Michel Houellebecq, 2008 (Bild: Mariusz Kubik)

In der ersten seiner „Interventionen“ erläutert Michel Houellebecq das Kernproblem der Pädophilie: „So wie die Sexualökonomie derzeit beschaffen ist, hat ein reifer Mann zwar Lust auf Sex, doch er hat weder mehr die Möglichkeit, Sex zu haben, noch das Recht. So gesehen ist es nicht besonders erstaunlich, wenn er sich an dem einzigen Wesen vergreift, das ihm keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag: dem Kind.“

Beim zweiten Text handelt es sich um ein Nachwort zum alten Männerhaß-Manifest von Valerie Solanas. Kurzerhand ergreift Houellebecq die Gelegenheit, endlich die Bilanz des real existierenden Feminismus zu ziehen: „Die unendliche Arbeit der Domestizierung, welche die Frauen in den vergangenen Jahrtausenden geleistet haben, um den primitiven Hang des Mannes zu Gewalttätigkeit, Fickerei, Sauferei und Glücksspiel zu unterdrücken und aus ihm eine des Soziallebens halbwegs fähige Kreatur zu machen, wurde innerhalb einer Generation zunichte gemacht.“

Im dritten Beitrag portraitiert der französische Schriftsteller den amerikanischen Pop-Sänger Neil Young in Grund und Boden. Das vierte Kapitel bietet ein Interview, in dem Houellebecq seine berühmte Äußerung, der Islam sei die dümmste aller Religionen noch einmal bekräftigt – und ergänzt: „Die meisten guten Autoren der Vergangenheit von Spinoza bis hin zu Lévi-Strauss – sind zu dem gleichen Schluss gekommen.“ Eigentlich überflüssig zu ergänzen, dass weder Spinoza noch Lévi-Strauss je solchen Unfug von sich gegeben haben.

Und ich habe mich bei der Lektüre der ersten Seite gefragt: Ist der Mann durchgeknallt oder bloß ein Scherzbold? Nach der zweiten Seite verspürte ich nicht einmal mehr den Wunsch, diese Frage zu beantworten. Und auf Seite 3 dämmerte mir, es gibt nur eine Möglichkeit, die 110 Seiten dieses Buches ohne Zerrüttung des Gemüts durchzustehen: Man muss einfach mal klären, wie derart debiler Gesinnungsmüll auch nur bescheidenste Aufmerksamkeit erregen kann? Und in Frankreich zumindest wird der Name Michel Houellebecq ziemlich hoch gehandelt.

Wohl gemerkt, es geht mir nicht um die autobiographische Genese dieser Produktion. Wer schon einmal die Pein hatte, Houellebecq persönlich zu erleben, ahnt, warum der Mann von einer geklonten Menschheit träumt, ahnt, warum dieser Schreiber einen wirren Hass auf Frauen pflegt, und ahnt warum er die westliche Kultur als so überlegen feiert – schließlich erlaubt sie einem wie ihm eine literarische Existenz ohne jeden Hauch von Spiritualität.

Lassen wir also die Abgründe dieser Seele beiseite und fragen nach jener Öffentlichkeit, in der solche Gesinnungsblähungen den Rang intellektueller Einlassungen erlangen können. Zunächst hat Houellebecq sich einen Namen als Meister der gezielten Provokation gemacht – als eine Art Sarrazin der Literatur. Sein Roman „Elementarteilchen“ wäre als hübsche Strandlektüre durchgegangen, überraschte der Autor nicht am Ende seine Leser mit dem Phantasma einer zu ihrem Besten geklonten Menschheit. Erlöst von der Erbsünde der Begierde und anderen wirren Wonnen. Darüber ließe sich vielleicht streiten, doch Houellebecq lädt seine genetische Utopie mit dem zierlichen Verdruss auf, den unsere Zivilisation im Laufe der Zeit über sich selbst angehäuft hat – ungefähr so: Die abendländische Zivilisation ist am Ende. Es bleibt nur noch die Flucht in klinisch-rassische Reinheit. Kurzum, Houellebecq entpuppt sich rasch und deutlich als eine Art Salonfaschist – Ausgabe letzter Hand. Und siehe da: Er hat reichlich Zulauf. Es bricht sich reichlich Bahn, was die Diskurskultur bislang unter dem Deckel zu halten verstand: der Stammtisch des juste milieu.

Auf jeder Seite seiner sogenannten Interventionen gibt Houellebecq sich als Rebell gegen die Zumutungen der politischen Korrektheit. Ganz in der Manier eines Thilo Sarrazin: Man wird doch noch mal die Wahrheit sagen dürfen…. Als ob es je ein Verbot gegeben hätte, über Integration zu reden, als wäre darüber nicht in deutlichsten Tönen geredet worden, und als gäbe es nicht eine geradezu überreiche abendländische Tradition der Islamverachtung. Die rhetorische Strategie dieser Rambos angeblich verbotener Wahrheiten geht so: ich sprechen Klartext, dafür werde ich scharf kritisiert, also habe ich Recht.

Fragt sich nur, warum sich seine Kritiker so vehement auf ihn stürzen. Und es ist wahr, Houellebecq hat für seine tiefsinnige Bemerkung über den Islam als dümmste aller Religionen heftige Kritik einstecken müssen. Warum eigentlich? Die französische und nicht nur die französische Gesellschaft praktiziert sozusagen täglich und routiniert ihre Verachtung für Muslime. Und was ist von Intellektuellen zu halten, die partout nicht dulden wollen, den Islam als dämlich zu bezeichnen, die aber nichts dagegen haben, etwa in Afghanistan Zehntausende von Menschen zu opfern, angeblich um Mädchen wieder den Schulbesuch zu ermöglichen. Was ist Houellebecqs rohe Beleidigung verglichen mit der tätlichen militärischen Aggression gegen Muslime als Zivilisationsauftrag? Mit anderen Worten, die meisten seiner Kritiker verdammen Houellebecq, weil er droht, die Realpolitik mit parafaschistischen Deutungsmustern zu infizieren. Dagegen will auch die politisch korrekte Fraktion des juste milieu ihre politische Reinheit, seine realpolitische Logik verteidigen – auch wenn es sich in Wahrheit weder um korrekte noch besonders logische Haltungen handelt. Und so erklärt die intellektuelle Verfassung seiner Freunde wie seiner Feinde die Aufregung um einen unbeschreiblichen Kasper wie Michel Houellebecq, dem es so – zumindest in Frankreich – tatsächlich gelungen ist, als eine Art Kristallisationspunkt zivilisatorischer Querelen zu wirken. Daran kann man tatsächlich ermessen, dass das Abendland drauf und dran ist, endgültig den Kopf zu verlieren.

Text: Walter van Rossum

Michel Houellebecq erhielt am 08.11.2010 für seinen Roman „La carte et le territoire“ den französischen Literaturpreis Prix Goncourt.

Michel Houellebecq,

Ich habe einen Traum. Neue Interventionen.

Aus dem Französischen von Hella Faust.

Dumont Verlag. Köln 2010. 110 S.

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