Das Bumstier bumst wieder

Kenner lecken sich bereits die Lippen: In Ravensburg erscheint die historisch-kritische Petzi-Ausgabe
Für Arno Schmidt war er „das Totemtier der Deutschen“: Petzi. Obwohl in Dänemark als Rasmus Klump geboren, machte er im sogenannten Nachkriegsdeutschland schnell Karriere. Sowohl das „Hamburger Abendblatt“ als auch der „Berliner Telegraf“ druckten täglich seine Abenteuer, und es dauerte nicht lange und das nordische Wundertier hielt – gemeinsam mit Jim Knopf und dem Kleinen Wassermann – Einzug in die westdeutschen Kinderzimmer.

Die Häuser Milupa und Bärenmarke haben sich nun zusammengetan, um vereint mit dem  Zwiebackriesen Brandt ein Unternehmen zu stemmen, das einzig in der europäischen Verlagslandschaft dastehen dürfte: Die Abenteuer von Petzi, Pelle, Pingo und Seebär sollen als Loseblattsammlung unter dem Patrozinium der eigens für dieses Unternehmen gegründeten Rasmus-Klump-Stiftung ediert werden. Jetzt wartet die Ravensburger Stiftung nur noch darauf, dass Jan Philipp Reemtsma sein Füllhorn über ihren Kassen ausschüttet, schließlich soll die Edition mit Goldschnitt vom Band rollen.

Kenner lecken sich bereits die Lippen. Denn es steht zu erwarten, dass der sogenannte Bumstier-Zyklus in seiner Urfassung erscheint. Der Hamburger Carlsen-Verlag hatte das „Bumstier“ vor Jahrzehnten in „Klopfschwein“ umgetauft und damit die Handlung arg verwässert. Thomas Mann, der den Zyklus noch in der Urfassung gelesen hat, erinnert sich in Meerfahrt mit Petzi nicht ohne Rührung an die erste Begegnung: „Aber als dann die Stunde der Bereitschaft gekommen war – es war auf dem Lande, in warmen, heiteren Sommertagen, die ich nicht vergesse–, da kannte mein Behagen, mein glückseliges Einverständnis, kannten Entzücken und Dankbarkeit keine Grenzen.“

Auch Petzi und Paffhans soll wieder in der Erstübersetzung zugänglich gemacht werden. Der Paffhans war ins Gerede geraten, als NPD-Politiker Freiexemplare des Werkes, das eigentlich in die Hände von Studienräten gehört, an ostzonalen Grundschulen verteilten. Der Vorwurf: Petzi und Paffhans verleite den Leser zum Mitläufertum. Dabei ging es vor allem um einen Satz, den Pingo seinem Freund Petzi zuruft, als sie versuchen, für Paffhans` „Paff-Zug“ einen Schienenstrang zu legen: „Los, wir tun einfach alles, was er sagt, sonst wird er traurig!“ „Gemeint ist natürlich Paffhans und nicht Hitler“, erläutert der erste Sekretär der Gesellschaft der Petzi-Leser (GPEL), der in seiner Freizeit – „nur so, zum Vergnügen“ – das Lesartenverzeichnis betreut.

So wird es auch bald ein Wiedersehen mit der Schindmähre „Adolf“ geben, die der Carlsen-Verlag in „Adalbert“ umgetauft hatte. Auch hier – in Petzi bei der Ernte – folgt die historisch-kritische Ausgabe zeichengetreu der herrlichen Erstübersetzung.

Und auf noch etwas dürfen wir uns freuen: Die HKPA (Historisch-kritische Petzi-Ausgabe) wird den ungekürzten Briefwechsel mit Sursulapitschi enthalten. Was zunächst verblüfft, da die Echtheit der Texte mehr als fraglich ist, aber hier steht wohl das bei einem Unternehmen dieser Größenordnung legitime Interesse am pikanten Detail im Vordergrund. Außerdem wird zur Zeit die Korrespondenz mit Kröterich und Snoopy gesichtet. Und auch der politische Petzi soll nicht zu kurz kommen. Erstmals dürfte somit Licht auf Petzis Verhältnis zu Putzi Hanfstaengl fallen. (Und natürlich zu Putzis Frau Patsy Brimmer, der aus der Fernsehserie „Die Waltons“ bekannten Flossie-Brimmer-Tochter.)

Flankierend, und für Neulinge wunderbar als Einstieg geeignet, soll Hans Wollschlägers  nachgelassene Petzi-Biographie auf lesefreundlichem, mattgelben Dünndruckpapier vorgelegt werden. Tiere sehen dich an, so der verspielte Titel. In vielem zwar noch Skizze – Wollschläger hat seine Mater Dolorosa bekanntlich nicht mehr vollenden können – ist die Monographie des Ulysses-Übersetzers den bisherigen biographischen Versuchen – man denke nur an Petzis Wien von Brigitte Hamann – weit überlegen.

Erstmals wird das gespannte Verhältnis zu Yogi- und Bussi-Bär, zu Pu und Konsorten mit sorgfältig geputztem psychoanalytischen Besteck seziert, und auch das traurige Ende des dänischen „Problembären“, der bis ins hohe Alter immer Kind blieb – Petzi starb 1975 völlig verarmt in einem Kopenhagener Altersheim – vermag Wollschläger anrührend zu schildern.

Bleibt zu hoffen, dass der Verlag bei seinem ambitionierten Unterfangen, immerhin die erste Loseblattsammlung auf Bütten, nicht auf halbem Wege stecken bleibt, denn der Editionsplan sieht 185 Ordner mit Lesebändchen aus kochfestem Frottee vor. Damit man schon bald, frei nach Wilhelm Busch, rufen kann: „Jahrzehnte war das Bumstier krank! Jetzt bumst es wieder. Gott sei Dank!“

Autor: Wenzel Storch

Erschienen in „konkret“ 3/2011

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