Montag, 11. August 2008

Senga Bay am Malawisee

Die Frau im Reisebüro schaut mich fragend an: Ein Flug von Blantyre im Süden nach Mzuzu im Norden? Die Verbindung ist doch längst gestrichen worden nach DEM Flugzeugabsturz. Das sagt sie mit einem Unterton, der mich erkennen lässt, dass dieses Unglück wohl vor nicht allzu langer Zeit Malawi beschäftigt haben muss. Da ich bis vor wenigen Wochen aber nicht mal Malawi kannte, habe ich natürlich auch nicht mitbekommen, dass Air Malawi eines seiner wenigen Flugzeuge bei einem Absturz verloren hat. Das heißt: Inlandsflüge gibt es nicht mehr. Damit habe ich auch keine Möglichkeit, zeitsparend in den Norden zu fliegen. Den Plan, Cape McClear und Zomba zu besuchen, muss ich über den Haufen werfen.

Das genähte Fenster des Minibusses gibt einen Vorgeschmack auf die Qualität der Fahrt nach Senga Bay.

Das genähte Fenster des Minibusses gibt einen Vorgeschmack auf die Qualität der Fahrt nach Senga Bay.

Ich verabschiede mich in der Mufasa Lodge und schleppe mein Gepäck zum Shoprite-Supermarkt. Von hier aus fahren Minibusse in alle Teile des Landes. Mein Ziel ist Senga Bay am Malawisee. Hätte ich ein eigenes Auto, würde die Fahrt dorthin weniger als eine Stunde dauern. Doch ich setze auf die günstigen Minibusse. Zweimal Umsteigen inklusive.

Zwei Weisheiten in einem Bild:  „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“ und „God is the Answer“.

Zwei Weisheiten in einem Bild: „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“ und „God is the Answer“.

Die erste Etappe kostet 100 Kwacha und führt mich in einen Vortort von Lilongwe, vorbei an großen Hallen für Tabakauktionen und dem mit deutscher Entwicklungshilfe gebauten gigantischen zentralen Getreidesilo Malawis. Im nächsten Minibus verschwindet mein Koffer im Heck des klapprigen Gefährts. Die Hintertür ist nur durch ein Seil gesichert, sodass ich mir ernsthaft Sorgen um mein Gepäck mache. Zum Glück schleppt ein anderer Fahrgast eine große Gasflasche an. Die nimmt nun den Platz meines Koffers ein. Mein Eigentum wird hinter den Fahrersitz geklemmt. Das raubt mir zwar die Beinfreiheit, aber jetzt ist der Koffer wenigstens wieder in meinem Blickfeld.

Nach einer halben Stunde ist der Bus voll besetzt. Wir rasen über die gut ausgebaute Straße Richtung Salima. Die längste Etappe meiner heutigen Tour kostet 580 Kwacha. Aus den Lautsprechern dröhnen afrikanische Rhythmen, mein Blick schweift über eine dünn besiedelte Savanne mit Dörfern aus schlichten Rundhütten. 85 Prozent aller Malawis leben bis heute in solchen Unterkünften. Wann immer wir anhalten, um Fahrgäste aussteigen zu lassen und neue Passagiere aufzunehmen, wird der Bus von einer Menschentraube umlagert. Bauern bieten Kohlköpfe oder gegrillte Maiskolben an.

Um 12.15 Uhr erreichen wir den Busbahnhof von Salima. Gleich drei Busfahrer kämpfen um meine Gunst, damit sie mich bis Senga Bay fahren dürfen. Ich entscheide mich für den Minibus, der am wenigsten kaputt ist. Die Seitenscheiben bestehen aus mit Draht genähten Glastrümmern und sehen aus wie Frankensteins Monster. Ich bin angenehm überrascht, dass die 200 Kwacha teure Fahrt schon bald beginnt, obwohl der Bus nicht mal zur Hälfte besetzt ist. Doch ich freue mich zu früh. Keine zehn Minuten später halten wir an. Wir stehen 50 Minuten, bis auch der letzte Quadratzentimeter mit Passagieren und Frachtgut ausgestopft ist. Minibusse in Malawi sind der perfekte Beweis dafür, dass „voll“ ein relativer Begriff ist. Es geht immer noch voller. Links sitze ich halb auf einem Soldaten in Uniform, rechts bin ich ans genähte Fenster und an einen Benzinkanister gequetscht. Mein Koffer liegt zu zwei Dritteln auf meinen Beinen und zu einem Drittel auf dem rechten Bein des Soldaten. Rucksack, Kamera und Fototasche suchen sich drumherum ihre Nischen. Ich will hier raus!

Doch die eigentlich kurze Fahrt zieht sich weiter in die Länge. Der Bus macht alle paar hundert Meter schlapp. Mal ist der Tank leer und muss mit ein paar Tropfen aufgefüllt werden, wofür der Kanister zu meiner Linken zum Einsatz kommt. Mal bricht die Technik wegen Altersschwäche zusammen, weshalb sich stets eine Mannschaft zusammenfindet, die den Schrotthaufen anschieben muss. Ich würde helfen, wäre ich nicht dermaßen eingekeilt.

Einziger Hoffnungsschimmer: Der Fahrer erklärt sich bereit, mich in Senga Bay direkt bis vor die Tür von Carolina’s Lakeshore Resort zu fahren. So kann ich mir das Umsteigen in ein Taxi und vermutlich auch Geld sparen. Den Fahrpreis von 200 Kwacha müsse er deshalb unwesentlich anheben. Ich verstehe „Two Five“ und werte das als 250 Kwacha, weshalb ich sofort einwillige.

Autor Michael Scholten beim (vergeblichen) Kräftemessen mit Einheimischen in Senga Bay.

Autor Michael Scholten beim (vergeblichen) Kräftemessen mit Einheimischen in Senga Bay.

Salute! Der Sohn eines Fischers treibt Späße vor der Kamera.

Salute! Der Sohn eines Fischers treibt Späße vor der Kamera.

An der Hauptstraße von Senga Bay steigen die anderen Passagiere aus. Bevor der Fahrer in Richtung Carolina’s abbiegt, verlangt er Vorauskasse. Ich halte ihm die 250 Kwacha entgegen, doch er schüttelt den Kopf. Wir hätten 2500 Kwacha vereinbart. Ich werde laut und aufbrausend, frage den Ausbeuter, für wie blöd er mich eigentlich hält und steige aus. Er sagt, wir können doch handeln und wie viel ich denn zu zahlen bereit sei. Doch ich verhandele nicht mit ihm, werfe ihm stattdessen alle Flüche und Kraftausdrücke an den Kopf, die ich jemals auf Englisch gelernt habe, und brülle ihm entgegen, dass ich lieber zu Fuß gehe.

Blöderweise ist Carolina’s Lakeshore Resort drei Kilometer entfernt und nur über eine Piste aus feinem grauen Sand zu erreichen. Mein Koffer hinterlässt eine tiefe Spur. Sofort bin ich von einheimischen Herren umgeben, die mir anbieten, gegen Geld meinen Koffer zu tragen oder gegen mehr Geld mein Reiseleiter in den nächsten Tagen zu sein.

Die beiden Brüder Jack und Alexander sind die hartnäckigsten und lassen sich nicht abschütteln. Jack, der seine geografisch völlig deplazierte Rastafrisur unter einer bunten Strickmütze verbirgt und eine dicke Sonnenbrille trägt, offeriert mir nebenbei noch die Malereien eines weiteren Bruders. Nein, danke. Die kann ich generell nicht gebrauchen. Und schon gar nicht, wenn ich 30 Kilogramm Gepäck durch die staubige Steppe schleppe.

Früher ein Stall, heute eine getünchte Backpackerunterkunft: das „Cool Runnings“ in Senga Bay.

Früher ein Stall, heute eine getünchte Backpackerunterkunft: das „Cool Runnings“ in Senga Bay.

Zum Glück erblicke ich ein Schild, das zu einer anderen Lodge weist. Das „Cool Runnings“ ist nur 500 Meter entfernt und könnte meine Rettung sein. Jack und Alexander führen mich hin. Ich bekomme problemlos eine Schlafstätte. Und was für eine! Der Raum mit zwei Betten befindet sich in einem weiß getünchten Stall, die Duschen und Toiletten sind direkt gegenüber. Das Ganze kostet nur 1000 Kwacha pro Nacht. 4,40 Euro!

Das karge Holzboot ist für den Ausflug auf dem Malawisee gerüstet.

Das karge Holzboot ist für den Ausflug auf dem Malawisee gerüstet.

Leider finden morgen keine organisierten Gruppentouren statt, denen ich mich günstig anschließen könnte. Also gehe ich zurück zu den wartenden Brüdern Jack und Alexander. Wir vereinbaren eine Bootsfahrt auf dem Malawisee, den Besuch zweier Fischerdörfer inklusive Mittagessen und eine Bergtour in den Senga Hills. Kostenpunkt: 50 Euro zuzüglich Trinkgeld in Kwacha, wenn ich mit allem zufrieden bin. Ich schieße 2000 Kwacha vor, damit sie Fisch fürs Mittagessen und Benzin fürs Boot kaufen können.

Aufgereihte Fischerboote am Strand von Senga Bay am Malawi See.

Aufgereihte Fischerboote am Strand von Senga Bay am Malawi See.

Endlich am Ziel: Vor mir liegt der Malawisee. Ich kann kaum glauben, dass es sich wirklich um einen See und nicht um einen Ozean handelt. Mit einer Länge von 560 Kilometern und einer Breite von durchschnittlich 50 Kilometern ist er der drittgrößte See Afrikas. Gleich drei Staaten grenzen an die 126.500 Quadratkilometer große Wasserfläche: Malawi, Tansania und Mosambik. Weil Senga Bay an einer der engsten Stellen des Sees liegt, sind die Berge am mosambikanischen Ufer mit bloßem Auge zu sehen.

Ich gehe den hellen Sandstrand entlang, den sich die Backpacker-Lodges, Luxushotels und Fischerdörfer teilen. Überall stehen die bunten Holzboote der Fischer am Ufer, mit denen sie morgens und teilweise auch nachts auf den See herausfahren. Es ergeben sich viele Gespräche mit den einheimischen Fischern, Souvenirhändlern und Gruppen von Kindern, die Erdnüsse verkaufen oder sich einfach nur vor meiner Kamera in Pose werfen wollen. Nach dem Stress der heutigen Anreise genieße ich die friedliche Atmosphäre am Malawisee.

Der Kot der Kormorane hat die Felsen von Lizard Island weiß gefärbt.

Der Kot der Kormorane hat die Felsen von Lizard Island weiß gefärbt.

Das Rauschen der Wellen und die frische Luft machen mich so müde, dass ich am Abend überraschend früh einschlafe. Wohl behütet unter dem Moskitonetz.

Dienstag, 12. August 2008

Senga Bay am Malawisee

Jack und Alexander stehen pünktlich um neun Uhr am Strand vor meiner Lodge. Wir durchqueren ein Fischerdorf, in dem winzige Fische zum Trocknen ausliegen und viele fleißige Hände die Netze für den nächsten Fang flicken. Gleich zwölf Männer sind nötig, um unser Holzboot vom Strand ins Wasser zu schieben. Die Wellen sind heute Morgen recht stark, sodass wir immer wieder Richtung Küste getrieben werden. Es vergeht keine Minute, bis ich klatschnass bin, weil sich die Wassermassen ungehindert ihren Weg ins Boot bahnen. Mit Muskel- und Motorenkraft nähern wir uns Lizard Island, einer kleinen, vorgelagerten Insel, deren runde Felsen schneeweiß sind. Nicht von Natur aus, sondern weil die Unmengen der dort lebenden Kormorane und Seeadler jeden Quadratzentimeter vollgeschissen haben. So hebt sich auch ein mächtiger Leguan besonders gut von dem weißen Untergrund ab. Ich befürchte, er muss sein ganzes Leben auf dem winzigen Eiland fristen, doch Jack und Alexander belehren mich, dass diese Echsen gute Schwimmer sind.

Auf Lizard Island erbauten deutsche Entwicklungshelfer einst einen Leuchtturm. Seit sie fort sind, leuchtet er nicht mehr, und die Insel gehört wieder den Tieren.

Auf Lizard Island erbauten deutsche Entwicklungshelfer einst einen Leuchtturm. Seit sie fort sind, leuchtet er nicht mehr, und die Insel gehört wieder den Tieren.

Zum Glück ist der Wellengang vor der Insel nicht so stark wie vor dem Festland. So können wir sicher aus dem Boot klettern und Lizard Island erkunden. Dabei ist Vorsicht geboten. Denn in dem Urwald-ähnlichen Miniwald gibt es viele „Buffalo Beens“, die wie Hölle auf der Haut brennen, wenn man sie berührt. Die steilen Felsformationen sind für einen Nicht-Kletterer wie mich auch nicht gerade das Paradies. Vor allem nicht, wenn man eine knapp geschnittene neue Jeans aus Mosambik trägt. Ich hätte meine alte weite Jeans doch nicht so voreilig an den Taxifahrer in Lilongwe verschenken sollen.

Die Insel verfügt über einen kleinen Leuchtturm, den deutsche Entwicklungshelfer gebaut haben, als sie zwischen 1968 und 1977 den Menschen in dieser Region Nachhilfe in Sachen Landwirtschaft gaben. Die Deutschen sind lange weg. Seither funktioniert auch der Leuchtturm nicht mehr. Jack erzählt mir, dass auch die wenigen Versorgungsschiffe auf dem Malawisee nicht ohne deutsche Hilfe auskommen. Wenn eines der Motorschiffe kaputt ist, werden Fachkräfte aus Deutschland eingeflogen, die den Motor wieder in Gang bringen.

Die Brüder Jack (links) und Alexander mit Autor Michael Scholten auf dem „Gipfel“ von Lizard Island.

Die Brüder Jack (links) und Alexander mit Autor Michael Scholten auf dem „Gipfel“ von Lizard Island.

Was für ein Zufall, dass Jack wieder bunte Gemälde seines Bruders im Gepäck hat. Wohl wissend, dass ich von der Insel nicht fliehen kann, breitet er sie auf einem Felsen aus. Ich bitte ihn, die Verkaufsveranstaltung auf das Ende der Tour zu verschieben. Dann werde ich, falls der Preis stimmt, eventuell etwas kaufen.

Im Moment interessiert mich das kristallklare Wasser des Malawisees zu meinen Füßen einfach mehr. Mit bloßem Auge kann ich bis auf den Grund schauen und erblicke eine Vielzahl bunter Fische. Das Gewässer ist für seinen Artenreichtum an maulbrütenden Buntbarschen bekannt. Sie werden im See gefangen und an viele europäische Aquarien und Fischhändler geliefert. Wissenschaftler haben mehr als tausend Arten des tropischen „Cichild“-Frischwasserfisches gezählt und entdecken ständig weitere Arten.

Die Händler aus dem benachbarten Mosambik kommen per Schiff mit ihren Waren nach Malawi.

Die Händler aus dem benachbarten Mosambik kommen per Schiff mit ihren Waren nach Malawi.

Wir steigen wieder ins Boot und umrunden die Insel. Aus der Ferne rückt ein vollbeladener Holzkahn immer näher an uns heran. Er kommt aus Mosambik und transportiert eine Vielzahl von Händlern, die ihre Ware in Malawi verkaufen wollen und auf der Rückfahrt vor allem Gemüse aus Malawi mit nach Mosambik nehmen. Jede Tour kostet 3000 Kwacha und macht den Besitzer des Fährunternehmens zu einem reichen Mann. Seine Villa steht in Senga Bay und konkurriert mit den stattlichen Anwesen diverser geschäftstreibender Inder und den Hotels und Lodges, die vorwiegend von europäischen Einwanderern betrieben werden. Darunter auch viele Deutsche, Belgier und Holländer, die allesamt mit Frauen aus Malawi verheiratet sind.

Die Angehörigen der Reiseführer Jack und Alexander sehnen das Mittagessen herbei.

Die Angehörigen der Reiseführer Jack und Alexander sehnen das Mittagessen herbei.

Zum Mittagessen im Fischerdorf, gibt es Chambo, einen Buntbarsch, zubereitet von Jacks und Alexanders Schwester. Der Fisch ist schon gestern gegrillt worden und entsprechend kalt, weshalb ich den warmen Reis und die warmen Bohnen bevorzuge. Beides schmeckt sehr gut, aber ich kann unmöglich die große Portion verdrücken, die sich auf meinem Teller zu einem großen Berg formiert. „Fischer müssen viel essen, weil sie schwer arbeiten“, erklärt mir Jack. Draußen vor der Hütte löffeln Jacks kleine Nichten genüsslich ihren Reis und ihre Bohnen.

Wir erkunden das Dorf und besuchen zunächst das Wesentliche: private Brauereien und Schapsbrennereien. Überall dampft und kocht es, überall dröhnt Musik aus den Lautsprechern. Laut Alexander ist das ein Erkennungszeichen dafür, dass in diesem Haus selbst gebrannter Schnaps angeboten wird. Er soll 65 Prozent enthalten, was man ihm durch bloßes Riechen nicht anmerkt. Wohl aber durchs Trinken, was mit Vorliebe daheim oder auch  in „Marley’s Night Club“ um die Ecke geschieht.

Deutsche Entwicklungshelfer hinterließen nach ihrem Rückzug im Jahr 1977 mehrere Häuser, eine Bar und einen Tennisplatz.

Deutsche Entwicklungshelfer hinterließen nach ihrem Rückzug im Jahr 1977 mehrere Häuser, eine Bar und einen Tennisplatz.

Jack kann es nicht lassen: Er bringt mich zu seinem Bruder, der vor seinem Haus gerade weitere Bilder malt. Ich muss nichts kaufen. Soll nur mal schauen. Ich blase schnell zum Aufbruch. Wir besichtigen ein strandnahes Viertel mit auffallend guten Steinhäusern. Hier wohnten von 1968 bis 1977 die deutschen Entwicklungshelfer, die dank Tennisplätzen und Bar mit Strandblick auch die schönen Seiten des Lebens zu genießen wussten. Heute ist auf der eingezäunten Anlage das „Agricultural Development Department“ untergebracht. Eine steinerne Gedenktafel mit der Aufschrift „Malawi Germany 1968-1977“ erinnert an die früheren Hausherren. Ich möchte ein Foto davon machen, doch der Pförtner bittet mich um ein wenig Geduld. Er muss zunächst bei höherer Stelle eine Genehmigung einholen.

Ich nicke das ab, denke aber mit deutscher Überheblichkeit: „Deutschland hat das alles hier bezahlt, da werde ich ja wohl ein Foto machen dürfen.“ Ich muss schmunzeln, als der Pförtner zurückkehrt und sagt: „Sie dürfen so viele Fotos machen, wie Sie wollen. Immerhin gehört das alles ja den Deutschen.“

Zwei Jungs posieren vor dem Zentrum des Nachtlebens von Senga Bay: Marleys Club.

Zwei Jungs posieren vor dem Zentrum des Nachtlebens von Senga Bay: Marleys Club.

Jack, Alexander und ich gehen über den kleinen Markt und laufen auf der Hauptstraße in Richtung Nankhumba Hill. Dessen Gipfel in 375 Meter Höhe ist nach einer halben Stunde erklommen. Ich blicke aus der Vogelperspektive auf Senga Bay.

Blick auf Senga Bay und den Malawi See vom 375 Meter hohen Nankhumba Hill.

Blick auf Senga Bay und den Malawi See vom 375 Meter hohen Nankhumba Hill.

Wir besuchen ein weiteres Fischerdorf, das weit weniger an Touristen gewöhnt ist als das erste Dorf am Morgen. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die Kinder völlig fotoverrückt sind. Es sind so viele, dass ich irgendwann mit Jacks Hilfe dazu übergehen muss, sie in Kleingruppen aufzuteilen. Mütter kommen herbeigelaufen und halten ihre Babys vor die Kamera. Mit jedem Motiv, das sie auf dem Monitor der Kamera erblicken, steigt der Stolz.

Ein Fischerdorf am Fuße des Nankhumba Hills.

Ein Fischerdorf am Fuße des Nankhumba Hills.

Eine fotoverrückte Fischersfrau sorgt dafür, dass ihr Baby abgelichtet wird.

Eine fotoverrückte Fischersfrau sorgt dafür, dass ihr Baby abgelichtet wird.

Die Tagestour ist beendet. Jack habe ich auf den letzten Metern nicht mehr gesehen, Alexander begleitet mich zurück zur Lodge. Meine Vermutung, dass Jack gerade die gemalten Bilder seines Bruders holt, bewahrheitet sich. Einmal mehr breitet er die bunte Pracht aus. Vor dem Hintergrund, dass ich den beiden Brüdern nicht nur 50 Euro gebe, sondern auch die gestrigen 2000 Kwacha Vorschuss als Trinkgeld überlasse, biete ich maximal 500 Kwacha für ein kleines Bild. Jack will unbedingt 200 mehr haben, nachdem er anfangs völlig überzogene 3500 Kwacha gefordert hat. Ich erkläre ihm, dass ich das Bild wirklich nicht brauche und es allenfalls aus Höflichkeit nehme. Und zwar für 500 Kwacha. Wir werden nicht handelseinig. Ich bin froh, als Alexander sich mit Handschlag bei mir verabschiedet und so den unwürdigen Verkaufsverhandlungen seines Bruders ein Ende setzt.

Eine Videothek in Senga Bay bewirbt vor allem die echten Männerfilme.

Eine Videothek in Senga Bay bewirbt vor allem die echten Männerfilme.

Ich ziehe mich kurz in mein Zimmer zurück, bevor ich am Abend den Sonnenuntergang am Malawisee fotografieren will. Doch kaum liege ich auf dem Bett, schlafe ich ein. Die Kraxelei und der starke Seegang haben mich hundemüde gemacht. Erst drei Stunden später, als im Nachbarzimmer drei lautstarke Holländerinnen einziehen, werde ich aus dem Tiefschlaf gerissen. Ich nutze die kurze Wachphase, um mich in einem Buch aus der Lodge-Bücherei in die Geschichte des Malawisees einzulesen. Er wird auch „Kalendersee“ genannt, weil er 365 Meilen lang, bis zu 52 Meilen breit ist und von zwölf Hauptflüssen mit Wasser beliefert wird. Zahlen, die an die 365 Tage, 52 Wochen und 12 Monate eines Kalenderjahres erinnern.

Mittwoch, 13. August 2008

Senga Bay am Malawisee

Ich muss innerhalb der „Cool Runnings“-Lodge umziehen. Mein Zimmer ist ab heute anderweitig vermietet. Meine Ersatzbleibe für 2000 Kwacha pro Nacht ist vermutlich die coolste auf der ganzen Anlage: ein alter Campingbus. Allerdings ohne Bus. Denn es handelt sich nur um den aufsetzbaren Wohnbereich, der gemeinhin auf einen Pick-up geschnallt wird.

Wohnen auf der Anlage von „Cool Runnings“: Links das neue Heim des Autors, rechts das Afrika-Gefährt des Esslinger Architektenpaares Bruno und Ursula.

Wohnen auf der Anlage von „Cool Runnings“: Links das neue Heim des Autors, rechts das Afrika-Gefährt des Esslinger Architektenpaares Bruno und Ursula.

Zwischen Küchenbank und Küchenzeile steht ein kleiner Tisch. Ich stelle meinen Laptop darauf, fertig ist mein Büro. Ich muss dringend schreiben und die neuesten Fotos brennen.

Der Arbeitstag endet um 14.30 Uhr. Ich mache einen Spaziergang zum Livingstonia Beach Hotel. Es ist die feinste Adresse von Senga Bay. Unterwegs wiederholt sich gebetsmühlenartig das ewig gleiche Schauspiel. Händler fragen: „Wie geht’s? Woher kommst du? Wie heißt du?“ Natürlich nur, um dann etwas verkaufen zu wollen. Kinder kommen schneller zur Sache: „Give me money!“ Ich habe die Schnauze voll.

Der Pool ist nicht der einzige Luxus im mondänen Livingstonia Beach Hotel.

Der Pool ist nicht der einzige Luxus im mondänen Livingstonia Beach Hotel.

Zwei weiße Eingangstore zum Livingstonia Beach Hotel trennen die Armen von den Reichen. Das erste Tor ist unbewacht, am zweiten steht Wachpersonal in Uniform. Einen Moment lang denke ich, mein Spaziergang endet hier. Doch einmal mehr erweist sich meine weiße Hautfarbe als „Sesam, öffne dich“. Der Wachmann öffnet das Tor, ohne nach meinem Zimmerschlüssel zu fragen, und wünscht mir einen schönen Tag.

Das Nobelhotel mit seinen strahlend weißen Fassaden im Kolonialstil wirkt wie eine Kampfansage gegen die Armut. Alles ist edel, perfekt und porentief rein. Das Wasser im Pool ist noch klarer als im Malawisee, der englische Rasen wird gerade noch glatter gemäht, der geharkte Privatstrand wirkt wie aus dem Ei gepellt. Auf der Terrasse lassen sich Europäer und Inder vom schwarzen Personal bedienen. Für 120 US Dollar pro Nacht ist hier jeder König. Ich würde gern das Internet im kleinen Business Center gegenüber der Rezeption nutzen, habe aber Sorge, mich dadurch als Nicht-Gast zu outen. Also gehe ich nach kurzer Fotosafari im Luxusreich wieder zurück in den armen Alltag jenseits der weiß getünchten Schutzmauern.

Am Tor fängt mich ein weiterer Händler ab: „Wie geht’s? Woher kommst du? Wie heißt du?“ Ich beglückwünsche ihn ironisch dazu, dass er der einhunderttausendste Mensch ist, der mir auf meiner bislang 13 Monate langen Weltreise diese Fragen gestellt hat. Ob mir Malawi denn nicht gefalle, will er wissen. Doch. Aber ich versuche ihm zu erklären, dass ich es einfach hasse, wenn mich schon zweijährige Kinder anbetteln. Er hält das für ganz normal, immerhin sei „Hello, give me money“ das offizielle Lied Afrikas.

Überflüssigerweise mache ich mir die Mühe, ihm erklären zu wollen, dass die Kinder diese Bettelei von den Erwachsenen abschauen und in einem Lebensmodell aufwachsen, nachdem Geld nicht erarbeitet werden muss, sondern von Touristen und Entwicklungshelfern verschenkt wird. Ferner bete ich einmal mehr meinen Text herunter, dass ich viel zu lang auf Reisen bin, um in jedem Land Souvenirs einzukaufen, die nur meinen Koffer füllen und hinterher eh nicht gebraucht werden. Ich hätte mir jedes Wort sparen können. „Hier ist mein Shop“, erklärt mir der junge Mann. Nur gucken! Ich gehe wortlos weiter.

Sonnenaufgang über dem Malawisee, Afrikas drittgrößtem See.

Sonnenaufgang über dem Malawisee, Afrikas drittgrößtem See.

Neben meinem Caravan steht ein Toyota Pick-up mit angebautem Zelt. Der Wagen hat ein deutsches Kennzeichen: ES – AF 2005. Mich packt die Neugier. Ich besuche die Besitzer, die nebenan beim Abendessen sitzen. Ursula und Bruno kommen aus Esslingen, sind Architekten und reisen seit 2005 mit dem Wagen durch Afrika. Deshalb auch das Kennzeichen: AF für Afrika und 2005 für das Startjahr ihres Abenteuers, dessen Ende offen ist. Wir tauschen bis ein Uhr nachts Reiseerfahrungen aus, bekämpfen parallel die immer größer werdende Mückenplage und teilen unsere Enttäuschung über die negativen Begleiterscheinungen des Tourismus in Malawi: bettelnde Kinder, britische Sexreisende und herumlungernde selbst ernannte Reiseleiter, die dummen Westlern an einem Tag mehr Geld abknöpfen, als ihre hart arbeitenden Väter und Großväter als Fischer in mehreren Monaten verdienen.

Die Nachtfischer kehren in den frühen Morgenstunden zurück an den Strand.

Die Nachtfischer kehren in den frühen Morgenstunden zurück an den Strand.

Donnerstag, 14. August 2008

Senga Bay und Nkhata Bay

Manchmal funktioniert mein Hirn ein wenig langsam. Zwei Abende lang habe ich mich gefragt, wie die tollen Aufnahmen vom Sonnenuntergang über dem Malawisee entstanden sind, die ich in Reisebüchern und Werbekatalogen sehen kann. Wenn mein Blick auf den See gerichtet ist, steht die Sonne abends immer hinter mir. Erst in der letzten Nacht kam die Erleuchtung: Die besagten Fotos müssen beim Sonnenaufgang entstanden sein.

Vier Paraffinlampen reichen den Nachtfischern zur Orientierung und Arbeit in der Dunkelheit.

Vier Paraffinlampen reichen den Nachtfischern zur Orientierung und Arbeit in der Dunkelheit.

Die Dorfgemeinschaft versammelt sich bei Sonnenaufgang am Strand, um die heimkehrenden Fischer zu unterstützen.

Die Dorfgemeinschaft versammelt sich bei Sonnenaufgang am Strand, um die heimkehrenden Fischer zu unterstützen.

Also klingelt mein Wecker um sechs Uhr. Ich schwanke wenigen Minuten später schlaftrunken zum Strand. Ich hatte Recht: Jetzt sieht der Malawisee tatsächlich aus wie im Katalog. Die Sonne steht als Feuerball im rot leuchtenden Himmel. Das frühe Aufstehen lohnt sich gleich doppelt: Am Strand herrscht schon reges Treiben. Die Fischer kehren gerade vom Nachtfischen heim. Gestern Abend gegen 22 Uhr sind sie rausgefahren. Als Lichtquellen dienten nur der Mond und jeweils drei bis vier Paraffinlampen, die vorn auf ihren Booten auf ein Brett gedrahtet sind.

Der Malawisee ist überfischt. Der Fang wird von Jahr zu Jahr spärlicher.

Der Malawisee ist überfischt. Der Fang wird von Jahr zu Jahr spärlicher.

Das Ergebnis der Nachtarbeit sind Tausende von winzigen silbernen Fischen, die vorwiegend zu Fischmehl verarbeitet werden. Außerdem ein paar größere Barsche. Die ganz fette Ausbeute, wie vor Jahrzehnten, ist ihnen nicht mehr vergönnt. Der Malawisee ist überfischt.

Für ein paar Kwacha-Scheine wechseln die gefangenen Fische den Besitzer.

Für ein paar Kwacha-Scheine wechseln die gefangenen Fische den Besitzer.

Um 9.30 Uhr verabschiede ich mich von meinen Nachbarn Ursula und Bruno, die mir noch einige Tipps für meine weitere Reise mit auf den Weg geben. Obendrein bekomme ich den guten Rat, die Zeit in Malawi abzukürzen und dafür mehr Zeit in Tansania zu verbringen. Dort gebe es mehr Sehenswürdigkeiten, darunter viel deutsche Kolonialarchitektur. Auch die Menschen seien dort freundlicher als in Malawi. Wir werden sehen.

Auch die Kleinsten Bewohner des Fischerdorfes hoffen, dass am Morgen etwas für sie abfällt.

Auch die Kleinsten Bewohner des Fischerdorfes hoffen, dass am Morgen etwas für sie abfällt.

Fortsetzung folgt

Michael Scholten

Der in Kambodscha lebende Reise- und Filmjournalist Michael Scholten (TV Spielfilm, TV Today, ADAC Reisemagazin, Spiegel Online) hat bisher 123 Länder bereist. Über seine längste Reise, die ihn innerhalb von 413 Tagen in 40 Länder führte, ist das 560 Seiten starke Buch “Weltreise – Ein Tagebuch” erschienen. Es umfasst 68 Farbfotos, viele Berichte über Filmlocations in Kambodscha, Sri Lanka, Neuseeland, Panama etc. und ist für 15 Euro unter www.michaelscholten.com zu haben. 

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