Sehenswert: „Minna von Barnhelm“ an Hallervordens Schlosspark Theater in Berlin

Lessings Lustspiel ist nicht klein zu kriegen. Der Gedanke schießt mancher und manchem wohl als erstes in den Kopf, wenn das Stück mal wieder auf einem Spielplan auftaucht. Nun also in Berlin, in dem von Dieter Hallervorden geleiteten Schlosspark Theater. Der Schauspieler führt das Haus bewusst – und erfolgreich – als Bühne für ein mittelständisches Publikum, das im Theater vor allem Unterhaltung sucht, solche, die mit Geist und Esprit glänzt. Das geht nicht immer gut. Wem und wo geht schon immer alles gut?! Sehr oft aber geht es sehr gut. Hier die unsterbliche „Minna“ auf den Spielplan zu setzen, beweist Mut. Denn das berühmte Stück hat es in sich und ist alles andere als mal ebenso schnell-schnell wirksam zu inszenieren und zu spielen. Die Stimmung vor der Premiere war also mit einiger Spannung aufgeladen. Die sich im Laufe des Abends in viel herzhaftem Lachen entlud. Tatsächlich ist es dem Team um Regisseur Thomas Schendel gelungen, einen im besten Wortsinn lustigen Abend anzubieten.

Gespielt wird in historisch anmutenden Kostümen, auch das Bühnenbild versetzt die Zuschauer in die Zeit der Handlung, kurz nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763). Schendel baut in erster Linie auf den Konflikt, der bei Lessing im Vordergrund steht: die Sturheit des Major Tellheim, der ob eines obskuren Ehr-Begriffs beinahe sein Lebensglück verspielt. Katharina Schlothauer als Titelheldin, zum dritten Mal am Schlosspark Theater, und der als Bremer „Tatort“-Ermittler bekannt gewordene Oliver Mommsen im Part des angejahrten Soldaten, und damit zum zweiten Mal an diesem Haus, kitzeln die Pointen aus den Situationen, dass es ein großer Spaß ist. Wer traditionelles Schauspieltheater mag, wird von ihnen gut bedient. Und für das gilt es ja heutzutage, eine Bresche zu schlagen: Ein Großteil des Publikums wünscht es sich, geboten wird’s selten. Dabei hat es seinen Wert als Unterhaltungsangebot, bei dem die kleinen grauen Zellen keineswegs auszuschalten sind, das Werte verteidigt, die wir auch und gerade heute dringend brauchen, wenn wir die bürgerliche Gesellschaft erhalten möchten. Gut, dass es Männer wie Hallervorden gibt, die so was ermöglichen. Es muss nicht immer Castorf sein oder Marthaler oder Ostermeier, so verdienstvoll deren Arbeit auch ist. Auch das Theater traditioneller Art – ganz auf den Text gesetzt, werkgetreu, leicht zugänglich – hat seinen Wert und seine Berechtigung. Viel zu oft wird unterschätzt, wie viele Leute es gibt, die das mögen, die daraus auch einen Teil ihrer Weltsicht beziehen. Sie im Theater nicht zu bedienen, wäre sträflich. Denn dann bliebe ihnen nichts als Dschungel-Dummheiten und anderer Plunder, der, was den Geist angeht, allenfalls das Etikett „billig“ verdient.

Zurück zur Aufführung: Interessanterweise sind es hier nicht die Hauptdarsteller, die der Novität den ganz besonderen Pfiff geben, es sind die „Neben“-Darsteller, allen voran Maria Steurich als pfiffige Franziska, Mädchen für alles im Dienste des Fräulein von Barnhelm. Sie, Franziska, hat die Lacher auf ihrer Seite, wenn sie in schönstem Edel-Sächsisch dem gesunden Menschenverstand zu seinem Recht verhilft, und intensiv berührende Momente, da sie um ihr eigenes Glück kämpft. Das will sie, indem sie einen Ex-Mitstreiter von Tellheim kapern möchte, Paul Werner. Den verkörpert Oliver Nitsche. Und auch er, wie Steurich, setzt gern mal auf leise Momente, die einer Inszenierung, in der vor allem, was legitim ist, laut auf die Tube gedrückt wird, erst die richtige Intensität geben. Wenn Franziska und Paul zusammen kommen, eine Szene von wenigen Sekunden, ist’s, als rissen sich die zwei Akteure die Herzen auf. Nicht wenige im Parkett wischten sich eine kleine Träne der Rührung aus den Augenwinkeln. Das Beste daran: der Moment fügt sich bruchlos ins Ensemblespiel, das Regisseur Schendel mit seinen Arrangements wirkungsvoll aufgebaut hat. Mario Ramos legt als Schlendrian Riccaut de la Marlinière ein effektvolles Feuerwerk an Situationskomik hin, Harald Heinz zeichnet den Wirt, in dessen Herberge sich das Geschehen abspielt, ganz fein zwischen Servilität und Hochmut, Anton Spieker den Just, Tellheims letzten Getreuen, schön schnoddrig als Berliner Type mit Herz und Schnauze, Christian Hartmann offenbart mit genauer Körpersprache im Mini-Auftritt als Feldjäger alle Charakterverbiegung, die seelenlosen Militärs uralter Schule zu eigen ist.

Nein, Video kommt nicht zum Einsatz. Es wird auch nicht uriniert auf offener Bühne. Und statt nackter Tatsachen bieten Minna und ihr Tellheim, wenn sie die Lust überkommt, einen Orkan miteinander streitender Gefühle. Da geht man nachhause, und erinnert sich schon auf dem Heimweg gern an diesen Moment und jenen, an die eine Szene da und die andere – und redet schließlich über den Wandel Europas seit Lessings Zeiten, über die Gefährdung all dessen, was Frauen und Männer sich hier, in Europa in den letzten Jahrzehnten erkämpft haben, durch das Wiedererstarken von Menschenfeindlichkeit in vielen Facetten. Sage also niemand, traditionelles Schauspieltheater, das nicht vordergründig auf die Gegenwart verweist, sei gestrig.

Peter Claus

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