David Lynch zum 70.

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David Lynch, fotografiert von Michael Parzanka bei seiner ersten Fotoausstellung in Deutschland. Das Foto entstand in der Galerie Epson-Kunstbetrieb am Abend der Vernissage.

 

Texte von Georg Seeßlen 

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David Lynch – Von der Kunst zum Kino und zurück

epd Film 4/2007

David Lynch gehörte in den 1980er Jahren zu den wenigen Regisseuren, die nach dem Scheitern von New Hollywood eine sehr eigenwillige Filmsprache in die Traumfabrik retten konnten: ein Autor, dessen Karriere vom Kampf des Künstlers mit dem Apparat gekennzeichnet war und an Höhen und Tiefen reicher war als die der meisten Filmemacher seiner Generation.

Frühen Ruhm brachte ihm der unter den Bedingungen des Underground Movie entstandene Eraserhead (1976) ein, ein düsteres, verschlüsseltes, albtraumhaftes und zugleich tief komisches Werk, das ebenso gut in die Kultvorstellung der Midnight Movies wie in die Kunstgalerien passte. Mit Der Elefantenmensch (1980) bewies Lynch, dass er auch mit den Gegebenheiten der professionellen und arbeitsteiligen Filmindustrie umgehen und Narrationsregeln befolgen konnte, ohne seinen Stilwillen zu verlieren. Aber dann entstand mit der Verfilmung von Frank Herberts Dune – Der Wüstenplanet (1984) ein wahres Fiasko, das Dokument eines verlorenen Kampfes, eine der schönsten Filmruinen der Kinogeschichte. Jemand wie Lynch konnte das mittlere Kino der Qualität revolutionieren, nicht aber das Fantasy-Blockbuster-Kino.

Postmodernes Kino

Eine Art Friedensangebot zwischen der Produktion (De Laurentiis) und dem Autor war die Möglichkeit, einen „kleinen” Thriller zu drehen, und so entstand Blue Velvet (1986), ein verstörender Blick auf die Nachtseite der amerikanischen Provinz und eine Reise ins Unbewusste mit ganz und gar neuen Mitteln. Blue Velvet war wie ein Aufbruchsignal für ein Kino, das man später „postmodern” nannte und das sich vom Diktat der klassischen Script-Logik zu befreien begann. Und mit Blue Velvet begann auch die Arbeit der internationalen Lynch-Dechiffrierungsverschwörung; an keinem anderen Regisseur arbeiteten sich die Fans, die Kritiker, die Theoretiker und Leute, die von alledem ein bisschen sind, so ab wie an den geheimnisvollen, anspielungsreichen, irritierenden, traumhaften, mehrfach übermalten, ironischen, gewaltsamen und nicht zuletzt ungeheuer schönen Bildern von David Lynch. weiterlesen

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Crazy Clown Time – David Lynchs Soloalbum

(SPEX)

Wie man der Zeit beim Verrücktwerden zuhört

David Lynch macht Filme, okay, und für seine Filme ist er berühmt geworden. Aber eigentlich ist er einfach ein Künstler, der optisches, akustisches und haptisches Material verwendet. Pop und Avantgarde. Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Subjekthaftigkeit und vor allem: Auflösungen von alledem. Kindliche Naivität, Surrealismus, Americana, Rock’n’Roll, Industriedesign, Mode & Meditation. Die ersten Arbeiten von David Lynch, damals noch auf der Kunsthochschule, waren Klang- und Raumskulpturen, seine ersten Filme benutzten Musik und Geräusche und gerade das, was zwischen beidem liegt, dieses „kosmische“ Atmen und Rauschen, die extrem verlangsamten und repetitiven Songs wie „In Heaven“ etc. nicht bloß als Illustration, sondern, ziemlich direkt, als Herz der Bilder. Als arbeitendes Herz, um genau zu sein.

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Hier kann man zwischen einem Körper und der Welt, in der er sich bewegt, nicht genau unterscheiden. David Lynch behandelt die Welt wie einen Körper, und den Körper wie eine Welt. Musik ist das, was durch beide fließt. Das Blut in einer Nabelschnur. Die wird durchschnitten, die muss durchschnitten werden. Immer und immer wieder. Dieser Schnitt ist der Beginn der Paranoia. Oder ein Beginn von vielen Beginnen. weiterlesen

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Unheimlich traurig. Unheimlich schön

(DIE ZEIT, 05.12.2009)

Ein Filmemacher als bildender Künstler: Das Max Ernst Museum in Brühl entdeckt den ganzen David Lynch

Das Grauen, sagt Edgar Allan Poe, kommt nicht aus Deutschland, sondern es kommt aus der Seele. Wenn er damit auch nur teilweise Recht hat, denn auch die Seelen haben so ihre Reisepläne, beginnt damit doch ein langer Prozess der säkularen Erkenntnis. Das Grauen ist eine Realität. Kick! David Lynch, als Filmemacher wie als Fotograf wie als Maler wie als Skulpteur wie als Designer wie als Musiker wie als Installationskünstler wie als Lyriker wie als Comiczeichner, nur nicht als Konzeptionalist, nur nicht als Theoretiker, nur nicht als Diskursmacher, David Lynch also setzt das fort: Das Grauen kommt nicht aus dem Mythos, sondern aus dem Leben. Das Grauen kommt nicht aus den Seelen, sondern aus den Dingen. Das Grauen kommt nicht aus der Vergangenheit, sondern es ist gegenwärtig. weiterlesen

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Mulholland Drive

(Konkret 01/2002)

»Mullholland Drive« ist wahrscheinlich ein Film, der nicht nur die Lynch-Fans in Verzückung setzen wird, sondern auch bei Lynch-Skeptikern ankommt. Er zeigt die Lynch-Methode der nicht-linearen Erzählweise und der Traumdramaturgie, seine grotesken Nebenfiguren und seine selbstreferentiellen Bildwelten in bemerkenswerter Durchsichtigkeit. Aber anders als in »Lost Highway« wird die Methode nicht für sich vorgeführt. weiterlesen

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Die sonderbare Welt des David K. Lynch

epd Film 02/1987

Einsame Monster: Junge Männer

Von einem ehemaligen bildenden Künstler wie David Lynch erwartet man Filme von einem früheren Maler, so wie man Filme von einem früheren Juristen, einem früheren Kameramann, einem früheren Nervenarzt usw. erwartet. In der Tat bleibt selbst dort, wo sich der Regisseur den Traditionen eines Filmgenres nähert, eine gewisse „Unbeschreiblichkeit” in seinen Arbeiten. Statt der filmischen Wiedergabe einer Geschichte wird eine sehr viel komplexere ästhetische Struktur geboten, in der Bild- und Tonkompositionen weniger irgendwohin, zu einem zu erwartenden und zu berechnenden Ziel, führen als vielmehr fort von etwas, in einem Sog hinunter in eine Welt, in der das Sonderbare nur geschehen kann. weiterlesen

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Bild oben CC BY-SA 3.0  Parzanka – Eigenes Werk / David Lynch, fotografiert von Michael Parzanka bei seiner ersten Fotoausstellung in Deutschland. Das Foto entstand in der Galerie Epson-Kunstbetrieb am Abend der Vernissage.

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lynch teaserTeaser auf Startseite

David Lynch speaking in Washington D.C., January, 2007

en:User:Urbankayaker

 

 

 

 

 

 

 

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