Rumpelstilz und Drosselbart (I)

Ein Galoppritt durch die Kinderstube des Deutschrock. Nebst einer wehmütigen Erinnerung an das Postermagazin „Pop“ und einer Verneigung vor den Politrockpionieren Eulenspygel

Und darum läßt sich eines nie wieder gut machen:
versäumt zu haben, seinen Eltern fortzulaufen.

Walter Benjamin

„Die schmachvolle Anbetung des Fetischs Jugend sollte aufhören“, ruft Günter Zehm den Lesern einer auf den Namen des Erdballs getauften Tageszeitung zu: „Denn die Demokratie ist zuerst für Erwachsene da.”

Als der als Pankraz bekannte Mann – der sich seinen Schmucknamen einst bei den Eisheiligen holte und damit noch heute beim Jugendmagazin „Junge Freiheit“ seine Kolumnen verziert – diesen Appell zu Papier bringt, schreiben wir das Jahr 1972. Die Enterprise schwebt mit ihrer 430 Mann starken Besatzung erstmals über die Schulhöfe, und die Ponderosa wird um einen Esser ärmer: Hoss stirbt an einer Lungenembolie. Der Steinkauz wird Vogel des Jahres.

Ich gehe in die 5 a und die drei Eisheiligen – ein in der großen Pause viel belachter Witz – heißen Langnese, Schöller und Dr. Oetker. Die gesellschaftlichen Verkehrsverhältnisse darf man sich so vorstellen, wie sie der Farbfilm „Ein Mann sieht rot“ zwei Jahre später abbildet: Der Feind steht nicht links oder rechts. Der Feind steht vor dir. Er ist erziehungsberechtigt oder sonstwie weisungsbefugt. Und, daran kannst du ihn erkennen, er ist alt.

Nach Feierabend las “mein Papá“ (Lys Assia) bei einem Gläschen Kellergeister das „Liboriusblatt“, „Stadt Gottes“ oder „Das Echo der Liebe“. Meine Blätter – Fachzeitschriften aus der Welt der Musik – hießen „Popfoto“ und „Pop“. Meine Lieblingsbands hießen Jethro Tull, Creedence Clearwater Revival oder Grand Funk Railroad. Bands, von denen ich nie einen Ton gehört hatte. Je komischer der Name, desto besser gefiel mir die Gruppe. Doch in erster Linie ging ich nach dem Aussehen.

Qualität war damals noch an der Haarlänge erkennbar. Da ich meine Fachmagazine sorgfältig betrachtete, hatte ich bald raus, welche Gruppen gut waren. Die reichbebilderten „Pop“- und „Popfoto“-Hefte bargen in ihrem Inneren vielfarbige Riesenposter. Nicht lange, und ich war inwendig neu tapeziert. Poster an Poster hing in jenem Kämmerlein, das Hermann Hesse die Kinderseele nennt: jene bunte Stube, zu der nur ich den Schlüssel besaß, und von der meine Eltern so gut wie nichts wussten.

Nie im Leben hätte ich zu fragen gewagt, ob ich die wunderschönen Plakate – „bitte, lieber Papi, bittebittebitte!“ – im Kinderzimmer an die Wand hängen dürfe. Schließlich lebten wir glücklich und zufrieden hinterm römisch-katholischen Mond. Um so erstaunter war ich, als im Winter `72 – ich war gerade elf dreiviertel – ein Traum in Erfüllung ging.

Frau Luna (Wachsmalzeichnung von Wenzel Storch)
Frau Luna (Wachsmalzeichnung von Wenzel Storch)

Einmal im Jahr freuen sich die Kinder der Ungläubigen auf den Weihnachtsmann. Der hatte bei uns nichts verloren. Wir warteten mit glühenden Bäckchen auf das Christkind, das am Heiligen Abend seine milden Gaben – frische Unterhosen und Strümpfe, das eine und andere Spielzeug und Teller voller Pfeffernüsse – unter den Tannenbaum legte. Zum Dank wurde  stundenlang geflötet, denn meine Eltern hatten, wie alle Christeneltern, einen Flötenfimmel.

Das Christkind kam hereingeflogen und brachte einen festlich verpackten Kofferplattenspieler. Dazu legte es eine Schallplatte auf den Gabentisch. Ich war baff. Hatte es sich durch die Worte auf meinem Wunschzettel foppen lassen? Und bei „Black Sabbath“ an das Dritte Gebot, an Opfertisch und Liturgie, gedacht? Konnte das Christkind etwa gar kein richtiges Englisch?

Auf alle Fälle war ich ab dem 24. Dezember 1972 im Besitz einer Black-Sabbath-LP. Dachte ich zumindest, als ich die kostbare Schallplatte wie eine Hostie ins Kinderzimmer trug. Hören durfte ich sie am Heiligabend noch nicht, denn morgen, hieß es, sei auch noch ein Tag.

Am ersten Feiertag legte ich die schwarze Hostie auf den Plattenteller. Bis zum Mittagessen hatte ich beide Seiten bestimmt fünfmal durchgehört. Als ich nach dem Pudding zurück ins Kinderzimmer stürmte, waren Platte und Plattenspieler verschwunden. Ich suchte wie verrückt und bald konnte es keinen Zweifel mehr geben: Ich war bestohlen worden. Wie sich herausstellte, von den eigenen Eltern.

Unter Dieben: Weihnacht im Hause Storch (der Autor r. in Strumpfhosen)
Unter Dieben: Weihnacht im Hause Storch (der Autor r. in Strumpfhosen)

Kein Wunder, daß auch ich bald anfing zu klauen. Nachdem es mir gelungen war, alle elf  „Asterix“-Hefte auf einen Rutsch unter den Anorak zu schieben, wurde ich übermütig. „Pop“- und „Popfoto“ mopste ich nun regelmäßig und eines Tages, ich war inzwischen zwölf, passierte es: Eine verschrumpelte Oma hatte mich ins Auge gefaßt und begann laut zu kreischen.

Welche Schmach. Ausgerechnet mit „Popfoto“ mußten sie mich erwischen. Denn „Popfoto“ war nicht halb so gut wie „Pop“, da waren viel zu viele Schlagersänger drin, Spastis wie Bernd Clüver und Jürgen Marcus. Der Kassierer kam angerannt und nahm mich, gemeinsam  mit der Alten, ins Kreuzverhör. Schnell wurde klar: Schlimmer als das Delikt war der Umstand, was ich hatte klauen wollen. Ein Schmuddelheft – voll mit langhaarigen Männern!

Ein Bild nach dem anderen wurde mir unter die Nase gehalten: Bäh. Ob ich später auch mal so rumlaufen wolle? Igitt. Vor Schreck fing ich an, mir in die Hose zu pissen. Wer`s nicht selber erlebt hat, dem sei gesagt: Die Situation ist – von außen betrachtet – heiter, aber man kriegt das Gesicht dazu nicht hin. Still und leise lief die Pisse das Hosenbein hinunter.

Dabei war doch immer alles gutgegangen. Wie oft war man beglückt nach Hause gelaufen und hatte die Beute im Kinderzimmer versteckt. Wie oft hatte man, wenn die Luft rein war,  die Begrüßung überflogen („Hi, Folks“), in den Rubriken „Flash“ („Wolken am Pop-Himmel“) oder „Popla“ („Schleichende Rock-Krise?“) gestöbert, verständnislos die „Lipro“-Seiten überblättert (da ging`s, der Name sagt`s, um Liebesprobleme), die Intimspray-Anzeigen betrachtet oder sich in den Lesergedichten verloren? („Wir machen Radau, weil wir nicht / weinen wollen“, las ich einmal in einem traurigen Klagelied, abgedruckt im winterlichen „Popfoto“ und verfasst „von einem unbekannten Halbstarken“.)

An den Gitarrengöttern mit ihren bizarr geformten, langstieligen Instrumenten konnte ich mich nicht satt sehen. Am Schicksal der Rockbands – an ihren unentwegten Gründungen, Umbesetzungen und Trennungen – nahm ich warmen Anteil. Fiebernd verschlang ich die großen Reportagen. „Was ist los mit Ten Years After?“, „Die Pophochzeit des Jahres“ oder „Eric Clapton – der einsame Superstar“: eine rührende Geschichte, die mit „Seine Eltern wollten ihn nicht haben“ anfing und mit „Jetzt kann er wieder lachen“ aufhörte.

Natürlich versuchte ich auch, die Witze auf der „Crazy-Pop“-Seite zu verstehen. Witze, die noch komplizierter gebaut waren als die Bilderwitze auf der Rückseite von „Leuchtfeuer Ministrant“. Das vom „Arbeitskreis für Ministrantenbildung“ betreute Monatsmagazin mit den bunten A-3-Postern –  mal gab`s einen Brotlaib, mal einen Singvogel zu bewundern – lag  im Unterschied zu den Heften mit den Uriah-Heep-Postern immerhin umsonst in der Sakristei aus und mußte nicht jedes Mal geklaut werden.

Werfen wir – „Wer seinen Horizont erweitert, verkleinert den Himmel“, sagt Klaus Kinski – einen Blick in die Geschichtsbücher: Unter dem Motto „Deutschland erwacht – Popmusik aus deutschen Landen“ fand im September 1968 eine Feierstunde mit Guru Guru, Tangerine Dream und Amon Düül statt, die den meisten Forschern als die eigentliche Geburtsstunde des  Krautrock gilt. „Give Deutsch a Chance, auch wenn`s schwerfällt“, bat „Pop“ 1970 seine Leser, und die Zeit der Lemminge und Elektrolurche, der Leeren Hände und der Wolkenclowns hob an. Plattenfirmen für deutsche Musik wurden eingerichtet und – ganz im Stile der Gründerzeit – auf Namen wie Pilz, Ohr, Zebra, Kuckuck oder Spiegelei getauft.

Und die Bands? Nun, die hießen Parzival oder Odin, Emtidi oder Eiliff. Nannten sich Sitting Bull oder Baumstam, Eloy oder Minotaurus, Grobschnitt oder Sperrmüll, Gomorrha oder Armageddon. Verpaßten sich Namen wie Elster Silberflug und Holde Fee, Ramses, Gäa, Kalacakra und Epidaurus.

Wer sich für was Besseres hielt, hieß Novalis oder Hölderlin. Oder Erlkönig. Oder Wallenstein. Oder gleich Gantenbein („Textrichtung: deutsch, geil + ärgerlich“). Die neue Gantenbein unterm Arm – das sah „schocke“ aus, besonders auf dem Schulhof. Man mußte sich allerdings Sprüche wie „Haste `ne Matralle?“ oder “Du bist wohl nicht ganz edel im Schädel?“ anhören.

Inspiration fanden die deutschen Rocker nicht nur in den Wipfeln unsres Dichterhains. Manch schönen Namen pflückte man zwischen Dornen und Gestrüpp: Im Gehölz der Kindheit – so hieß, glaube ich, eine Lyriksammlung, die ich mal in einer Grabbelkiste fand. Man stöberte unter den Röcken der Großmütter und nannte sich Rumpelstilz oder Drosselbart. Oder, wie die Band des späteren „Rockpalast“-Moderators A. Metzger, Hotzenplotz. Später kam noch Schneewittchen hinzu, ein singendes klingendes Damenkränzchen, dem strahlend und trällernd ein Frollein Angi Domdey vorstand.

Rockmusiker bei der Arbeit (Bleistiftzeichnung von Wenzel Storch, 1985)
Rockmusiker bei der Arbeit (Bleistiftzeichnung von Wenzel Storch, 1985)

Ob Thapsus oder Störenfried: Je bekloppter der Name, desto interessantere Musik vermutete ich dahinter. Was mochte Düde Dürst – ein Schwytzerdütscher – zusammen mit seiner Band Krokodil für Klänge aushecken? Was für dufte Vögel verbargen sich hinter Walpurgis? Ich halluzinierte soft-apokalyptischen Blocksbergrock, zumal der Bassist laut „Popfoto“ Georg Fürchtenicht hieß. Elektrifizierte Besen, mollig warme Harzgeist-Orgeln und schnalzende Peitschenknall-Percussion – angesiedelt im Niemandsland zwischen „Child In Time“ und „Nutbush City Limits“ – gaben sich in meinem Oberstübchen ihr Stelldichein. Dazu ekstatisch tanzende Speckhexen: In meiner noch im Wachstum begriffenen Phantasie wanden sich – bei Donner und Blitz und im Stile der Ikettes – vom Regen durchnäßte Spinatwachteln und Gewitterziegen.

Eine typische Besetzungsliste jener Tage liest sich so: Dieter Weberpals (Flöten, Gong), Mandi Riedelbauck (Sax, Flöte, Fagott), Norbert Kirchner (Gitarre, Percussion), Reinhold Weberpals (Orgel, Piano), Friedel Pohrer (Baß), Yogo Pausch (Schlagzeug, Percussion). Wenn sich die Band dann Gebärväterli nennt und ihr Werk “Im Tal der Emmen” auf Brutkasten Records erscheint, könnten die Lieder dann nicht einfach “Die angespannte Beziehung zwischen einem Schmetterling und einer Distel” heißen? Genau so heißen sie, und man sieht, daß früher alles besser war.

Die Bands hießen eben alle, wie sie wollten: Annexus Quam zum Beispiel. Oder Rufus Zuphall: ein Name, wie aus Zettel`s Traum gepurzelt, jener achtzehn Pfund schweren Wortoper eines beliebten Heidedichters, die viele für so abgedreht halten wie die „Schwingungen“ von Ash Ra Tempel oder die „Affenstunde“ von Popul Vuh.

Gesetzt den Fall, der Bargfelder Einsiedel hätte mit seiner Frau – nach dem Vorbild von Paul & Limpe Fuchs – solipsistische Hausmusikabende veranstaltet, statt verstaubte Schinken wie den Fürst des Elends oder die Anna von Geierstein zu deklamieren: Dem deutschen Volke wäre vielleicht die schönste Etymmusik der Welt geschenkt worden. Und wer kann`s wissen? Vielleicht hätten es die beiden „Dilletanten“ (W. Müller) – mit Alice an den elektrischen Kochplatten und Arno an den verkabelten Zettelkästen – sogar in Helga Feddersens „Plattenküche“ geschafft?

Aber der Traum von der Bargfelder Katzenmusik bleibt natürlich, was er ist: ein schöner Traum, der, sobald die Göttin der Morgenröte ihr puterrotes Haupt erhebt, zu Staub zerfällt. So wie Rufus Zuphall eine x-beliebige Quatschkapelle bleibt, die mit dem Gehirntier hinter den Celler Bergen nicht das geringste zu tun hat, auch wenn die zweite LP hundertmal „Phallobst“ heißt.

Mit dreizehn Jahren, wir schreiben inzwischen das Jahr 1974, geriet ich über Umwege in den Besitz zweier Langspielplatten der Politrockformation Eulenspygel. Es war ein magischer Moment: Die Plattennadel senkte sich und meine Eulenspygel-Phase begann.

Eulenspiegel – so heißen heutzutage Biergärten und Musikkneipen, Buchläden, Kindergärten und uralte Witzeblättchen aus der Zone. Aber Rockbands? Mit dreizehn dachte ich: Warum nicht? Was natürlich am so herrlich unkonventionellen Ypsilon lag. („Weshalb ich mir kein Ypsilon an den Namen genäht habe, ist mir unverständlich“, schüttelte Walter Kempowski noch im hohen Alter den Kopf: „Das hätte den Absatz meiner Bücher vervielfacht.“)

Doch halt! Eulenspiegel mit ie: hieß so nicht vor Urzeiten ein Singspiel des Minne-Rock-Ensembles Ougenweide? Eine Kapelle, der der Dichter Martin Walser einiges verdankt, man schlage einmal dessen vorletzten Roman auf. Der wird bevölkert von Amei Varnbühler-Bülow-Wachtel, Amadeus Stengl, Leonie von Beulwitzen, Erewein von Kahn und Gundi Powolny.

Na, klingelt`s? Wem diese leicht versaut tönenden Namen bekannt vorkommen, dürfte ein Ougenweide-Connaisseur sein. Und die Kritikerzunft muß sich fragen lassen: Wie kann es angehen, daß der preisbehängte Mann vom Bodensee, um sein Werk mit Personal aufzuplustern, wahllos nach alten Plattenhüllen greift? Ohne, daß ihn jemand rügt? In diesem Falle – Angstblüte von 2006 – dürfte es sich um die flüchtig abgeschriebene Besetzungsliste einer Mittsiebziger-Ougenweide-Produktion handeln – vielleicht sogar um „Eulenspiegel“.

„Till Eulenspiegel vom Bürger verlacht, / Lustige Klingel am Rock. / Sei ein Narr und spi-hihi-hihiel“, heißt es frohlockend im Opener von „Eulenspygel 2“, wie die Politrocker von  Eulenspygel ihr Debutalbum von 1971 originellerweise nannten.

„Gut ist`s ein Narr zu sein“ (André Heller), aber ach! Die Menschen – man hört`s mit einem lachenden und einem weinenden Ohr – „verstehen ni-hihi-hicht“: Und schneller als man denkt  kommt der Instrumentalpart, und Till Eulenspygel führt sich – mit seinen klingenden Schellen, seiner Narrenkappe und seiner Zaddeltracht – in den Gehörgängen auf wie der berühmte Elefant im Porzellanladen. Was der „Schelm aller Schelme“ (A. Schmidt) mit seinem Gesang vorne aufbaut: die Musik reißt`s mit dem Arsch wieder ein.

Es empfiehlt sich, hat man die erste Seite durchgehört, sich zunächst einmal flach hinzulegen. Denn die Musik geht schwer auf die Birne. Nur die „Härtesten der Harten“ („Rock Hard“) werden die Kraft aufbringen, die ganze Platte auf einmal durchzuhören, geschweige denn, durchzutanzen. (Letzteren sei unbedingt die Quadrille empfohlen. Aber Obacht. Für eine Eulenspygel-Quadrille sollte man fit sein, zumal sich alle naselang die Gelegenheit für einem  Galopp bietet.)

Die Band ist wahrhaftig mit allen Wassern des Prog- und Konzeptrocks gewaschen. Alle musikalischen Unarten werden nacheinander oder gleichzeitig vorgeführt. Unwirsches Geigengewrummel zum Beispiel. Oder Wettlauf zwischen Gitarre und Orgel. Gern umwerben sich Flötist und Tastenmann, wie es gelegentlich auch Werner Hostermann und Ove Volquartz bei Annexus Quam tun oder Hansi und Öcki bei Xhol Caravan, den späteren Xhol („Motherfuckers GmbH & Co. KG“).

Überhaupt, die Keyboarder! Manch einer malträtierte sein Instrument seinerzeit mit einer Tastenwut, als sei – bibber! – Jon Lords wilde verwegene Jagd hinter ihm her; als säße ihm Rick Wakeman, der Gollum mit dem Elfenhaar und dem funkelnden Herr-der-Ringe-Mantel, wie ein Alb im Nacken; als triebe ihn das fliegendes Mellotron des wallehaarigen Tastengottes immer tiefer in die Sümpfe des Symphonic- und Artrock hinein; oder, schlimmer, als kreiste – wie ein böser Flugsaurier – Rick van der Linden über der unablässig donnernden und dröhnenden Szenerie. (Der Schaden, den Lords “Sarabande” und Wakemans “Six Wifes Of Henry XIII” in den Keyboarderköpfen dieser Welt angerichtet haben, ist noch heute überall zu besichtigen und wird am Jüngsten Tag hoffentlich zur Sprache kommen.)

Doch zurück zu Eulenspygel. Die eierten, Kenner mögen das im Detail auseinanderprokeln, irgendwo zwischen Van der Graaf Generator und Yes, zwischen Procol Harum und Ekseption herum. Was sich für heutige Ohren wie musikalischer Schabernack anhört und streckenweise nach extrem verkorkster Karnevalsmusik klingt, war damals eine todernste Angelegenheit.

Es war die Zeit der nicht enden wollenden Trommelsolos und der tödlichen Plektrumduelle. Wo man hinschaute: Die Bands zerplatzten wie Seifenblasen, um sich sofort neu zu formieren. Die Bandleader kamen nicht mehr ins Bett, denn ständig wurde umbesetzt und  aufgelöst. Es wimmelte von Gruppen, die vor Kreativität barsten. Doch der Ausbruch ungebremster Spielfreude und Könnerschaft hatte Folgen, und schon bald hing die Rockmusik wie ein totes Pferd am Glockenturm.

Tastenwunder K. Emerson: Kugelschreiberzeichnung aus Wenzel Storchs Matheheft (6. Klasse)
Tastenwunder K. Emerson: Kugelschreiberzeichnung aus Wenzel Storchs Matheheft (6. Klasse)

Wie aber sah`s derweil beim kleinen Bruder, dem Jazz, aus? Ach je! Dieser Zappelphilipp unter den Musikstilen pfiff schon lange aus dem letzten Loch, und man brauchte keine Lupe, um zu sehen, daß sich auf seiner Oberfläche ein ekliger Ausschlag gebildet hatte: Jazzrock.

Beim sogenannten Jazzrock – der Begriff steht für klebrige Partnertauschmusik – drängelten sich die Grabbelmusikanten. In immer neuen Konstellationen zappelte und hibbelte alles durcheinander: Wie in einem Ameisenhaufen wimmelten die Jaco Pastoriusse, die Paco de Lucías und die Miroslav Vitoušše, die Gato Barbieris und die Airto Moreiras, die Nippi Nojas und die Zawinullen umeinander. Es war – man kann`s nicht anders sagen – zum Mäusemelken.

Die Eulenspygel-Platte ist vom Jazzrock nur leicht infiziert. Dafür durchzieht sie ein unterschwelliges Modalgenudel, das bei Livegigs bestimmt die Kirchenbänke wackeln ließ. Der dumpfe Klang der drögen Dampforgel paßt allerdings bestens zum vorbeterartigen Gesang, der eine Messerspitze vom Harlekin, zwei Teelöffel vom Pierrot und zwanzig Schöpfkellen vom Rattenfänger hat.

Der eine der beiden Sänger – keine Ahnung, ob Detlev „Keucher“ Nottrodt oder Mulo Maulbetsch – zelebriert weihevoll eine Art gesungenes Wah-Wah: „Sprecht ein Wort, / nur ein Wo-hort, / nur ein Wo-ho-hort“, fleht er in „Son My (My Lay)“ im Duett mit einem Fistelstimmenchor. Seine Adressaten sind die GIs in Vietnam, deren „Emschiegarben in die wehrlose Menge“ prasseln, wozu es aus den Boxen – als säße ein Specht im Geäst – leise knattert. „Das Lied vom Ende“ wiederum wendet sich direkt an den Hörer, und es werden – wir nähern uns der Auslaufrille – dunkle Tage heraufbeschworen: „Wenn du nichts mehr tau-augst, / wenn du nichts mehr tau-au-augst, / wenn du nichts mehr tau-au-au-augst …”

Fortsetzung unter Rumpelstilz und Drosselbart II

Autor: Wenzel Storch
Text veröffentlicht in 10 und 11/konkret 2008

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