Reisewelten: Malawi (4)

Sonntag, 17. August 2008            

Karonga

Der Koch der Mufwa Lodge stellt einen neuen Rekord in Langsamkeit auf. Oliver, ein reisender Lehrer aus Heidelberg, der Karonga heute verlassen wird, und ich sitzen schon über eine Stunde im Restaurant, doch die einzige Frühstücksvariante, bestehend aus Spiegelei, Pommes, Weißbrot und Nescafé, findet einfach nicht ihren Weg auf unseren Tisch. Weil wir eh noch Reisetipps austauschen – Oliver informiert mich über Tansania, ich informiere ihn über Malawi und Mosambik – können wir die Wartezeit verschmerzen. Weniger witzig finden wir die Bitte einer Hotelangestellten, ob wir schon jetzt unsere Zimmer räumen können, weil die geputzt werden sollen. Außerdem teilt sie mir mit, dass ich nun doch keine weitere Nacht in der Lodge bleiben kann, weil die ab heute ausgebucht sei. Gestern war das noch nicht der Fall.

Kindlich, aber ganz offiziell: Das Wappen der Regierung von Malawi.
Kindlich, aber ganz offiziell: Das Wappen der Regierung von Malawi.

Wir räumen unsere Zimmer demonstrativ nicht vor zehn Uhr, was der offiziellen Check-out-Zeit der Mufwa Lodge entspricht. Ich ziehe in die benachbarte Club Marina Lodge, nachdem ich den Preis von 30 auf 20 US Dollar pro Nacht runterhandeln konnte. Der Weg ins Zentrum, den wir gestern noch per Fahrradtaxi zurückgelegt haben, wird heute per Fuß bestritten. Oliver und ich wundern uns über die eigenwillige Architektur vieler Häuser und Geschäfte in der Altstadt von Karonga. Die bunten Betonfassaden gleichen einer Westernstadt.

Die Architektur in der Altstadt von Karonga gleicht der einer Westernstadt.
Die Architektur in der Altstadt von Karonga gleicht der einer Westernstadt.
Autor Michael Scholten entdeckt in Karonga zarte Anleihen von Poesie.
Autor Michael Scholten entdeckt in Karonga zarte Anleihen von Poesie.

Oliver steigt um 11.30 Uhr in den Bus nach Mzuzu, von wo aus er nach Nkhata Bay umsteigen wird, um ab morgen mit dem Motorschiff Ilala auf dem Malawisee Richtung Süden zu fahren. Ich schlage in den hiesigen Läden und auf dem Markt zweieinhalb Stunden tot, weil der Hauptgrund für meinen Besuch in dieser Stadt sonntags erst um 14 Uhr öffnet: das beste Museum des Landes. Offizieller Name: Cultural and Museum Centre Karonga.

Das „Cultural and Museum Centre Karonga” gilt als das beste Museum in Malawi.
Das „Cultural and Museum Centre Karonga” gilt als das beste Museum in Malawi.

Die Ausstellung umfasst 240 Millionen Jahre und trägt den Untertitel „Von Dinosauriern zur Demokratie”. Entscheidenden Anteil an dem Museum hat der deutsche Paläontologe Friedemann Schrenk. Er kam in den 1980er Jahren erstmals nach Malawi und fand mit seinem Grabungsteam nahe Karonga fossile Überreste des Paranthropus boisei und des Homo rudolfensis. Letzterer wird „Uraha Man” genannt, weil sein Unterkiefer 1991 im nahen Uraha entdeckt wurde. 2,5 Millionen Jahre ist das Fundstück alt und sein früherer Besitzer somit das älteste Mitglied der Spezies Homo überhaupt. Malawi und vor allem Karonga dürfen sich seither „Die Wiege der Menschheit” nennen.

Das Museum zeigt 240 Millionen Jahre Geschichte und trägt den Untertitel „Von Dinosauriern zur Demokratie”.
Das Museum zeigt 240 Millionen Jahre Geschichte und trägt den Untertitel „Von Dinosauriern zur Demokratie”.

Eine Initiative von drei alten Herren in Karonga machte sich dafür stark, dass das passende Museum nahe der Fundstelle gebaut wurde und nicht, wie von der Regierung vorgesehen, in der weit entfernten Hauptstadt Lilongwe. Die Folge war ein Wettlauf der beiden Städte, der im Jahr 2000 zu Gunsten von Karonga endete. Vor allem durch Spendengelder der Europäischen Union und deutsche Hilfe vom Naturhistorischen Museum Senckenberg in Frankfurt, dem Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim und der von Friedemann Schrenk gegründeten Uraha-Stiftung. Nach vier Jahren Bauzeit und 30 Millionen Kwacha Baukosten konnte das Museum im Jahr 2004 seine Tore öffnen. Seither ist es der ganze Stolz der 200.000 Einwohner im Bezirk Karonga.

Eine Schlange aus Kieselsteinen windet sich über den Betonboden der Ausstellungshalle und führt den Besucher zu Sauriern, Hominidenschädeln, primitiven Werkzeugen, Musikinstrumenten und schließlich zu Propagandamaterial des ersten Präsidenten der unabhängigen Republik Malawi.

Die Nachbildung eines viereinhalb Meter hohen Skeletts des Malawisaurus steht im Zentrum der Ausstellung.
Die Nachbildung eines viereinhalb Meter hohen Skeletts des Malawisaurus steht im Zentrum der Ausstellung.

Prunkstück der Ausstellung ist das viereinhalb Meter hohe Skelett des Malawisaurus. In den 1980er Jahren gruben amerikanische Paläontologen Überreste eines Sauriers in der Nähe des Dorfes Mwakashunguti aus. Die Originalknochen des Pflanzenfressers, der vor 100 bis 140 Millionen Jahren lebte, liegen jetzt in einem Lagerraum in Lilongwe. Eine kanadische Firma spendete dem Museum einen Abguss des Skeletts. Die Transportkosten von einer halben Million Kwacha trug der Press Trust Malawi.

Infotafeln an der Wand veranschaulichen, warum Knochensucher ausgerechnet im Umfeld von Karonga so oft fündig werden. Dinosaurier und erste Menschenformen lebten zwar überall in Afrika, doch anderswo liegen ihre Überreste meist unerreichbar tief im Erdreich begraben. Anders in Karonga: Tektonische Kräfte aus dem Nordwesten und Südosten drückten vor 300.000 Jahren die seit Millionen Jahren verschütteten Erd- und Steinschichten wieder an die Oberfläche. Ein Paradies für Paläontologen, die hier einfach nur kratzen statt bohren müssen. Das Hominid Corridor Research Project (HCRP), eine Kooperative von Wissenschaftlern aus Malawi, Deutschland und den USA, ist seit 1982 in dieser Region aktiv. Bis jetzt hat sie 1700 Fossilien entdeckt. Die meisten stammen von Tieren, doch Funde wie der Kiefer des Homo rudolfensis oder die zwei Zähne des Paranthropus robustus lassen auf weitere Sensationen dieser Art hoffen.

Familientreffen: Deutscher Globetrotter trifft auf den Homo rudolfensis, den Paranthropus robustus und andere Vorfahren.
Familientreffen: Deutscher Globetrotter trifft auf den Homo rudolfensis, den Paranthropus robustus und andere Vorfahren.

Weitere Abteilungen des Museums beschäftigen sich mit der sehr viel jüngeren Geschichte Malawis. Darunter die Besiedlung des Nordens durch die Volksgruppe der Ngonde im Jahr 1680 oder die Forschungsreisen des schottischen Missionars Dr. David Livingstone bis zum Malawisee. Der Gottesmann trug entscheidend zum Ende der Sklaverei in allen britischen Kolonien bei, doch in Malawi kämpfte ein Mann vehement für den Erhalt der Sklaverei: Mlozi war ein arabischer Sklavenhändler, der sich selbst Sultan von Ngondeland nannte und mit seinen Ruga-Ruga-Kriegern eine Schreckensherrschaft ausübte. Erst 1895 gelang den Briten der Sieg über Mlozi. Sie erhängten ihn an einem Baum. Was mit seinem Leichnam geschah, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die eine Quelle sagt, eine Hyäne habe ihn gefressen. Die andere Quelle sagt, das britische Königshaus habe sich Mlozis Kopf nach England liefern lassen, um sich selbst vom Tod des Erzfeinds überzeugen zu können.

Auch Deutschland kommt im Museum von Karonga vor. Wurde doch bei der einzigen Seeschlacht, die jemals auf dem Malawisee stattfand, ausgerechnet das deutsche Kriegsboot Hermann von Wissmann versenkt. Die Ursache war die schlechte Kommunikation zwischen der deutschen Kolonialmacht im heutigen Tansania und der deutschen Heimat zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Der britische Befehlshaber in Karonga, Frank Webb, erhielt am 4. August 1914 per Telegramm die Nachricht, dass Großbritannien sich im Krieg gegen Deutschland befindet. Sofort entsandte Webb das Kanonenboot Guendolen und versenkte die Hermann von Wissmann.

Die Deutschen, stationiert im heutigen Tukuyu in Tansania, waren völlig perplex. Sie erfuhren erst durch Webb vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Am 9. September 1914 kam es dann zum Landgefecht zwischen britischen und deutschen Truppen. Karonga war der einzige Ort in Malawi, in dem während des Ersten Weltkriegs gekämpft wurde.

Etwa zur gleichen Zeit begannen in Malawi die Proteste gegen die Kolonialmacht Großbritannien. Es dauerte noch ein halbes Jahrhundert, bis Malawi im Jahr 1964 in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Das Museum stellt die Nationalflagge aus: Rot für das Blut des Freiheitskampfs, Grün für das fruchtbare Land, Schwarz für die Bewohner. Unabhängigkeit bedeutete aber nicht Demokratie. Der erste Präsident Hastings Kamuzu Banda herrschte 30 Jahre lang in einem autokratischen Einparteienstaat. Erst 1994 wurden andere Parteien zu den Wahlen zugelassen. Das Museum in Karonga ist das einzige in Malawi, das auch die jüngste Geschichte zeigt und die Gräueltaten des Ex-Präsidenten nicht ausspart. Die Berichte von Folteropfern gehören ebenso zur Ausstellung wie historische Parteimitgliedskarten, ohne die einem früher der Einkauf auf Märkten oder die Behandlung im Krankenhaus verwehrt wurde.

Der „Malema Nature Trail” lässt sich am besten per Fahrrad erkunden.
Der „Malema Nature Trail” lässt sich am besten per Fahrrad erkunden.

Ich bleibe zwei Stunden im Museum, dessen Bandbreite und Aufmachung mich angenehm überrascht. Ich möchte mehr erfahren über die Geschichte Karongas und buche über das Museum für morgen eine „Historic Tour“. Da ich kein eigenes Auto habe, werden mein zugewiesener Tourguide Danny und ich die Strecke mit Karongas populärstem Fortbewegungsmittel zurücklegen: dem Fahrrad.

Montag, 18. August 2008

Karonga

Wie vereinbart steht mein Tourguide Danny vor dem Museum, als ich um punkt acht Uhr zu Fuß eintreffe. Wir organisieren zwei Fahrräder für unsere heutige gut 30 Kilometer lange „Historic Tour“ in und um Karonga. Ein Angestellter des Museums leiht mir für 400 Kwacha sein Rennrad. Das ist für hiesige Verhältnisse in sehr gutem Zustand. Es hat eine Gangschaltung, und immerhin eine von zwei Bremsen funktioniert.

Die Schulkinder wundern sich über den ungewohnten Anblick eines weißen Touristen, der in die Pedale tritt. Nach elf Kilometern auf der gut ausgebauten Hauptstraße biegen wir rechts auf den Malema Nature Trail ab. Dannys Mountainbike ist besser für den Schotterweg geeignet als mein geliehenes Rennrad. Doch ich darf nicht meckern, heißt dieser Weg doch offiziell „German Road“. Gebaut wurde die Piste in den 1980er Jahren, als der deutsche Paläontologe Friedemann Schrenk hier mit seinen Grabungen nach Fossilien begann.

Natürliche Straßensperre durch neugierige Schulkinder.
Natürliche Straßensperre durch neugierige Schulkinder.

Unseren ersten ungeplanten Stopp legen wir an einer Schule ein, weil die vielen uniformierten Kinder uns am Weiterfahren hindern. Der Anblick meiner Kamera löst bei ihnen eine Massenwanderung aus, die einem Belagerungszustand gleichkommt. Wenig später folgt der erste geplante Stopp: Eine schnöde Betonplatte mit den eingeritzten Informationen „RC 911 P boisei – 10.2.1996 – HCRP“ zeugt von jenem Ort, an dem 1996 Überreste des 2,5 Millionen Jahre alten Paranthropus boisei entdeckt wurden. Bis zum Homo rudolfensis schaffen wir es heute mit dem Fahrrad nicht. Denn um den Fundort vom „Uhara Man“ zu besuchen, bedarf es einer Halbtagestour mit dem Auto.

Krone der Schöpfung trifft auf Wiege der Menschheit: Autor Michael Scholten an jener Stelle, an der die Überreste des 2,5 Millionen Jahre alten Paranthropus boisei entdeckt wurden.
Krone der Schöpfung trifft auf Wiege der Menschheit: Autor Michael Scholten an jener Stelle, an der die Überreste des 2,5 Millionen Jahre alten Paranthropus boisei entdeckt wurden.
Eine schnöde Betonplatte zeugt vom Sensationsfund aus dem Jahr 1996.
Eine schnöde Betonplatte zeugt vom Sensationsfund aus dem Jahr 1996.

Einen Steinwurf von der Betonplatte entfernt zeugt systematisch abgetragenes Erdreich von jüngsten Ausgrabungen. Jeweils exakt ein Quadratmeter wird Schicht für Schicht nach Fossilien durchsucht. Danny sagt, dass genau an dieser Stelle im September und Oktober wieder viele Studenten aus Deutschland und Malawi aktiv sein werden. Alle hoffen, langfristig einen kompletten Schädel oder große Knochen der ersten Menschen zu finden. Bislang musste man sich mit Kiefern und Zähnen begnügen.

Versteinerte Tierknochen werden nach Deutschland und in die USA geflogen, wo mit Hilfe der C-14-Methode ihr genaues Alter bestimmt werden kann.
Versteinerte Tierknochen werden nach Deutschland und in die USA geflogen, wo mit Hilfe der C-14-Methode ihr genaues Alter bestimmt werden kann.

Danny hebt ein paar weißgraue Klumpen auf, die für mein ungeübtes Auge ganz normale Steine sind. Doch bei genauem Hinsehen erkennt man viele feine Fasern. Es sind versteinerte Tierknochen. Fundstücke dieser Art werden nach Deutschland und in die USA geflogen, weil dort mithilfe der C-14-Methode ihr genaues Alter bestimmt werden kann. Danach kommen sie wieder zurück nach Malawi. Aber nicht nach Karonga, sondern in die Hauptstadt Lilongwe. Die Regierung will das so.

Auf der Suche nach Fossilien haben Studenten aus Deutschland und Malawi systematisch das Erdreich abgetragen.
Auf der Suche nach Fossilien haben Studenten aus Deutschland und Malawi systematisch das Erdreich abgetragen.

Wir radeln weiter zum Malema Recreation Center Camp. Die meiste Zeit im Jahr stehen die Hütten Touristen zur Verfügung, die sich vorher anmelden müssen. Doch im September und Oktober werden hier die Studenten aus Deutschland und Malawi wohnen, wenn sie wenige Hundert Meter entfernt bei den Ausgrabungen helfen.

Im Malema Recreation Center Camp wohnen Touristen und Ausgrabungshelfer.
Im Malema Recreation Center Camp wohnen Touristen und Ausgrabungshelfer.

Wir radeln zum Karonga War Cemetery. Auf dem gut gepflegten Friedhof stehen 18 weiße Grabsteine. Die vordere und die mittlere Sechserreihe tragen die Namen britischer Soldaten, die hintere trägt deutsche Namen wie Max Stein, Wilhelm Mayer oder Johann Harnoss. Sie und weitere Kameraden fielen am 9. September 1914 beim Kampf gegen die Briten, die wenig später die deutsch-ostafrikanischen Kolonien im heutigen Tansania eroberten.

Der Kriegsfriedhof von Karonga ist die letzte Ruhestätte deutscher und britischer Gefallener aus dem Ersten Weltkrieg.
Der Kriegsfriedhof von Karonga ist die letzte Ruhestätte deutscher und britischer Gefallener aus dem Ersten Weltkrieg.
Der deutsche Soldat Johann Harnoss fiel am 9. September 1914 beim Kampf gegen die Briten, die wenig später die deutsch-ostafrikanischen Kolonien im heutigen Tansania eroberten.
Der deutsche Soldat Johann Harnoss fiel am 9. September 1914 beim Kampf gegen die Briten, die wenig später die deutsch-ostafrikanischen Kolonien im heutigen Tansania eroberten.

Unser letztes Ziel ist eben jener Ort, an dem die Deutschen starben. Direkt neben dem alten Postamt und einigen Regierungsgebäuden stand ein Affenbrotbaum mit einer höhlenartigen Lücke in seinem mächtigen Stamm. Darin versteckten sich britische Soldaten mit ihren Waffen und warteten auf den deutschen Feind. Der Plan ging auf. Der Baum soll über 1000 Jahre alt geworden sein. Doch im November 2007 starb er, weil ein Mangrovenbaum, der aus dem Stamm des Affenbrotbaums wuchs, immer mehr Platz für sich beanspruchte. Ich sehe heute nur noch die abgebrannten Überreste des Baobabs am Boden liegen.

Heute Ruine, damals Kriegsschauplatz.
Heute Ruine, damals Kriegsschauplatz.
Blick in ein früheres Regierungsgebäude der Kolonialherren.
Blick in ein früheres Regierungsgebäude der Kolonialherren.

Die Tour ist zu Ende. Wir fahren zum Museum zurück. Ich zahle den obligatorischen Preis von 1500 Kwacha plus 500 Kwacha Trinkgeld für Dannys gute Arbeit. Im Hinterhof des Museums treffe ich Brian Hara. Er ist Museumsführer und seit Geburt blind. Das sieht man nicht auf Anhieb, weil Brian gerade auf einem Fahrrad seine Kreise dreht. Vor über einem Jahr habe ich einen Zeitungsartikel über das Museum von Karonga gelesen, in dem auch Brian und sein ebenfalls blinder Bruder Wilson erwähnt wurden. Ich erzähle Brian davon. Er strahlt vor Freude bis über beide Ohren.

Vor dem Hauptpostamt von Karonga weht die malawische Nationalflagge.
Vor dem Hauptpostamt von Karonga weht die malawische Nationalflagge.

Eine Stunde lang unterhalte ich mich mit diesem sehr freundlichen und intelligenten jungen Mann aus Nkhata Bay. Er hat die Journalistenschule in Blantyre besucht, weil er Radiomoderator werden wollte. Doch die Familie konnte das Geld nicht mehr aufbringen. Brian und Wilson mussten die Schule verlassen. Die Museumsleitung in Karonga bat sie zum Vorstellungsgespräch. Seither führt das blinde Brüderpaar die Besucher in perfektem Englisch und punktgenau durch die Ausstellungshalle.

Die heutige Tour mit Danny und die Begegnung mit Brian haben mich abschließend wieder mit Malawi versöhnt. Wie auch die Tatsache, dass ich im vierten Anlauf heute endlich ein Internetcafé finde.

Dienstag, 19. August 2008

Karonga und Tukuyu

Abschied von Malawi. Elf Tage habe ich in diesem Land verbracht, über das ich im Vorfeld so gut wie gar nichts wusste. Viel schlauer bin ich jetzt auch nicht: Ist das Land als Reiseziel zu empfehlen? Bedingt. Die Naturschönheiten wie der Malawisee, die Berglandschaften und die Nationalparks lohnen die Anreise. Doch alles in allem habe ich den Eindruck, dass Malawi schon vom Tourismus verdorben ist, bevor sich der Tourismus überhaupt richtig entwickeln konnte. Unbedacht verteilte Geschenke von früheren Reisenden, und die vielen Millionen Euro, die jedes Jahr an Entwicklungshilfe in das Land gepumpt werden, haben ihre Spuren hinterlassen: Jeder erwartet, dass seine Hände von ganz allein gefüllt werden, wenn er sie nur weit genug aufhält. Kinder wachsen in dem Bewusstsein auf, dass Geld und Essen nicht die Belohnung für Arbeit sind, sondern das Ergebnis von Betteln.

Quo vadis, Malawi? Bei aller Lebensfreude blickt der Nachwuch in eine ungewisse Zukunft.
Quo vadis, Malawi? Bei aller Lebensfreude blickt der Nachwuch in eine ungewisse Zukunft.

Meine Zeit in Malawi wird mir als ein Mischmasch aus Pleiten, Inkompetenz und Chaos in Erinnerung bleiben. Ich wünsche diesem Land und seinen Einwohnern alles Gute. Aber als Besucher wird man mich hier nie wieder sehen.

Der Minibus zur malawisch-tansanischen Grenze kostet 400 Kwacha. Meine Sitznachbarin ist eine verängstigte Henne. Die Beine sind zusammengebunden. Die Hennenhalterin drückt das panisch dreinblickende Geflügel unsanft auf die Rückbank. Je mehr Passagiere in den überladenen Minibus gedrückt werden, desto näher rückt die Henne an mich heran.

Der Bus hält nach 25 Kilometern. Alle steigen aus, der Fahrer verlädt mein Gepäck in den Kofferraum eines Taxis. Ich erfahre, dass ich damit die Fahrt zur Grenze fortsetze. Ich will dafür aber nicht extra zahlen. Muss ich auch nicht. Denn die letzten 22 Taxikilometer sind im Fahrpreis von 400 Kwacha bereits enthalten. Blöd nur, dass auf dem Beifahrersitz schon zwei und auf der Rückbank drei weitere Passagiere sitzen. Der westliche Verstand sagt: Da passe ich nicht mehr rein. Der afrikanische Alltag sagt: Klar doch! Also presse ich mich mit dem Großmuttertrio auf die Rückbank.

Nur 45 Kilometer bis zur Grenze nach Tansania.
Nur 45 Kilometer bis zur Grenze nach Tansania.

Wir erreichen die Grenze. Hier endet die Taxifahrt. Jenseits der Grenze muss ich ein neues Transportmittel finden. Auf malawischer Seite fülle ich den Ausreisebogen aus, auf tansanischer Seite den Einreisebogen. 50 US Dollar soll das Visum für Tansania kosten, doch ich ziehe den Trumpf aus dem Ärmel, den mir Oliver aus Heidelberg am Samstag als guten Tipp mit auf den Weg gegeben hat: „Transit! Ich bin nur auf der Durchreise zum Flughafen von Dar es Salaam.“ Die Rechnung geht auf: Ich zahle lediglich 30 US Dollar.

Michael Scholten

Der in Kambodscha lebende Reise- und Filmjournalist Michael Scholten (TV Spielfilm, TV Today, ADAC Reisemagazin, Spiegel Online) hat bisher 123 Länder bereist. Über seine längste Reise, die ihn innerhalb von 413 Tagen in 40 Länder führte, ist das 560 Seiten starke Buch “Weltreise – Ein Tagebuch” erschienen. Es umfasst 68 Farbfotos, viele Berichte über Filmlocations in Kambodscha, Sri Lanka, Neuseeland, Panama etc. und ist für 15 Euro unter www.michaelscholten.com zu haben. 

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2 Gedanken zu „Reisewelten: Malawi (4)

  1. Ich habe diesen Artikel mit großer Interesse gelesen, denn er beinhaltet u.a. Informationen über meinen Großvater Johann Harnoß. Aus den Überlieferungen meiner Großmutter, die zur damaligen Zeit ebenfalls in Afrika lebte und drei Söhne zur Welt brachte (darunter mein Vater Johannes Harnoß) habe ich Aufzeichnungen über das Leben meiner Vorfahren bis zum schrecklichen Tod meines Großvaters. Meine Großmutter hat Tagebuch geführt und über meinen Vater habe ich diese zur Kenntnis bekommen.
    Leider ist es mir nicht gelungen die Grabstätte meines Großvaters zu besuchen.

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