Frauentag

Kathryn Bigelows „The Hurt Locker – Tödliches Kommando“ ist der Gewinner dieser Nacht: Sechs Oscars, darunter die für den besten Film und die beste Regie.

Ihrem Ex-Mann James Cameron und seinem „Avatar“ blieben nur die Trostpreise. Bester Schauspieler (Nebenrolle) wurde der Österreicher Christoph Waltz, Michael Hanekes „Das weiße Band“ hingegen ging leer aus. Das ist schon eine Überraschung: 16 Millionen Dollar gewinnen gegen 1,8 Milliarden Dollar.

Die Einspielergebnisse sind der eigentliche Daseinsgrund der Fabrik Hollywood, und während James Cameron mit „Avatar“ das höchste Einspielergebnis der Kinogeschichte gelang, blieb seine Ex-Frau bei eher mageren 16 Millionen hängen. Eine tragende Mehrheit der knapp 6000 Academy-Mitglieder muss allerdings Gründe gesehen haben, die Magie der großen Zahl, die Aura des Erfolges, nicht als entscheidend zu bewerten.

Dabei, die Juroren hätten sich, begründbar, ohne Peinlichkeit, auch gut für „Avatar“ entscheiden können. Denn dieser Film ist nicht nur extrem erfolgreich, er ist ebenso kreativ, er markiert wohl den Durchbruch des 3D-Kinos. Cameron zeigte, so wie schon mit seiner „Titanic“, wie neue Technologien und große Budgets Kreativität nicht ersticken müssen, sondern befördern können.

Allerdings, „Avatar“ handelt, trotz seiner naiven Rettet-den-Planeten-Geschichte, letzten Endes wohl doch von – nichts. Beziehungsweise einfach vom Zauber-Kino und seinen Möglichkeiten. „The Hurt Locker“ hingegen handelt vom Irakkrieg, von einem Mann, der dort Bomben entschärft – von einem aktuellen Thema also, das Amerika bewegt. Man wird, auch ohne Kenntnis des Sieger-Streifens, schwerlich kritisieren wollen, das der einflussreichste Filmpreis dieser Welt eine wirklichkeitsbezogenen, realistische Arbeit für wichtiger erachtet als die wunderbare Perfektion eines Zivilisations-Märchens.

Ein anderes kommt hinzu, ein Hilfspunkt möglicherweise für schwankende Mitglieder der Academy. Denn mit Kathryn Bigelow erhielt erstmals in der Geschichte des seit 1929 vergebenen Oscar eine Frau den Regiepreis, überdies den für den besten Film. Das hätte Jane Campion für ihren wunderbaren Film „Das Piano“ bereits 1994 passieren können, doch hatte sie das Unglück, in eben jenem Jahr gegen Steven Spielberg und „Schindlers Liste“ antreten zu müssen.

Man wird diese überfällige Entscheidung historisch nennen können und so wurde diese Oscar-Nacht zum Frauentag. Und dass es die Ex-Ehefrau des Verlierers James Cameron war, die ihn schlug, das verleiht diesem Frauentag noch ein zusätzliches leises Lächeln, das wohl auch dem einen oder anderen der Academy-Mitgliedern auf den Lippen gelegen haben mag. Wenn man allerdings den Bildern dieser Nacht glauben will, dann hat James Cameron die Niederlage gegen seine Ex-Frau getragen wie ein Mann und sich höchst ritterlich benommen. Allerdings, vor den Augen der Welt hatte er wohl auch wenig andere Möglichkeiten.

Ab Donnerstag startet der Film in Erfurt, dann lässt sich bewerten, wie angemessen dieser Sieg war. Ein Freudentag war dieser Frauentag auch für Sandra Bullock. Natürlich, den Preis der besten Hauptdarstellerin musste schließlich eine Frau gewinnen, doch dass es diese sein würde, das wäre vor einiger Zeit noch schwer zu glauben gewesen. Denn diese Schauspielerin und ihr Charme standen bislang für die Kino-Komödie. Nun wurde ihr Mut, als 45-jährige das Fach, das Image zu wechseln – und in Hollywood bedeutet das wirklich Mut – belohnt. Und belohnt wurde schließlich auch die langjährige künstlerische Arbeit von „The Big Lebowski“ Jeff Bridges.

Und Deutschland? Deutschland hat nicht verloren, weil es zwar de jure einen Film im Wettbewerb hatte, aber nicht wirklich. Zwar lief „Das weiße Band“ als deutscher Beitrag im Wettbewerb um den besten nicht-englischsprachigen Film, es handelt sich um eine Ko-Produktion mit Österreich, und die Regeln erlauben in solchen Fällen eine Anmeldung für beide Länder.

Doch die kreative Kraft, ohne die es diesen Film, trotz seiner exzellenten deutschen Schauspieler, nicht geben würde, ist der Österreicher Michael Haneke. Und der hat einen düsteren Film inszeniert, an dem es nichts besser zu machen gibt. Es ist ein wenig, als erzähle Haneke hier den Hass österreichischer Intellektueller auf die oberflächlich intakten Fassaden an einer deutschen Geschichte. Und ein wenig mag man hier auch den Eindruck gewinnen, dass deutschsprachige Filme ihre Oscar-Chance dann haben, wenn sie Nazi- oder Stasi-Deutschland erzählen. Dass Michael Haneke erzählt hat, welche Voraussetzungen die deutsche Diktatur erst ermöglichen, das entzog sich dann womöglich dem amerikanischen Verständnis.

Diesen Preis nicht an Haneke zu vergeben, scheint die einzig merkwürdige Entscheidung dieser Saison. Auch die rückhaltlose Zustimmung zu der Auszeichnung für Christoph Waltz ordnet sich dem vorher Gesagten zu. Denn der Österreicher spielt einen Nazi, einen SS-Offizier auf Judenjagd. Das allerdings tut er in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ auf eine so aasige, gleichsam so österreichisch gemütlich-gefährliche Weise, dass dieser Preis für diese Leistung in jedem Fall gerechtfertigt und erfreulich ist. Um so mehr als „beste Schauspieler“ aus nichtenglischsprachigen Ländern eine Rarität sind – obgleich der allererste beste Schauspieler 1929 Emil Jannings war. Nichts gegen Christoph Waltz, aber es wäre schon schön, wenn es einmal keine Nazis sein müssten.

Text: Henryk Goldberg

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