naheliegend. Was in Berlin, der neuen, alten Hauptstadt, wo alle, die auf sich halten, sowieso sind, ein logistisch einfaches Spiel ist. Der Salon, eine Institution der klassischen bürgerlichen Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts, feiert im Zeitalter der digitalen Gesellschaft sein Comeback.

Bei Baberowski & Co, als Wiederauflage der deutschen Tischgesellschaft. Nicht zufällig wird zum Abschluss jedes Treffens Essen gereicht. Die Feministinnen knüpfen eher an den literarischen französischen Salon an, wo Damen der höchsten Gesellschaft den Ton angeben. Auf die Gegenwart bezogen: Professorinnen, Künstlerinnen, Publizistinnen als Nachfahren der adeligen Damen. Und zu essen gibt es nichts.  

Die Ernüchterung über Formen und Rituale moderner Öffentlichkeit, von der bereits mehrfach die Rede war, wird für jeden verständlich, der jemals einer Filmpremieren-Veranstaltung beigewohnt hat und die Peinlichkeit der zum Finale obligatorischen Publikumsfragen erlebt hat. Keiner will kritisch inhaltlich reden, dazu ist man viel zu gut erzogen oder hat Angst sich zu blamieren. Niemand will als Nestbeschmutzer dastehen, keiner will als ewiger Nörgler abgestempelt werden. Am Ende steht das große Schweigen, bis dann die allfällige Frage nach den Kosten, der Höhe des Budgets kommt. Fragen, die innerlich ein großes Gähnen auslösen und die jedes Presseheft beantworten könnte. Die Rituale der freundlichen Falschheit erreichen ihren Höhepunkt, wenn jeder jeden erwähnt und gelobt hat, und der Moderator seine Gäste und das Publikum zu einem „zwanglosen Gespräch“ beim Imbiss oder Büffet einlädt. Diese Zerrform von Party endet, wie sie begonnen hat: In Belanglosigkeiten, von Krach und Musik übertönt. Und am nächsten Morgen steht der Frust über vergeudete Lebenszeit.

Das massenhafte Scheitern von moderner Öffentlichkeit bleibt mittlerweile nicht mehr ohne Konsequenz. Es führt zur Ausbildung neuer, kleiner Parallelgesellschaften. Die sind in diesem Fall mal nicht von ethnischen Zugehörigkeiten oder tribalen Verpflichtungen bestimmt, haben nichts oder nur wenig mit Migrationszusammenhängen zu tun. Sie kommen quasi vom anderen Ende der Gesellschaft. Von seinen Eliten, die an der Massengesellschaft verzweifeln und keinen anderen Ausweg sehen, als zu bestimmten Terminen unter sich zu bleiben. Um Fragen von Sinnhaftigkeit stellen und beantworten zu können, die im Rahmen einer Party bestenfalls angerissen werden, aber dann im allgemeinen Palaver untergehen.

Der Salon, wie wir ihn in neuen Formen erleben, ist aber auch ein Gegenstück zur zwanghaft-fröhlichen Teamarbeit innerhalb von Konzernen und Agenturen. Gruppenarbeit, die trotz aller gegenteiligen Behauptungen immer auch unter dem Diktat der Erhöhung von Marktanteilen, Selbstoptimierung und Ausbeutung des eigenen Gebrauchswerts stehen. Ganz zu schweigen von Think Tanks, die aus lauter „unabhängigen“ Fachleuten kompiliert werden, die für diese Zusatzarbeit bestens bezahlt werden, und doch nur Geistesarbeit im Auftrag staatlicher oder privater Macht leisten. Der Salon ist eine Art innere Kündigung von all diesen Verpflichtungen. Aus ihm spricht ein kategorialer Vertrauensverlust gegenüber der Massendemokratie und ihren Einrichtungen, die alle diktiert sind von chronischer Kurzatmigkeit und grenzenlosem Pragmatismus.

Der Salon als Ort des Rückzugs wie der Besinnung findet derweil im Netz unendlich viele imaginäre Äquivalente. Foren, die bei aller Unterschiedlichkeit der Interessengebiete und ihrer Zugangsmöglichkeiten doch vor allem eines sind: Resonanzräume, in denen mehr oder minder Gleichgesinnte sich austauschen. Resonanzräume, die aber immer auch Gefahr laufen, zu bloßen Echokammern zu werden, in denen sich eben diese Gleichgesinnten in ihren Ansichten und Vorurteilen wechselseitig befeuern und immunisieren gegen deviante Meinungen. Die Unverschämtheiten und Beleidigungen, die unter dem Schutz von Anonymität ausgetauscht werden, sind dabei nur die hässliche Spitze dieses Phänomens.

Im Salon treffen sich alle Beteiligten dagegen mit offenem Visier und ihre Klarnamen sind allseits bekannt. Das mindert die Lust am ungehemmten Schimpfen und Mosern. Das zwingt zu zivilisierten Umgangsformen. Baberowski sieht in der Heterogenität bei der Zusammensetzung seines Zirkels ein existenzielles Überlebensmittel: „Wenn sich Intellektuelle treffen, die immer nur einer Meinung sind, dann macht ein Gesprächskreis keinen Sinn.“ Wobei dieses Bekenntnis zum Meinungspluralismus unterschlägt, dass innerhalb der Gruppe zumindest ein grundlegender Konsens herrscht. Der macht sich an der weiterhin schwärenden Wunde der deutschen Migrationspolitik fest, die spätestens mit der nächsten Flüchtlingswelle zu einer gesellschaftlichen Zerreißprobe führt.

Und bei den Filmfrauen? Auch sie laden sich Fachverstand von außerhalb ein. Da wird die Medienforscherin aus Rostock zum Vortrag gebeten, anhand von Statistiken zu belegen, inwieweit das wenige Fördergeld, das in Regisseurinnen investiert wird, weit höhere Erträge bringt als das, was die vielen männliche Kollegen ausgeben dürfen. Was die politische Zielsetzung angeht, so ist sie ziemlich unproblematisch. Da besteht Einigkeit in der Forderung, wonach 50 Prozent der Produktionsmittel in Frauenhand übergehen sollen. Urteilt man nach den Absichtserklärungen der Berliner Politik, sollten die Salonièrinnen ein leichteres Spiel haben. Mit ihrem Postulat stehen sie weit im Zentrum der politischen Tagesordnung, wogegen die Neu-Rechten sich erst auf den Weg machen und sich noch in einem Wald voller Fallstricke und Hindernisse bewegen.  

Michael André  

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